Reader Gewaltp NRW online
116 12 Dokumentation Dokumentation Das Aussteigerprogramm gegen Rechtsextremismus Bericht über den Aufbau des Fachkräftepools und über die Auswertung der Betreuungsfälle Im Sommer 2001 hat die NRW-Landesregie- rung in Ergänzung ihres „Aktionsprogramms gegen Rechtsextremismus“ ein Aussteigerpro- gramm beschlossen. Das Programm wendet sich an Jugendliche und Erwachsene, die sich aus der rechtsextremen Szene lösen wollen. Es will die Ausstiegswilligen mit individuellen Hilfsangeboten bei der Wiedereingliederung in ein normales Leben unterstützen. Für Personen über 27 Jahre generell sowie für rechtsextreme Straftäter und Führungskader gleich welchenAlters ist der Verfassungsschutz zuständig. Junge ausstiegswillige Mitläufer bis 27 Jahre wie auch besorgte Eltern und sonstige Bezugspersonen sollen durch die örtliche Kin- der- und Jugendhilfe beraten und unterstützt werden. Dafür muß ein Pool von geschulten Betreuungspersonen und ein flächendeckendes Netzwerk von Beratungseinrichtungen aufge- baut werden. Umsetzung Ausstiegswillige, Bezugspersonen und son- stige besorgte Bürger/innen können sich über die kostenlose Telefonnummer 0180 3 100 110 an C@ll- NRW, den Bürgerberatungsdienst des Landes, wenden. Dieses Angebot wurde über Pressemitteilungen, Flyer und Plakate bekannt gemacht. Nach Absprache mit dem damals zuständi- gen Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit/MFJFG (jetzt: Ministerium für Schule, Jugend und Kinder NRW (MSJK) vermittelt dieArbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS) Landesstelle NRW e.V. ausstiegswillige Jugendliche und besorgte Bezugspersonen an örtliche Betreuerinnen und Betreuer weiter. Die Durchführung des Aus- steigerprogramms wurde zunächst auf ein Jahr begrenzt (September 2001 bis August 2002). Um sicherzustellen, dass genügend Fach- kräfte in den Kommunen zur Verfügung stehen, hat das MFJFG die Stadt- und Kreisjugendäm- ter gebeten, geeignete Fachkräfte aus ihrem Jugendamtsbereich, zum Beispiel von freien Trägern, zu benennen. Zuvor hatten sich bereits 17 Fachkräfte aus Erziehungs- und Jugendbera- tungsstellen zur Mitarbeit bereit erklärt. Die AJS ist für den Aufbau und die Ko- ordination des Fachkräftepools zuständig. Um die Fachkräfte auf ihre Beratungs- und Betreuungstätigkeit im Zusammenhang mit der Ausstiegsarbeit vorzubereiten, hat die AJS in Zusammenarbeit mit der Informations- und Dokumentationsstelle gegen Gewalt, Rechtsex- tremismus undAusländerfeindlichkeit in NRW (IDA-NRW) und mit Förderung des MFJFG vier Seminare durchgeführt. Themenschwer- punkte waren: ● Erscheinungsformen, Organisationen des Rechtsextremismus in Deutschland, speziell in NRW ● Rechtsextreme Jugend(sub)kulturen – Zu- gänge, Erfahrungen und Binnenstrukturen ● Einstellungen und Motive von rechtsextre- men und gewaltbereiten Jugendlichen ● Spezifische Anforderungen an Beratung im Bereich des Rechtsextremismus und Ras- sismus ● Erfahrungen aus verschiedenen Ausstiegs- programmen (Rheinland-Pfalz, EXIT Deutschland) ● Detaillierte Informationen über das Aus- steigerprogramm in NRW (Gesprächspart- ner MFJFG, C@ll-NRW) Aufbau des Fachkräftepools und Qualifizierung ImVerlauf des Programmzeitraums wurden rund 80 Personen aus dem Bereich der Kinder- und Jugendhilfe (einschließlich psychosozialer Beratungsstellen) aus insgesamt 53 Kommunen als Betreuungspersonen benannt. Um zu erfahren, wie viele Betreuungs- personen in den Kommunen am Ende des Projektzeitraumes noch zur Verfügung stehen, hat die AJS die Fachkräfte angeschrieben. 