Reader Gewaltp NRW online

119 Dokumentation Das Wollknäuel entwirren Verstrickungen zwischen institutionellen Strukturen und rassistischem Handeln Rassistisches Denken und Handeln ist verbreitet – in der Gesellschaft generell, aber auch in sozialen Einrichtungen wie in der Jugendarbeit, im Sport und in Schulen. Ras- sismus nur als Defizit des Einzelnen zu sehen wäre jedoch falsch, zumindest verkürzt. Bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von rassistischen Einstellungen und Mecha- nismen spielen die Strukturen, Normen, Praktiken und Routinen der Institutionen eine große Rolle. Dies findet bislang wenig Beachtung. Die Tagung „Verstrickungen erkennen und begegnen: Struktureller und individueller Rassismus in Jugendarbeit, Schule und Sport“ hat diese Zusammenhän- ge aufgegriffen und mit Praktiker/-innen dis- kutiert. Veranstaltet wurde sie am 22. Januar von der AJS, dem Landesjugendring NRW und dem Informations- und Dokumenta- tionszentrum für Antirassismusarbeit in NRW (IDA NRW) in Kooperation mit dem LVR-Landesjugendamt Rheinland. Mehr als 100 Fachkräfte aus Schulen, Einrichtungen der offenen und verbandlichen Jugendarbeit und dem Sport diskutierten engagiert und kontrovers. Etwa darüber, was Rassismus ist, wie er sich äußert und welche individuellen und strukturellen Maßnahmen notwendig sind, um rassistische Ausgrenzungen und Abwertungen vonMenschen undMenschen- gruppen abzubauen. Rassismus nur bei den „anderen“ Ein Ziel der Tagung war es, sensibel zu machen für subtile Formen des Rassismus und den selbstkritischen Blick, auch auf die eigene Institution, zu schärfen. Viele lehnen Rassismus zwar ab und sehen ihn nur bei den „anderen“. Sie nehmen aber nicht bewusst wahr, welchen Diskriminierungserfahrungen Betroffene tatsächlich ausgesetzt sind. Solche Erfahrungen mit Zuschreibungen machen zum Beispiel Schüler/-innen, die wegen ihres Migrationshintergrundes keine Gymnasial- empfehlung oder aufgrund ihres türkischen Namens bei gleicher Leistung eine schlech- tere Bewertung als Schüler/-innen der Mehr- heitsgesellschaft bekommen. „Wer steht in der Hierarchie der Schule, der Offenen Tür, des Sportvereins oben und hat das Sagen und wer putzt in der Schule, in der Umkleideka- bine, im Jugendhaus?“ (so Anne Broden in ihrer Einführungsrede). Und selbst bei gut gemeinten pädagogischen Ansätzen können Ausgrenzungsmechanismen enthalten sein, wenn beispielsweise Jugendliche mit soge- nanntem Migrationshintergrund zu einer besonderen Gruppe zusammengefasst (bzw. stigmatisiert) werden, um eine Förderung zu bekommen. Notwendig ist, dass diejenigen, die von Rassismus betroffen sind, selbst zu Wort kommen, dass ihre Erfahrungen ange- hört, ihre Empfindung ernst genommen werden. Denn sie sind es, die entscheiden, was rassistisch ist, nicht Angehörige der Mehrheitsgesellschaft. Und gerade Organi- sationen müssen dringend ihr Regelwerk auf rassistische Ausgrenzungen hin überprüfen und entsprechend ändern, wie in einer Ar- beitsgruppe am Beispiel von Sportvereinen deutlich wurde. Bereitschaft zuzuhören Wichtig ist es, dass über Stigmatisierungs- erfahrungen und Ausgrenzungsmechanis- men in allen pädagogischen Kontexten und Einrichtungen und in der Gesellschaft generell offen diskutiert werden kann. Dies gilt, auch wenn oder gerade weil nicht immer leicht zwischen individuellen Einstellungen und strukturellen Bedingungen als Ursache von Rassismus zu unterscheiden ist. Stereo- type Abwehrmechanismen, die eigene Zu- schreibungen negieren und die Erfahrungen der Migranten als Überempfindlichkeit zurückweisen, sind nicht hilfreich und ver- schlimmern die Situation der als „anders“ definierten Menschen. Unverzichtbar ist der fortlaufende Dialog von Angehörigen der Mehrheits- und Minderheitsgesell- schaft über den Umgang miteinander und die Bereitschaft, sich die Erfahrungen der Einzelnen anzuhören. Einen Beitrag dazu hat diese Veranstaltung geleistet, auch wenn viele Fragen offen geblieben und sicher auch neue hinzugekommen sind. Die Beiträge der Tagung – Hauptvortrag von Saphira Shure und die Berichte aus den vier Arbeitsgruppen (Bereiche Offene und Ver- bandliche Jugendarbeit, Schule und Sport) – können in der Zeitschrift „Überblick“ 1/2015 nachgelesen werden. Carmen Trenz ( AJS) Saphira Shure, TU Dortmund, bei ihrem Einführungsvortrag über das Erkennen und Bearbeiten der verschiedenen Enden rassistischer Verstrickungen. 6 1/2015 Dokumentation 1. Gewaltphänomene | Rechtsextremismus

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