Reader Gewaltp NRW online

100 Hintergrund 12 2/2013 Spannungsfeld zwischen Faszination und Gefahr Cyberlife – eine Studie zu Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern Eine neue Studie mit demTitel „Cyberlife – Spannungsfeld zwischen Faszination und Gefahr. Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern“ sorgte kürzlich für ein erheb- liches Medienecho, aber auch für zahlreiche kritische Einwände aus Fachkreisen. Die Befragung wurde von dem 2011 gegründe- ten „Bündnis gegen Cybermobbing e. V.“ mit finanzieller Unterstützung der ARAG Versicherung durchgeführt. (Diese bietet eine spezielle Cybermobbing-Versicherung (ARAGweb@ktiv) an, was manche Kritiker problematisch finden, zumal die Studie der Öffentlickeit mit dramatisierenden Schlag- zeilen vorgestellt wurde.) Zwischen Novem- ber 2012 und Februar 2013 konnten Eltern, Lehrkräfte und Schüler/innen in Deutsch- land bei einer Online-Befragung Auskunft geben über die Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen zwischen sieben und 22 Jahren. Gefragt wurde nach der Nutzung des Internet, der elterlichen Kontrolle, Er- fahrungen mit Cybermobbing, schulischen Präventions- und Interventionsmaßnahmen und nach Wünschen der Unterstützung. Rund 6.740 Schülerinnen und Schüler, knapp 2.000 Eltern und 660 Lehrkräfte waren in die Auswertung einbezogen. Die Aufforderung zur Teilnahme an der Be- fragung wurde bundesweit breit gestreut und mit insgesamt knapp 9.400 Personen (stark vertreten Nordrhein-Westfalen und Hamburg) hat die Studie viele Menschen erfasst. Gleichwohl handelt es sich nicht um eine repräsentative Untersuchung, da die Auswahl zufällig erfolgte. Fehlende Definition als Kritikpunkt Bevor einige Ergebnisse vorgestellt wer- den, ist es notwendig, einen schwergewich- tigen Kritikpunkt zu benennen, der letztlich viele Aussagen zum Kernthema der Studie – Cybermobbing – relativiert. Da den Be- fragten keine Definition von Cybermobbing vorgegeben wurde, ist davon auszugehen, dass viele beleidigende Internetbeiträge von den Studienteilnehmern zwar negativ bewertet wurden, nicht aber als Cybermob- bing bezeichnet werden können. Fairerweise muss gesagt werden, dass sich auch in den meisten der vorherigen Studien zum Thema Cybermobbing keine allgemein verbindliche Definition findet (siehe auch den Beitrag über den „Forschungsbedarf zum Thema Cyber-Mobbing“ von Kristina Schardt im AJS FORUM 4/2012), sodass die Studien weder eine belastbare Aussage zum Ausmaß von Cybermobbing geben können noch miteinander vergleichbar sind. Wie beim traditionellen Mobbing sollte auch von Cybermobbing nur gesprochen werden, wenn Beleidigungen, abwertende und feindselige Internetmitteilungen län- gerfristig stattfinden und/oder das Ansehen einer Person erheblich herabsetzen und mit Ausgrenzung verbunden sind. Diese Art von Diffamierungen ist ein gravierendes Problem, das nicht mit vorwiegend jugendtypischen Hänseleien oder Beleidigungen in einen Topf geworfen werden sollte. Für diese Sichtweise spricht auch die Tatsache, dass nur rund ein Fünftel der 17 Prozent, die laut der Studie Opfer von Cybermobbing wurden, angaben, längerfri- stig belastet zu sein. Damit lag der Anteil derjenigen, die unter den Vorfällen litten, bei 3,5 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen. Die meisten „Opfer“ gaben an, kurzfristig wütend, verängstigt oder verletzt zu sein. Selbstverständlich ist jeder Betroffene zu viel und Vorbeugung dringend notwendig. Gleichzeitig können wir junge Menschen nur dann ernsthaft sensibilisieren, wenn wir über jugendliches Verhalten und auch Fehlverhalten differenziert sprechen. Dramatisierung in den Medien Leider wurden in den zahlreichen Medi- enberichten vor allem die „dramatischen“ Zahlen hervorgehoben und damit die Chance einer differenzierten Einschätzung der Ergeb- nisse der Studie verpasst. Denn die Studie bietet durchaus inte- ressante Einblicke in die Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen und die damit verbundenen Risiken und Probleme. Aufschlussreich sind auch die Auskünfte über schulische Präventions- und Inter- ventionsmaßnahmen im Hinblick auf die Mediennutzung. Zu begrüßen ist es, dass nicht nur Schülerinnen und Schüler be- fragt, sondern auch Eltern und Lehrkräfte einbezogen wurden. Bei allen Ergebnissen zum Cybermobbing sollte die fehlende Problemdefinition jedoch grundsätzlich mit berücksichtigt werden. Internetnutzung und Kontrolle Laut Ergebnissen der Cyberlife-Studie nutzen fast alle Kinder und Jugendlichen ab zehn Jahren das Internet. Ab dem elften Lebensjahr bis zum Alter von 15-17 Jahren steigt der Internetkonsum stark an und AJS Forum 02_13.indd 12 25.06.13 15:48

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