Reader Gewaltp NRW online

117 13 barten Gesprächstermin ist der junge Mann nicht erschienen, was den Betreuer verwundert hat. Dieser hält es für nicht ausgeschlossen, dass es sich bei dem Jugendlichen um einen Spitzel aus der rechten Szene handelte. In sieben Fällen waren die Anrufer/innen vor allem an Informationen und Materialien über den Rechtsextremismus, rechte Gruppie- rungen, Hinweisen zum Umgang mit rechten Jugendlichen und Fortbildungsangeboten inter- essiert. Sie erhielten entsprechende Materialien entweder von den Betreuungspersonen, von IDA-NRW oder von C@ll-NRW zugesandt. Alle gaben an, dass ihnen diese Informationen weitergeholfen haben. In den meisten Fällen wurden telefonische und/oder persönliche Gespräche mit den Eltern, Lehrer/innen oder Sozialpädagogen/innen, teilweise auch mit den Jugendlichen selbst geführt. In einigen Fällen kam es zu mehreren, teils auch sehr ausführlichen Gesprächskontak- ten. Die Jugendlichen hatten nur selten selbst Ausstiegsabsichten geäußert. Besorgt waren die Bezugspersonen, die sich oft unsicher, hilflos und mit dem Problem alleine gestellt fühlten. In den Gesprächen ging es anfangs vielfach um die Frage, ob sich der Jugendliche tatsächlich in der rechtsextremen Szene aufhält, dort aktiv ist und ob eine rechte Überzeugung vorliegt, oder ob das Verhalten eher auf pubertäre Begleiter- scheinungen – Provokation, Protest, Ablösung vom Elternhaus - zurückzuführen ist. Von der Klärung dieser Frage ist auch die geeignete Reaktion abhängig. Nach Einschätzung der Berater/innen lagen bei den Jugendlichen häufiger allgemeine Erziehungsprobleme und pubertäre Auffälligkeiten vor als rechtsex- treme Überzeugungen. Entsprechend wurde Erziehungsberatung angeboten und in einigen Fällen auch an Erziehungsberatungsstellen weitervermittelt. In zwei Fällen haben sich die betroffenen Jugendlichen (ein 14-jähriger Junge und ein 19-jähriger junger Mann) zwischenzeitlich aus der rechten Szene gelöst. In den meisten Fällen aber war die Situation bis zum Zeitpunkt der Befragung unklar. Teils bestritten die Jugendli- chen eine Zugehörigkeit zu rechten Kreisen, in einigen Fällen haben sie zwar ihreAufmachung (z.B. Kleidung) geändert, zeigen jedoch nach wie vor Verhaltensauffälligkeiten wie hohe Aggressivität. Viele Berater/innen boten den Eltern oder Pädagogen an, sich wieder an sie zu wenden, wenn Bedarf besteht. Die Kontaktaufnahme zu den Ratsuchenden, die bei C@ll -NRW angerufen haben, war für die Betreuer/innen nicht immer einfach. Zu zwei Personen konnte kein Kontakt herge- stellt werden, weil sie unter der angegebenen Telefonnummer bzw. E-Mail-Adresse nicht zu erreichen waren. Manchmal haben die Be- treuer/innen mehrfach versucht, einen Kontakt herzustellen, bis es gelang. Mit den Unterstützungs- und Hilfeleistun- gen waren die Ratsuchenden unterschiedlich zufrieden. Die meisten fühlten sich nach Einschätzung der Betreuer/innen oder nach eigener Aussage kompetent beraten und wa- ren anschließend sicherer in der Beurteilung der Situation und im Umgang mit dem be- treffenden Jugendlichen. Es gab jedoch auch einige kritische Äußerungen zu den Betreu- ungspersonen und zu den Telefonberatern bei C@ll-NRW. Einige Fachkräfte wirkten nach Aussage der Ratsuchenden überfordert. Zudem fühlten sich manche Anrufer/innen in ihrer Sorge um den Jugendlichen nicht ausreichend ernstgenommen, wenn etwaAuffälligkeiten als „pubertäre Begleiterscheinung“ bagatellisiert worden seien. Von seiten der Betreuer/innen wurden folgendeAnmerkungen bzw. Anregungen zum Aussteigerprogramm