Reader Gewaltp NRW online

111 1. Gewaltphänomene | Rechtsextremismus 13 3/2000 Aggression ist ansteckend wie Cholera Die Bekämpfung rechtsextremistischer Gewalt muß auf drei Ebenen ansetzen Grundgesetzänderung beim Demon- strationsrecht, NPD-Verbot und umfas- sende Videoüberwachung - die hastige Suche nach schnellen Lösungen täuscht über die Langfristigkeit des Problems hinweg. Konzepte, die die sozialen und psychologischen Motive rechter Gewalt berücksichtigen, werden sich aber auf langfristig angelegte und differenzierte Ansätze konzentrieren müssen. Ein wesentlicher Fehler der kontrovers geführten Debatte liegt in der Verwechs- lung von Einstellungsmustern und Ver- haltensbereitschaften. Entweder wird auf die Veränderung rechten Gedankenguts abgezielt, wie dies etwa die sogenannte akzeptierende Sozialarbeit versucht. Oder massive Maßnahmen von Polizei und Justiz sollen Abschreckung erzielen. Die erste Annahme setzt voraus, daß rechte Straftäter in ihren Einstellungen entscheidend beeinflußbar seien, und daß aus solchen Meinungsänderungen in der Folge auch die Gewaltbereitschaft abnehmen soll. Diese Theorie – Mei- nungsänderung gleich Verhaltensände- rung – ist aber seit Jahrzehnten von der Sozialpsychologie widerlegt. Die andere Herangehensweise unter- stellt, daß der heranwachsende Gewalttä- ter urplötzlich in Erscheinung tritt und nur durch repressive Maßnahmen bekämpft werden kann. Dieser Ansatz vernach- lässigt die Entstehungsbedingungen von Ressentiments und den Nährboden der Gewalt. Tatsächlich kündigen sich massive Gewalthandlungen eines spä- teren Straftäters bereits durch zahlreiche Symptome während Kindheit und Jugend an, auf die frühzeitig durchaus noch erfolgversprechend Einfluß genommen werden kann. Rechte Straftaten gegen Minderheiten, schwache und unterlegene Personen sind in erster Linie Ausdruck eines Gewaltproblems. Über ein entwickeltes und geschlossenes rechtes Weltbild aber verfügen die meist jugendlichen Täter keineswegs. Vielmehr dienen rechte ideologische Versatzstücke als Rechtfertigung, um die ohnehin bereits vorhandene Gewaltbereitschaft in kon- krete Übergriffe münden zu lassen. Die Dürftigkeit der Begründungen und das häufig dumpfe Schweigen der Täter bei Verhören und Verhandlungen lassen keinen Zweifel an der bloß stützenden Funktion rechter Gedanken. Hasstiraden haben somit eine Korsettfunktion für das Selbst. Sie sollen sich und anderen die eigene Destruktivität erklären, um nicht vor ihr zu erschrecken. Wäre es anders, müßten sich rechte Gewalttäter – ähnlich wie Hooligans vor ihren Taten – nicht in Stimmung trinken und durch Hetzparolen vorab stimulieren, um ihre Aggressions- hemmung zu senken. Akzeptierende Sozialarbeit hat daher aus zwei Gründen einen grundsätzlich falschen Ansatz. Jede psychosoziale Intervention müßte sich der latenten Gewaltbereitschaft rechter Gewalttä- ter annehmen. Versucht man jedoch lediglich, rechte Gedanken zu beein- flussen, wird damit die grundlegende Destruktivität nicht erreicht. Aus diesem Grund sind rechte Jugendliche in ihren Orientierungen tatsächlich nur wenig be- einflußbar. Denn selbst wenn ihre rechten Überzeugungen nachließen, würden sich die Jugendlichen wegen der fortbeste- henden Gewaltneigung, die ja durch Einstellungsänderungen unbeeinflußt bleibt, lediglich neue Feindbilder suchen müssen. Aus den genannten Gründen sind besonders solche Jugendliche, die bereits Gewalterfahrungen haben oder latente Bereitschaft zur Ausübung von Gewalt