30 Fachkräfte aus 25 Kommunen haben bislang auf das Schreiben reagiert und ausdrücklich ihre weitere Mitarbeit bestätigt. Es kann ver- mutet werden, dass weitere Fachkräfte dazu bereit sind, sich aber aus unterschiedlichen Gründen nicht gemeldet haben. An den vier Qualifizierungsseminaren haben insgesamt 61 Fachkräfte teilgenommen, viele davon mehrfach. Es ist somit gelungen, im Verlaufe des Aussteigerprogramms eine grö- ßere Zahl von Fachkräften in den Kommunen in Fragen des Rechtsextremismus und der Beratung von rechtsextremen Jugendlichen sowie deren Bezugspersonen zu schulen. Dies ist der Beginn eines Netzwerkes von Fachleu- ten zu diesem Thema in Nordrhein-Westfalen. Sinnvoll wäre es, wenn in jeder Kommune mindestens ein/e Ansprechpartner/in aus dem Bereich der Jugendhilfe zur Verfügung stünde. Bei den letzten beiden Seminaren wurde deutlich, dass auch die Teilnehmer/innen eine Fortsetzung des Programms wünschen. Sie möchten, dass der Aufbau eines Netzwerkes von entsprechend geschulten Betreuungsper- sonen fortgesetzt wird. Sie schlagen vor, dass jährlich zwei Treffen in bewährter Weise von AJS und IDA-NRW organisiert werden. Auswertung Betreuungsfälle Bis Mitte Oktober 2002 wurden 31 Personen registriert, die um Informationen und Unterstüt- zung bei C@ll-NRWnachgefragt haben. Dabei handelte es sich in fast allen Fällen um besorgte Bezugspersonen (Eltern, sonstige Verwandte, pädagogische Fachkräfte). Nur in einem Fall hat sich ein betroffener junger Mann selbst an C@ll-NRW gewandt. Unter den Anrufer/ innen waren: ein junger Aussteiger, elf Eltern- teile, meistens Mütter, drei sonstige Verwandte (Großeltern, Schwester, Cousine), drei Freunde/ in der Familie bzw. des Jugendlichen, elf Päd- agogen/innen (Sozialpädagogen/innen, Lehrer/ innen), eine Mitarbeiterin einer Stadtbücherei. Insgesamt ging es um 31 Jugendliche zwi- schen 13 und 24 Jahren. Darunter waren fünf Mädchen (13 Jahre, 14 Jahre, zwei 15-Jährige und ein 17-jähriges Mädchen). Der Alters- schwerpunkt bei den Jungen lag zwischen 15 und 17 Jahren. Um zu erfahren, was in den weitervermit- telten Fällen geschehen ist und welche Ergeb- nisse die Aktivitäten der Betreuungspersonen erbracht haben, hat die AJS die Fachkräfte und teilweise auch die ratsuchenden Bezugsperso- nen telefonisch befragt. Im folgenden werden die Ergebnisse der Befragung wiedergegeben. Der einzige rechtsextreme junge Mann (21 Jahre), der sich selbst an C@ll-NRW gewandt hat, war seit acht Jahren in der Szene und hatte dort eine führende Stellung inne. SeinAusstieg war mit vielfältigen Bedrohungen aus der rech- ten Szene und teilweise vollzogener Gewalt- anwendung verbunden. Seine Situation war in vielerlei Hinsicht problematisch: Er befand sich in einer stationären Therapie, brauchte Arbeit und Wohnung. Es gab mehrere ausführliche Treffen mit einem durch die AJS vermittelten Betreuer. Eigentlich hätte dieser junge Mann zwei bis drei Kontakte pro Woche gebraucht. Um ihm weitergehende Hilfestellungen zu- kommen zu lassen, hat der Betreuer Kontakt zu einer Straffälligenhilfsinstitution in der Region aufgenommen. Zu einem weiteren fest verein- 3/2003
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