Reader Gewaltp NRW online

109 13 3/2016 FORUM Zur Fachtagung erschien au- ßerdem die neue Broschü- re „Hate Speech – Hass im Netz “. Sie soll Fachkräfte und Eltern mit Informati- onen und Handlungsem- pfehlungen unterstützen, um Gegenstrategien zu entwickeln. Dazu enthält sie konkrete Tipps für die (me- dienpädagogische) Arbeit mit Jugendlichen. Heraus- geber sind AJS und LfM in Kooperation mit klicksafe. Zu bestellen ist die Broschü- re über www.lfm-nrw.de bzw. zum Download unter www.ajs.nrw.de . Digitaler Hass ist realer Hass In diesem Sinne forderte Kübra Gümüşay, Journa- listin, Bloggerin und Netz-Aktivistin aus Hamburg, mehr Zivilcourage imNetz: Hinschauen, einschreiten, beistehen – so wie wir es auch im analogen Leben tun sollten, wennwir Gewalt beobachten. Denn auch nicht justiziable Inhalte und Hassreden imNetz haben ganz reale Auswirkungen auf die Betroffenen, insbesondere auf Kinder und Jugendliche, die sich noch in der Phase der Persönlichkeitsentwicklung befinden. Der Hass im Netz, so Gümüsay, ist die „digitale Umweltverschmut- zung“, die wir unseren Kindern nicht hinterlassen dürfen und der wir entgegentreten müssen. Von Humor bis Poetry Slam Wie das geschehen kann – dafür bot der Nachmittag einige Beispiele und praktische Impulse. Als jemand, der sich beruflich mit Social Media beschäftigt, gab zu- nächst Sven Gantzkow aus der WDR-Online-Redaktion Tipps zum Umgang mit Hass im Netz. Gerade wo man nicht selbst persönlich betroffen ist, kann Humor und Ironie helfen, mit schwierigen Kommentaren umzuge- hen und/oder gegen hasserfüllte Inhalte Stellung zu beziehen. Auch riet Gantzkow Seitenbetreiber/-innen, Präsenz zu zeigen und immer imKontakt mit den User/ -innen zu bleiben, um sie zu Gegenrede und Diskussi- onen zu animieren. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass entsprechende Mittel und Personalstellen vorhanden sind, wie einige Teilnehmenden aus ihremArbeitsalltag heraus kritisch anmerkten. Auch die Gefahr, Mitarbei- tende durch die ständige Konfrontation mit solchen Inhalten zu gefährden, kam hier zur Sprache. Für die konkrete Arbeit mit Jugendlichen stellten weitere Projekte ihre Arbeit vor. KatharinaWeber vom Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. gab einen Einblick in das Material- und Methodenpaket „Widersprechen! Aber wie? Argumentationstraining gegen rechte Parolen“, das Jugendliche im Umgang mit demokratiefeindlichen und menschenverachten- den Äußerungen schult und zu Peer Coaches ausbil- det. Auch das europäische Projekt BRICkS (Building Respect on the Internet by Combating Hate Speech), das Aycha Riffi vomGrimme Institut vorstellte, richtet sich direkt an Jugendliche und führt Workshops an Schulen durch, umgemeinsammit den Schüler/-innen über ihren digitalen Lebensraum zu sprechen und Gegenstrategien zu entwickeln. Noch einen Schritt weiter ins Netzmacht das Projekt NoNazi.net der Ama- deu Antonio Stiftung, das Radikalisierungsprävention direkt in den Sozialen Netzwerken betreibt und sich an Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren richtet. Als eine weitere Möglichkeit, mit Jugendlichen zum Thema Respekt im Netz zu arbeiten, stellte Ulrike Schmidt, Geschäftsführerin der Community- und Informationsplattform LizzyNet, den Schreib- und Kreativwettbewerb #netzheldin vor. Mädchen und junge Frauen waren aufgerufen, Beiträge zum Thema Respekt, Hass und Belästigung einzureichen. Die Gewinnerin der Wettbewerbs, die Poetry-Slammerin Nora Fritzsche (AJS) fritzsche@mail.ajs.nrw.de und Bloggerin Kim Salmon trug schließlich ihren Text „Meine metaphorischen Brüste“ vor, der sich mit sexistischen Sprüchen und Belästigung im Netz auseinandersetzt. 2 Denn auch wenn rassistische und rechtsextreme Hetze in Zeiten der Flüchtlingskrise verständlicherweise häufig im Zentrum der Debatte stehen, machen auch sexistische Inhalte einen nicht zu unterschätzenden Teil der hasserfüllten Kommen- tare aus. Mädchen und junge Frauen, die im Netz ihre Meinung äußern, erleben nachweislich ab dem frühen Jugendalter sexistische Beleidigungen oder sogar Dro- hungen. Niemand will, dass Mädchen sich aus Angst vor Gewalt aus dem öffentlichen Raum zurückziehen. Im digitalen Raum darf das nicht anders sein. Mund aufmachen Grundsätzlich gilt: Hass und Hetze dürfen auch im Internet keinen Raum finden. Diffamierungen imNetz sind ernst zu nehmen und dürfen nicht als reines „In- ternetproblem“ gesehen werden. Denn hasserfüllte Kampagnen im Netz sind nicht selten Katalysator realer Gewalt im analogen Leben. Ein Gradmesser dieser Stimmung sind die aktuellen Zahlen des Bun- deskriminalamtes (BKA): So haben sich die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte 2015 gegenüber dem Vorjahr verfünffacht. Insgesamt zählte das BKA 1005 Attacken, 901mit klar rechtsradikalemHintergrund. Die Hetze in Sozialen Netzwerken, so der BKA-Chef Holger Münch, bildet den Nährboden solcher Taten. 3 Schon 2015 hat sich die LfM daher in ihrem öffentlichen Appell „Für Meinungsfreiheit – gegen Hetze im Internet“ klar positioniert und mit dem TV-Lernsender nrwision im Laufe der letzten Monate zahlreiche #NoHateSpeech- Clips produziert. Am Tagungsort bot nrwision auch den Teilnehmenden dieMöglichkeit, imRahmen dieser Kampagne eigene #NoHateSpeech-Appelle aufzuneh- men. Im Laufe des Tages entstanden so zahlreiche weitere Clips, in denen Tagungsteilnehmer/-innen Aufrufe gegen den Hass im Netz formulierten: „Mund aufmachen, nicht wegschauen – im Netz genauso wenig wie draußen vor der Haustür.“ 4 In Kooperationmit: INFORMATIONENFÜR FACHKRÄFTEUNDELTERN HATE SPEECH HASS IM NETZ AJS FORUM 3-2016.indd 13 15.09.16 11:57 1. Gewaltphänomene | Hate Speech

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