Reader Gewaltp NRW online
113 2/2001 13 Teilhabemöglichkeit für Kinder und Jugendliche an gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen erforderlich.“ Die vom Land unterstützten Programme zur „Deeskalation” und die besondere Förderung von Mädchenarbeit seien darüber hinaus wichtige Bausteine, um Jugendliche gegen Fremdenfeindlichkeit immun zu machen und Widerstand gegen Rassismus zu zeigen. Wer genügend Selbstvertrauen habe, lasse sich nicht so leicht von falschen Führern beeinflussen, erklärte die Ministerin. Obwohl der Anteil Jugendlicher mit rechtsextremistischen, rassistischen und ausländerfeindlichen Meinungen in den letzten Jahren mit zehn Prozent gleich geblieben ist, haben autoritäre Vorstel- lungen, Ausländerhaß und Nationalstolz zugenommen. Dies berichtete Hilde Utzmann vom Polis-Institut aus München. Sie sagte, daß über 60 Prozent der 14 bis 24Jährigen in NRW aufgrund einer von Polis imAuftrag des Jugendministeriums durchgeführten Befragung der Meinung seien, daß „Deutschland eine starke Hand“ brauche. Die Ergebnisse zeigen außerdem, daß das Verhältnis zur Gewalt eindeutig geschlechtsspezifisch sei: 85 Prozent der Mädchen und jungen Frauen macht Gewalt Angst, aber nur 55 Prozent der Jungen und jungen Männer. Die Ge- waltakzeptanz sei stärker bei jungen Männern ausgeprägt als bei Mädchen. Für die Bochumer Erziehungswissen- schaftlerin Hildegard Mogge-Grotjahn von der Evangelischen Fachhochschule ist es daher besonders wichtig, die gängigen Erklärungsmuster für die En- stehung von Rechtsextremismus unter einer „geschlechtsspezifischen Frage- stellung” zu betrachten. Ihren Untersu- chungen zufolge weisen Mädchen in rechtsextremen Gruppierungen selten ein „geschlossenes Weltbild” auf – wie so oft bei den männlichen Gruppenmitgliedern. Viel häufiger finden sich „Mischungen” aus Idedeologie-Versatzstücken, in de- nen rechtsextreme mit feministischen und (klein-)bürgerlichen Auffassungen verbunden sind. (AJS/en) Was heißt Zivilcourage oder sozialer Mut im Alltag? Thesenpapier zum Fachforum am 11. Juni in Duisburg von Prof. Dr. Gerd Meyer, Tübingen Zivilcourage ist eine Art prosozialen Handelns in bestimmten Situationen, die charakterisiert sind durch: ● ein Geschehen, das das subjektive Wert- oder Gerechtigkeitsempfinden einer Person verletzt; ● einen daraus resultierenden Konflikt mit anderen; ● Handlungsdruck, aber auch Handlungs- spielraum; ● Öffentlichkeit (mehr als zwei Personen sind anwesend); ● ein reales oder subjektiv wahrgenom- menes Machtungleichgewicht zum Nachteil dessen, der mutig handeln will, etwa in einer Minderheits-/Mehrheitssi- tuation in Gruppen oder als Verhältnis der Über-/Unterordnung, oft verbunden mit Anpassungsdruck; ● Risiken, das heißt der Erfolg zivilcou- ragierten Handelns ist unsicher und es sind eher Nachteile zu erwarten. ● Zivilcourage folgt primär ideellen, nicht- materiellen Motiven, Werten und Inter- essen. Sozial mutiges Handeln ist i.d.R. gewaltfrei. Wir können drei Arten des (Nicht-)Han- delns mit Zivilcourage unterscheiden: 1. Eingreifen vs. Nicht-Eingreifen zugun- sten anderer, meist in unvorhergesehe- nen Situationen, in denen man schnell entscheiden muß, was man tut. 2. Sich-Einsetzen vs. Sicht-nicht-Einset- zen – meist ohne akuten Handlungs- druck – für allgemeine Werte, für das Recht oder für die legitimen Interessen anderer, vor allem in organisierten Kon- texten und Institutionen. 