besitzen, für rechte Ideologien besonders anfällig. Rechtes Gedanken- gut bietet zahlreiche Feindbilder, die dem Haß Möglichkeiten der scheinbar gerechtfertigten Abfuhr bieten. Auch die Annahme, Ventile für ag- gressives Verhalten zu schaffen, senke die Gewaltneigung, ist irrig. Aggression ist ansteckend wie Cholera, stellte der Wiener Konfliktforscher Friedrich Hac- ker fest. Für gewaltbereite Jugendliche bedeutet dies, daß die Hemmschwelle immer weiter sinkt, je mehr Gewalt ohne Konsequenzen ausgeübt werden kann. Wenn innere Strukturen zur Regulation von Affekten und Impulsen fehlen, wer- den äußere Grenzen benötigt. Da solche Ich-Funktionen häufig nur noch bedingt oder gar nicht nachreifen, sind dauer- hafte äußere Eingrenzungen zur Ge- walteindämmung notwendig. Wenn aber äußere Strukturen fehlen, suchen sich Jugendliche eigene Vorbilder und finden sie häufig genug in den überschaubaren Thesen rechtsextremistischer Ideologien. Dennoch ist engagierte Sozialarbeit keineswegs sinnlos, wenn sie rechtzei- tig ansetzt. Denn Gewalttäter fallen fast immer bereits im Vorfeld in Kindergärten, Schulen und im Wohnumfeld auf. Wenn allerdings Jugendämtern nur wenig Mittel für sozialpädagogische Familienhilfen zur Verfügung stehen, werden notwen- dige präventive oder therapeutische Maßnahmen unterlassen, wo sie noch erfolgversprechend sein könnten. Tat- sächlich können eingrenzende, Halt und Struktur gebende regelmäßige Besuche mit Hilfsangeboten für Haushalt und Alltag durchaus aggressions- und gewaltredu- zierend in den Familien wirken. Die Vorgeschichte gewalttätiger Ge- fängnisinsassen oder Patienten forensi- scher Einrichtungen ist mit großer Regel- mäßigkeit von Gewalt und Verwahrlosung im familiären und Wohnumfeld geprägt. Polytraumatisierte Kindheiten schaffen Straftäter, die ihre Traumata an andere weiterreichen. Eingegriffen wird meist erst, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Somit hat die Bekämpfung rechtsex- tremistischer Gewalt auf drei Ebenen anzusetzen: ● Der Prävention hinsichtlich der Entstehungsbedingungen für Gewalt - ob sie sich rechtsextrem oder anders äußert. Dies hat durch engagierte und umfassende Familien-, Wohn- und Bil- dungspolitik zu geschehen. Eine solche Politik ist anders als die gegenwärtigen raschen Aufrufe nicht zum Nulltarif zu haben. Streichorgien bei Jugend- und Freizeitarbeit hatten und haben fatale Konsequenzen – ebenso wie die Ausdün- nung psychosozialer Netzwerke. ● Zweitens muß den bereits vorhan- denen Gewalttätern konsequent be- gegnet werden. Diese polizeiliche und strafrechtliche Verfolgung basiert auf der Notwendigkeit, den fehlenden inneren Regulationsmechanismen der Straftäter äußere entgegenzusetzen, ohne welche Affekt- und Impulskontrolle der eigenen Destruktivität nicht mehr möglich ist. ● Schließlich ist dem akzeptierenden und unterstützenden Umfeld zu begeg- nen, das rechte Gedanken bis hin zur Gewalt duldet oder gutheißt. Andernfalls werden sich Gewalttäter als verlängerter Arm eines schweigenden Bürgertums oder einer zu Taten zu schwachen Politik phantasieren. Ein konzeptionsloses Hin- und Her- taumeln jedoch vermittelt enttäuschende Schwäche. Die Politik wird sich daran messen lassen müssen, inwieweit sie bereit ist, die verbale Sorge um einen Rechtsruck in klare Konzepte zu gießen und sie auch umzusetzen. Der Artikel ist – von der Redaktion gekürzt – der Frankfurter Rundschau entnommen. Autor/ in sind Andrea Schneider und Micha Hilgers

RkJQdWJsaXNoZXIy MTQ0NDgz