Reader Gewaltp NRW online
118 12 Dokumentation 2/2014 Carmen Trenz carmen.trenz@mail.ajs.nrw.de Zwischen Bratwurst und Sitzblockade Tagung von AJS, IDA-NRW und Landesjugendring zu Protestformen gegen Rechts Welche Protestaktionen sind erfolgreich, welche eher nicht wirksam? Welche sind legal und wie gehen pädagogisch Verant- wortliche mit Protestformen um, deren Legalität umstritten ist? Mit solchen Fragen rund um zivilgesellschaftliche Pro- testformen gegen Rechts be- fasste sich die nunmehr zehnte gemeinsame Tagung der drei NRW-Landesorganisationen AJS, Landesjugendring und IDA-NRW (Informations- und Dokumen- tationszentrum für Antirassismusarbeit in NRW) im März diesen Jahres. Rassistische und rechte Einstellungen, Äußerungen und Aktionen sind ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und auch unter jungen Menschen verbreitet. Rechtsextreme Gruppierungen haben in NRW vor allem in der Aachener Region, in Dortmund, Köln, Wuppertal und Düsseldorf Zulauf. Umso erfreulicher Rechtsextremismus“ leitet. Die jungen Leute machten hierdurch die wertvolle Erfah- rung, dass sie etwas bewirken können. Außerdem erläuterte Schattmann die Entwicklung des Gesamtkonzeptes gegen Rechtsextremismus und die Aufgaben der Landeskoordi- nierungsstelle. Am Ziel ausrichten In seinemEinführungsvortrag gabMichael Sturm, Mitarbeiter der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus für Demokratie (mobin) im Regierungsbezirk Münster, einen umfassenden Einblick in aktuelle (Straßen-) Aktionen von Rechtsextremisten, zivilge- sellschaftliche Bündnisse gegen Rechts und verschiedene Protestformen. Sturm unter- schied drei Typen von Bündnissen, die alle ihre Berechtigung haben: Institutionelle, Ad-hoc- und unab- hängige Bündnisse mit langfristiger Orientie- rung. Die Vielfalt an Bündnissen garantiere auch eine vielfältige Protestkultur. Laut Sturm gibt es keine guten oder schlechten Formen des Protests, sondern die Form sollte sich nach dem Ziel des Protestes richten. Um eine Naziveranstaltung zu verhindern, sei eine gewaltfreie Sitzblocka- de häufig die erfolg- reichste Strategie. Die Legitimität von Sitzblockaden sei allerdings umstritten, auch gebe es keine einheitliche Rechtsprechung. Wichtig sei es, vorab einen breiten Aktionskonsens auszuhandeln wie etwa: Alle leisten solidarisch zivilen Unge- horsam gegen Naziaufmärsche, die Blocka- den sind gewaltfrei und bestehen nur aus Menschen ohne Einsatz von Gegenständen. Außer Blockaden gibt es laut Sturm viele kreative Aktionsformen, der Fantasie seien keine Grenzen gesetzt. Als Beispiele nannte Sturm die Gräfenburger Aktion „Demo- kraten geben hier den Takt an“, bei der Nazis mit Trommeln und Pfeifen aus dem Takt gebracht wurden. Bei einer anderen Aktion wurden Kirchen- und Kuhglocken geläutet. Unter dem Slogan „Bad Nenndorf ist bunt“ schmückten Anwohner feierlich ihre Straßen. Anderswo waren die Straßen während eines Nazimarsches leer gefegt. Alltagsrassismus bekämpfen In der anschließenden Fishbowldiskussion, die Anne Brülls vom Landesjugendring mo- derierte, hielten zunächst der Lehrer Karim Fereidooni, Tosten Nagel, Geschäftsführer der Falken in Düsseldorf, Davíd Stoop, Jugendbildungsreferent im DGB und Mi- chael Sturm Kurzstatements zum Thema „Engagement gegen Rechts in Schule, Ju- gendverbandsarbeit und Zivilgesellschaft“. Alle plädierten dafür, Protestformen nicht auf Aktionen gegen rechte Aufmärsche zu beschränken, sondern vor allem den Alltags- rassismus zu bekämpfen. Dabei sollte jeder selbstkritisch die eigene Betroffenheit, z. B. seine Vorurteile, reflektieren. Wichtig sei es, bei Alltagsdiskriminierung Flagge zu zeigen. Außerdem waren sich die Referenten einig, dass die Bündnisse sich nicht gegenseitig schlechtmachen, sondern das Engagement der anderen anerkennen sollten. Nach den Statements bereicherten Teil- nehmer, die sich abwechselnd auf den freien Stuhl zwischen den Referenten setzten, die Diskussion. Dabei ging es vor allem um die Frage, wie das Thema in die Schule eingebun- den werden kann: Um Schüler zu aktivieren, fehle oft die Zeit, ein anderes Hindernis sei das Gebot, Schüler in ihrer politischen Ur- teilsbildung nicht zu beeinflussen (Überwäl- tigungsverbot). Dies und die autokratischen Strukturen führten leicht dazu, dass Schulen sich unpolitisch verhielten. Wichtig wäre es, dass sich die Schulleitung aktiv für eine demokratische Kultur einsetzte. Das Label „Schule ohne Rassismus“ reiche nicht aus, wenn es nicht gelebt werde. Regina Laudage-Kleeberg von der Katho- lischen LAGKinder- und Jugendschutz fasste die Ergebnisse der Tagung kritisch-lebendig zusammen und resümierte, dass es wohl noch viele Ängste dazu gebe, welche Protestformen denn erlaubt seien und wie Ärger mit der Polizei vermieden werden könne. Carmen Trenz , AJS ist es, wenn sich Jugendliche aktiv gegen Rassismus und andere menschenfeindliche Einstellungen und Vorkommnisse engagieren. Dazu tauschten sich rund 40 Fachkräfte aus Jugendämtern, von freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe, aus Schulen und ehrenamt- lich Tätige bei der Tagung in Wuppertal aus. Die Bedeutung des Engagements von Ju- gendlichen unterstrich Jürgen Schattmann, der im Ministerium für Frauen, Kinder, Ju- gend, Kultur und Sport (MFKJKS) die Grup- pe „Jugend“ und die Projektgruppe „Hand- lungskonzept gegen Rechtsextremismus und Rassismus, Landeskoordinierungsstelle gegen Hauptreferent Michael Sturm Dokumenti
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