3. Sich-Wehren vs. Sich-nicht-Wehren z. B. gegen Ungerechtigkeit. Ergebnisse einer empirischen Studie und Ansatzpunkte für die Praxis: Was ist förderlich, was ist hinderlich für zivilcouragiertes oder sozial mutiges Handeln im Alltag? ● Moralische Vorstellungen und Gefühle ● Verantwortung, soziale und emotiona- le Nähe ● Soziale Kompetenzen,Angst und Selbst- sicherheit. ● So z i a l e O r t e u n d Ö f f e n t l i c h - keiten: Hand l u n - gsspielräume und Einflußschancen. ● Die soziale Position ● Vor- und Nachteile ● Autoritätsbeziehungen und Sozialisati- on in der Familie ● Konformität ● Gewalt ● Gesamtgesellschaftlich vermittelte Fak- toren. Wie man Zivilcourage fördern kann. Gefragt sind demokratische Alltag- spraxis, pädagogisches Handeln und ein eingeübtes Lernen. Wichtiger noch als die gewalthaltigen Situationen im öffentlichen Raum scheint uns das alltägliche Handeln amArbeitsplatz, in Bildung und Erziehung, in Verwaltung und Politik. Wenn unsere Gesellschaft d.h. die Mächtigen wie die sog. Normalbürger in den Schlüsselberei- chen Wirtschaft, Verwaltung, Bildung und Politik Zivilcourage wirklich fördern will, so könnte dies zunächst dadurch geschehen, daß der mutige Einsatz für andere, das Eintreten für Gerechtigkeit, produktives Insistieren auf Basiswerten und legitimen allgemeinen Interessen viel positiver als bisher bewertet und anerkannt werden. Nicht weniger wichtig ist die Veränderung von Strukturen, die Machtlosigkeit und Angst erzeugen, das konkrete Verhalten von „Chefs“ und eine Streitkultur, die Nonkonformität und Zivilcourage nicht diskriminiert oder gar bestraft. Die Erfolge von Seminaren und Übungsprogrammen zeigen: Zivilcourage kann man lernen, sozialen Mut kann man einüben – mindes- tens teilweise. Insgesamt kommt es darauf an, nicht nur kognitive und sozial-reflexive Lernprozesse anzuregen, sondern Zivil- courage praktisch erfahrbar zu machen, zunächtst etwa in Rollen- und Planspielen, vor allem aber durch eine vorgelebte, er- mutigende soziale Praxis. Prof. Dr. Gerd Meyer Institut für Politikwissenschaft der Uni- versität Tübingen gerd.meyer@uni-tuebingen.de @ 2/2001 13 Teilhabemöglichkeit für K nde und Jugendliche an gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen erford rlich.“ Die vom Land unterstützten Programme zur „Deeskalation” und die besonder Förderung von Mädchenarbeit seien darüber hinaus w chtige Baust ine, m Jugendliche gegen Fremdenfeindlichk it immun zu achen und Widerstand gege Rassismus zu zeigen. Wer genügend Selbstvertrauen habe, lasse sich nicht so leicht von falsche Führer beeinfluss n, erklärte die Minist rin. Obwohl der Anteil Jugendlicher mit rechtsextremistischen, rassistischen und ausländerfeindlichen Meinu gen in den letzten Jahr mit z hn Proze t gleich geblieben ist, haben autoritäre V rstel- lungen, Auslä derhaß und Natio alstolz zugenomm . Dies berichtet Hild Utzmann vo Polis-Institut aus München. Sie sagte, daß über 60 Prozent der 14 bis 24Jährigen in NRW aufgrund einer von Polis imAuftrag des Ju endministeriums durchgeführten Bef agung der Meinung seien, daß „Deutschland eine starke Hand“ brauche. Die Ergebnisse zeigen auß rdem, daß das Verhältnis zur Gewalt eindeutig geschlecht sp zifi ch sei: 85 Prozent der Mädchen und ju ge Frau macht Gewalt Angst, aber nur 55 Prozent der Jungen und jungen Männer. Die Ge- waltakzeptanz sei stärk r bei jungen Männern ausg prägt als bei Mädchen. Für die Bochumer Erziehungswissen- schaftlerin Hildegard Mogge-Gr tjahn von der Evangelischen Fa hochs ule ist es dah r besonders wichtig, die gängigen Erklärungsmuster für di En- stehung von Rechtsextremi mus unter einer „g schlecht sp zifi ch n Frag - stellung” zu betrachten. Ihren Untersu- chungen z folge weisen Mädchen in rechtsextr men G uppierungen selten ein „geschloss nes Weltbild” auf – wie so oft bei den männlichen Gruppenmitgli dern. Viel häufiger finden sich „Mi chungen” aus Idedeologi -Versatzstücken, in d - nen rechtsextreme mit feministischen