genannt: ● Beratung und Betreuung im Bereich der Aussteigerarbeit erfordert Austausch und Kooperation zwischen Jugendamt, Polizei, Staatsschutz und freien Organisationen, die in diesem Bereich tätig sind. ● Gewünscht wurde, dass AJS und IDA- NRW einen Erfahrungsaustausch für die- jenigen Betreuungspersonen organisieren, die bereits Beratungskontakte im Rahmen des Aussteigerprogramms hatten. ● Es wurde vorgeschlagen, dass das Land die Jugendämter nochmals abfragt, wer für Be- ratung und Betreuung von ausstiegswilligen Jugendlichen und besorgte Bezugsperso- nen oder sonstige Bürger/innen zuständig ist. Die Jugendschutzfachkräfte könnten Ansprechpartner sein und gegebenenfalls an kompetente Betreuer/innen weiterver- mitteln. Zur Zeit kann es passieren, dass besorgte Bürger/innen keinen Ansprech- partner in einer Kommune finden, der ihm weiterhelfen kann. ● Auch im Rahmen der Vermittlung geeig- neter Betreuer/innen durch die AJS tauchte mehrfach das Problem auf, dass Anrufer/ innen in ihrer Kommune keine Fachkraft genannt werden konnte. In diesen Fäl- len wurde versucht, Betreuer/innen aus Nachbarkommunen zu gewinnen. Das gelang meistens, war aber problematisch, weil kommunale Arbeitgeber dies aus Kostengründen oft ablehnen und weil die Betroffenen weite Wege hatten. Manchmal waren deshalb nur telefonische Kontakte möglich. Ein ähnliches Problem ergibt sich bei großen ländlichen Flächenkreisen. Fazit Das Programm kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass gefährdete junge Menschen mit Hilfe und Unterstützung durch Eltern, weitere Personen aus ihrem Umfeld und kompetente Betreuer/innen erst gar nicht in rechtsextremistische Kreise geraten oder sich zumindest frühzeitig wieder daraus lösen. Es hat sich gezeigt, dass vor allem Eltern und sonstige besorgte Bezugspersonen einen Beratungs- und Unterstützungsbedarf haben. Das Programm sollte daher fortgeführt werden. Tatsächlich rufen auch nach wie vor insbesondere Eltern bei C@ll-NRW an und bitten um Rat und Unterstützung. Die AJS hat allein im Jahr 2003 in mehr als 20 Fällen weitervermittelt. Voraussetzung für die Weiterführung des Aussteigerprogramms ist die Betreuung und der weitere Ausbau des begonnenen Fachkräf- tepools. Da Qualifizierungsangebote ein wichti- ger Bestandteil des Netzwerkaufbaus sind, soll- ten nach Auffassung von AJS und IDA-NRW und auch vieler Betreuungsfachkäfte jährlich zwei Seminare zur Weiterqualifizierung und zum Erfahrungsaustausch angeboten werden. Um weitere Betreuungspersonen zu gewin- nen, sollte die Oberste Landesjugendbehörde nochmals die Jugendämter anschreiben und darauf hinweisen, wie wichtig es ist, dass flächendeckend Fachkräfte zur Verfügung stehen, die in Fragen des Rechtsextremismus kompetent beraten können. Es sollte in die- sem Zusammenhang auch darauf hingewirkt werden, dass alle Mitarbeiter/innen in den Kommunen, die bereits in diesem Arbeitsfeld tätig sind (u.a. die Mitglieder im Arbeitskreis der Ruhrgebietsstädte gegen rechtsextreme Tendenzen bei Jugendlichen/ak Ruhr), in den Fachkräftepool einfließen. Flankierend müßte die Öffentlichkeit erneut und verstärkt über das Aussteigerpro- gramm und sein Angebot an ausstiegswil- lige junge Menschen und besorgte Eltern, Pädagogen/innen und sonstige Bürger/innen aufmerksam gemacht werden. Carmen Trenz Referentin für Delinquenzprohpylaxe bei der AJS, Köln Anne Broden Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in NRW IDA-NRW, Düsseldorf 3/2003 1. Gewaltphänomene | Rechtsextremismus

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