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120 10 1/2016 FORUM „Rassismus – War da was?“ Eindrücke von der Rassismus-Fachtagung in Münster Migration ist – entgegen der momentanen Nachrichtenlage – kein Phänomen der letz- ten Wochen und Monate. Deutschland ist seit langem ein Einwanderungsland. Kinder und Jugendliche der verschiedensten (famili- ären) Herkunftsländer sind seit Jahrzehnten selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft. Sie machen Schulklassen, Kitagruppen und Jugendtreffs noch bunter, bringen neue Erfahrungen, Werte und Kompetenzen mit, die den Horizont ihrer Altersgenossen und unserer Gesellschaft insgesamt erweitern. Sie sind dabei untereinander genau so unter- schiedlichwie alle anderen auch und von so- genannten herkunftsdeutschen Kindern oft nicht zu unterscheiden. Andererseits haben sie statistisch gesehen immer noch schlech- tere Teilhabe- und Bildungschancen und könnenmit besonderen Herausforderungen konfrontiert sein. Wie aber kann mit diesen Themen und Bedürfnissen in der pädago- gischen Praxis angemessen umgegangen werden, ohne Kinder und Jugendliche wie- derum auf eine Differenz zu reduzieren und Blick durch verschiedene Brillen Einen Einstieg in die Diskussion bot der Re- ferent Andreas Foitzik, Diplompädagoge und Berater im Feld der Migrationspädagogik. Er plädierte in seinem Fachvortrag für einen multiperspektivischen Blick – wie durch verschiedene Brillen. Die ‚Kultur-Brille‘ – und somit die Frage: Ist dieses Verhalten nun kulturspezifisch? – ist dabei eine Möglichkeit unter vielen. Sie sollte aber nicht immer und automatisch aufgesetzt werden, wenn es umJugendlichemit familiärer Migrationsge- schichte geht. Denn Fachkräfte laufen so Ge- fahr, Verhalten vorschnell zu kulturalisieren und monokausal zu erklären. Stattdessen, so die Grundthese des Modells, lohnt es, Situationen durch ganz verschiedene Brillen zu betrachten: Spielen hier migrationsspezi- fische Erfahrungen eine Rolle (‚Migrations- Brille‘)? Oder sind eher das Alter, die soziale Lage oder das Geschlecht ein entscheidender Faktor? Auch die ‚Subjekt-Brille‘, der ganz individuelle Blick, ist natürlich unverzichtbar und trägt ihren Teil bei zu einer gesamtheitlichen Be- trachtung. Im Sinne einer rassismuskritischen Pä- dagogik muss aber immer auch die ‚Rassismus-Brille‘ aufgesetzt werden: Erklä- ren sich eine Situation, ein Handeln oder Verhalten aus konkreten Erfahrungen von Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung? Mehr Fragen als Antworten Diese Frage diskutierten die Teilnehmenden im Laufe des Tages und warfen so vor allem neue Fragen auf: Was ist überhaupt Rassis- mus, was Diskriminierung? Kann ein diskri- minierungsfreies Miteinander gelingen? Und wie muss pädagogische Arbeit aussehen, die dazu beitragen will? Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen einen Raumzu geben, zuzuhören und Jugendliche in ihrer Identität und Mehrfachzugehörigkeit zu be- stärken, sahen die Teilnehmenden dabei als primäreHandlungsfelder. Aber auch imAlltag warten Herausforderungen: Wie kontere ich beispielsweise Vorurteile anderer und wie setze ich Stammtischparolenwirksametwas entgegen? Auch auf die Frage, wie mit rassi- stischen Einstellungen unter Jugendlichen umgegangen werden kann, suchten die Teilnehmenden gemeinsamnachAntworten. Migrationspädagogik als Spiegel Auch sich selbst und die eigene Rolle in den Blick zu nehmen, gehört zu den zentralenHe- rausforderungen der Migrationspädagogik. Das eigene Denken und Handeln rassismus- kritisch zu hinterfragen, fällt naturgemäß am schwersten. Und doch ist es nötig, um den mehr oder minder subtilen Rassismus, den viele Teilnehmende in Medien, Politik und am Stammtisch beobachten, nicht selbst – auch ungewollt – in die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hereinzutragen. Diese Veranstaltung konnte hier nur einen Anstoß geben und ermutigen, sich selbst und seine Vorprägung bewusster wahrzunehmen. Auf die Frage „Rassismus – War da was?“ hieß es dazu in der Abmoderation passend: „Ja, da war was.“. Nachdenken müssen wir darüber alle selbst. Literaturhinweise Foitzik, Andreas: Erfahrungenmit Rassismus impädago- gischenAlltag.EineEinführungzumThemaRassismusfür Fachkräfte inJugendhilfeundSchule, in:THEMAJUGEND KOMPAKT, Katholische Landesarbeitsgemeinschaft Kin- der- und Jugendschutz NW e.V., Münster 2015. Foitzik, Andreas: Interkulturelle Kompetenz, Aktion Jugendschutz AJS Landesarbeitsstelle Baden-Württ- emberg, Stuttgart 2013. Nora Fritzsche (AJS) fritzsche@mail.ajs.nrw.de Perspektive Reflexionskompetenz Handlungskompetenz Kultur ...unterscheiden, ob ... darüber auf einer die Kategorie Kultur tat- Metaebene ins Gespräch sächlich eine Rolle spielt kommen Migration ...Migrationsthemen ... Räume gestalten, in von Kulturthemen denen vielfältige Zuge- unterscheiden hörigkeiten erlebbar sind Rassismus ... eigene Verstrickungen ... Jugendliche unterstützen, wahrnehmen und Rassismuserfahrungen Rassismuserfahrungen realistisch in das eigene anerkennen Lebenskonzept einzubauen Subjekt ... Handlungsgründe ... zuhören Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Realitäten anerkennen sie zu ‚den anderen‘ zumachen? Kurz gesagt: Können wir Differenz in den Blick nehmen, ohne sie dabei zu verstärken? Dieser Frage widmete sich am16. Februar die Fachtagung „Rassismus – War da was? Pädagogisches Handeln in der Migrationsgesellschaft“, zu der die AJS, das Informations- undDokumen- tationszentrum für Antirassismusarbeit NRW und der Landesjugendring in Kooperation mit dem LWL-Landesjugendamt eingeladen hatten. Rund 120 Praktiker/-innen und Fach- kräfte aus Jugendarbeit und Schule trafen in Münster zusammen, um über rassismuskri- tische Pädagogik zu diskutieren. AJS FORUM 1-2016.indd 10 21.03.16 12:13

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