und (klei -)bürgerlichen Auffassungen verbunden sind. (AJS/en) Was heißt Zivilcourage oder sozialer Mut im Alltag? Thesenpapier zum Fachforum am 11. Juni in Du sburg von Pr f. D . Gerd M yer, Tübingen Zivilcourage ist ein Art prosozialen Handelns i b stimmten Situationen, die charakterisiert sind durch: ● ein Geschehen, das das subjektive Wert- oder Gerechtigkeitsempfind n einer Person verletzt; ● einen daraus resultierenden Ko flikt mit anderen; ● Handlungsdruck, aber auch Handlungs- spielraum; ● Öffentlichkeit (mehr als zwei Personen sind anwesend); ● ein reales od r subjektiv wahrgenom- menes Machtungleichgewicht zum Nachteil dessen, r mutig handeln will, etwa in einer Minderheits-/Mehrheitssi- tuation in Gruppen oder als Verhältnis der Über-/Untero dnung, oft verbunden mit Anpassungsdruck; ● Risiken, das heißt der Erfolg zivilc u- ragierten Hand l s ist unsicher d es sind eher Nacht ile zu erwarten. ● Zivilcourage f lgt primär ideellen, nicht- materiellen Motiv , Wert und Inter- essen. Sozial mutiges Hand ln ist i. .R. gewaltfrei. Wir können drei Arten des (Nicht-)Han- delns mit Zivilcourage unterscheid n: 1. Eingreifen vs. Nicht-Eingreifen zugun- sten ander r, meist in unvorhergese - nen Situationen, in denen man schnell entscheiden muß, was man tut. 2. Sich-Einsetzen v . Sicht-nicht-Einset- zen – meist ohn akute Handlungs- druck – für allgemeine Werte, für das Recht oder für die legitim n Interesse anderer, vor all m in organisierten Kon- t xten und Instit tionen. 3. Sich-Wehren vs. Sich-nicht-Wehren z. B. gegen Ungerechtigk it. Ergebnisse ei er mpirischen Studie und Ansatzpu kte für die Praxis: Was ist förderlich, was ist hinderlich für zivilcouragiertes oder ozial mutiges Handeln im Alltag? ● Moralische Vor tellungen und Gefühle ● Verantwortung, s ziale und emotiona- le Nähe ● Soziale Kompet nzen,Angst und Selbst- sicherheit. ● So z i a l e O r t e u n d Ö f f e n t l i c h - keit n: Hand l u n - gsspielräume und Einflußschancen. ● Die soziale P sition ● Vor- und Nachteile ● Autoritätsbeziehungen und Sozialisati- on in der Famili ● Konformität ● Gewalt ● Gesamtgesellschaftlich vermittelte Fak- toren. Wie man Zivilcourage fördern kann. Gefragt sind demokratische Alltag- spraxis, päd gogisches Hand ln und i eingeübt s L rnen. Wichtiger noch als die gewalthaltigen Situationen im öff tlichen Raum scheint uns das alltägliche Handeln amArbeitsplatz, in Bildung und Erziehung, in Verwaltung und Politik. Wenn uns re Gesellschaft d.h. die Mächtigen wie die sog. Normalbürger in den Schlüsselberei- ch n Wirtschaft, Verw l ung, Bild un Politik Zivilcourage wirklich fördern will, so könnte dies zunäch t dadurch gesche en, daß der mutig Einsatz für andere, das Eintreten für G rechtigkeit, produktives Insistiere auf Basiswerten und l gitimen allgemeinen Int resse vi l positiv r al bisher bewertet und anerkannt werde . Nicht weniger ichtig ist die Veränd rung von Strukturen, die Machtlosigkei und Angst erzeugen, das konkrete Verhalt n von „Chefs“ und eine Str tkultu , die Nonkonformität und Zivilcourage nicht di kriminiert oder gar bestraft. Die Er olge von Seminaren und Übungsprogrammen zeigen: Zivilcourage kann man lernen, sozialen Mut ka n man ei übe – mindes- tens teilw ise. Insge amt kommt es darauf an, nicht nur kognitive und sozial-reflex ve Lernprozesse anzurege , sond rn Zivil- courage praktisch erfahrbar zu m chen, zunächtst etwa in Rollen- und Planspielen, vor allem aber durch ine vorgel bte, er- mutigende soziale Praxis. Prof. Dr. Gerd Mey Institut für Poli ikwissenschaft der Uni- versität Tübingen gerd.mey r@uni-tuebingen.de @ 1. Gewaltphänomene | Rechtsextremismus
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