Reader Gewaltp NRW online

115 2. Die Kinder- und Jugendhilfe ist ein exzel- lentes Beispiel für solche Prozesse. Kaum ein gesellschaftlicher Bereich ist nämlich von seiner Grundkonstitution (siehe Kinder- und Jugendhil- fegesetz) so auf demokratische Entscheidungen und Mitwirkungsprozesse der Beteiligten hin ausgelegt wie dieser. Dies gilt vor allem für die Jugendarbeit. Die Träger selbst, die Ein- richtungen und die Angebote, sind im hohen Maße demokratisch legitimiert und strukturiert: ● Der Jugendverband als Ort der gemeinsa- men selbst organisierten Aktivität trägt dazu bei, demokratisches und tolerantes Verhalten einzuüben. ● Die Bildungsangebote der Jugendarbei zie- len auf die Entwicklung eines toleranten und demokratischen Grundverständnisses. ● InterkulturelleAktivitäten fördern Gemein- samkeiten und gegenseitiges Verständnis. ● Partizipative Ansätze stellen nicht nur die Berücksichtigung der Bedürfnisse junger Menschen in denAngeboten sicher, sondern helfen auch, die Funktionsweise demokrati- scher Entscheidungsprozesse kennen zu ler- nen und demokratisches Verhalten zu üben. ● Der Kindergarten fördert schon frühzei- tig das Miteinander von Kindern unter- schiedlicher Herkunft. Dies allein reicht jedoch nicht aus, um verlässliche demokratische Orientierungen im Sinne einer Immunisierung gegen rechtsextre- me Propaganda zu schaffen. Politik insgesamt und Jugendhilfe im Speziellen müssen auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen positiv beeinflussen. Sie müssen die Lebensbedingun- gen der jungen Menschen so mit ausgestalten, dass Verunsicherungen über die eigene Zukunft keinen großen Raum einnehmen können. Die folgenden Aspekte sind in diesem Zusammen- hang von Bedeutung: ● Bildung, Ausbildung und Arbeit sind die wesentlichen Rahmenbedingungen für individuelle Zukunftschancen. ● Es müssen stabile und verlässliche Bezie- hungen geschaffen werden, die gerade in individuellen Krisen wirksame Unterstüt- zung bieten. ● Es muss politisch und im praktisch-päd- agogischen Handeln latenter Fremden- feindlichkeit und antidemokratischen Ein- stellungen entgegenwirkt werden. Neben Aufklärung ist eben auch das gemeinsame Leben und Erleben von unterschiedlichen Gruppen der Bevölkerung zu fördern. ● Es müssen Wege gefunden werden, gerade junge Menschen besser an gesellschaftli- chen Entscheidungsprozessen zu beteiligen. ● Und schließlich ist es notwendig, konse- quent gegen rechtsextreme und fremden- feindliche Aktivitäten auch strafrechtlich vorzugehen. Mit dem Nachfolgeprogramm des Bundes (entimon) wurden im Jahr 2002 nochmals 64 Projekte in Nordrhein-Westfalen gefördert. Er- gänzend zur demokratischen Infrastruktur der Kinder- und Jugendhilfe setzten die Projekte mit ihrer Ausstrahlungskraft ein öffentlich- keitswirksames Zeichen gegen Rechts und gegen Fremdenfeindlichkeit, für Demokratie und Toleranz. Betrachtet man die Ergebnisse der Pro- jektarbeit in den letzten beiden Jahren, so lässt sich Bilanz ziehen, dass die Kinder- und Jugendhilfe sehr schnell und effektiv dazu in der Lage ist, sich auf neue gesellschaftliche Anforderungen einzustellen. Sie kann dies, weil ihr demokratische und auf Toleranz abzielende Funktionsmechanismen inhärent sind. Sie trägt ganz wesentlich dazu bei, das gesellschaftliche Klima tolerant zu gestalten. Vor diesem Hintergrund gilt es zu über- legen, welche Anforderungen zukünftig an die Jugendpolitik formuliert werden können. Folgende Aspekte scheinen dabei wesentlich zu sein: ● Die Aktivitäten der Kinder- und Jugendhil- fe für Demokratie und Toleranz sind wei- terhin gezielt zu fördern. ● Die Kinder- und Jugendhilfe muss sich dabei noch intensiver mit den Ursachen der Entstehung von rechtsextremer und intole- ranter Gesinnung beschäftigen. ● Nötig ist es auch, sich stärker mit gefähr- deten Gruppen junger Menschen zu be- schäftigen. Dazu ist es wichtig, mehr über die Funktionsmechanismen dieser Szenen zu wissen. ● Und schließlich: Immer wieder neu thema- tisiert werden müssen die Möglichkeiten und Grenzen der pädagogischen Arbeit. Denn Jugendhilfe kann nur die Probleme lösen, für die sie auch Instrumente zur Verfügung hat. Letztlich liegt auf der Hand, dass öf- fentlichkeitswirksame Einzelaktivitäten als Antwort auf rechtsextreme Übergriffe zwar helfen können, das Bewusstsein zu schärfen. Langfristig aber kann nur die permanente Auseinandersetzung mit diesen Themen in der alltäglichen Arbeit der Jugendhilfe eine stabile demokratische Orientierung in der nachwach- senden Generation erhalten. Jürgen Schattmann Leiter des Referates Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und Jugendschutz im Ministerium für Schule, Jugend und Kinder NRW, Düsseldorf (Der Text stellt den leicht gekürzten Beitrag des Autors auf dem AJS-Fachforum „Prävention gegen Rechtsextre- mismus“ am 27. November 2002 in Gelsenkirchen dar.) Kinder- und Jugendhilfe als Raum für das Einüben toleranter und demokratischer Verhaltensweisen 3. Zunahme von Rechtsextremis- mus und Fremdenfeindlichkeit als strukturelle Anforderung an die Ausrichtung der Kinder- und Jugendhilfe Mit den Angeboten zur Förderung demo- kratischer Einstellungen der Jugendhilfe und mit flankierenden politischen Maßnahmen, die für die nachwachsende Generation Zu- kunftschancen schaffen, kann eine dauerhafte demokratische Grundeinstellung der jungen Menschen unterstützt werden, in der für Rechts- extremismus und Fremdenfeindlichkeit immer weniger Raum bleibt. Eine Grundlage hierfür ist allerdings, gegen eine Zunahme rechtsex- tremer Tendenzen aktiv zu sein. Hier wurden in jüngster Vergangenheit gezielte Maßnahmen entwickelt und umgesetzt. Auf den anwachsenden Rechtsextremismus hat die Landesregierung im Jahr 2000 rea- giert. Mit dem „81-Punkte-Programm gegen Rechtsextremismus“ und dem „Bündnis für Toleranz und Zivilcourage“ wurden wichtige Impulse für die Auseinandersetzung gegeben. Im Jahr 2001 startete das Jugendministerium das Programm „Jugend gegen Rechts“. Dieses mit 3Mio. DM Bundesmitteln ausgestattete Programm förderte insgesamt 42 Projekte durch das Jugendministerium. 5 3/2003 1. Gewaltphänomene | Rechtsextremismus

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