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123 1. Gewaltphänomene | Salafistische Radikalisierung 15 4/2014 Von frommen Muslimen und Dschihadisten Wie gehen wir mit der Herausforderung des Salafismus um? Zur Zeit sorgen immer wieder Salafisten für Schlagzeilen in den Medien. Besonders erschreckend sind Meldungen von jungen Männern, aber auch Frauen, die in den Nahen Osten reisen, um dort die Terrororganisation IS zu unterstützen. Entsprechend laut sind die Forderungen, der Staat möge durch gesetzliche Maßnah- men die Ausreise oder zumindest die Wiedereinreise verhindern, damit der Terror nicht auch nach Deutschland getragen wird. Solche Abwehrmaßnahmen sind richtig, können aber allein keine Lösung sein. Letztendlich sind gesellschaftliche Reakti- onen auf allen Ebenen gefordert. Denn zu Salafisten werden junge Leute nicht durch Zufall, son- dern in Reaktion auf ihre soziale Umwelt. Frömmigkeit als Vorbild Zunächst einmal muss diffe- renziert werden: Salafist ist nicht gleich Salafist. Eine pauschale Charakterisierung von Salafisten als Täter ist wenig hilfreich. Der Begriff „salafiyya“ bezieht sich auf die muslimische Urgemeinde, deren Frömmigkeit von den mei- sten Muslimen hochgeschätzt, von Salafisten als Vorbild für die eigene Lebensführung ideali- siert wird. Diejenigen, die durch individuelle Frömmigkeit eine ideale islamische Gesellschaft erreichen wollen, bilden die vermutlich größte Gruppe unter den Salafisten in Deutschland, die Puristen. Daneben gibt es die politischen Salafisten, die einen nach den Regeln der Scha- ria funktionierenden Staat auf politischem Weg anstreben. Die dritte Gruppe, die Dschihadisten, sind bereit, dieses Ziel mit Gewalt durchzusetzen. Letztere sind es, um die es in der Diskussion geht. Von den anderen beiden Gruppen geht keine unmittelbare Gefahr aus, aber aus ihren Krei- sen rekrutieren die Dschihadisten ihren Nachwuchs. Einfaches klares Weltbild Was veranlasst junge Men- schen, Salafist zu werden und sich weiter zu radikalisieren? Allgemein gültige Antworten gibt es sicher nicht, zu unterschiedlich sind allein die Herkunftsge- schichten. Da sind gebürtige Muslime, die den Kontakt zur eigenen Tradition und zur mus- limischen Gemeinde verloren haben, aber auch Konvertiten. Viele haben eine familiäre Migra- tionsgeschichte, aber längst nicht alle. Im Einzelfall werden bio- grafische Ursachen zu benennen sein. Häufig spielen Diskriminie- rungserfahrungen, mangelnde Integration, aber auch Sinnkrisen und Orientierungslosigkeit eine Rolle. Dagegen bietet der Salafis- mus ein einfaches Weltbild sowie klare Vorschriften für richtiges und falsches Verhalten. In der Gemeinschaft Gleichgesinnter findet der Einzelne emotionale Nähe und Anerkennung. Dies alles kennt man von an- deren religiösen Gemeinschaften, z.B. christlich-fundamentali- stischen Gruppen oder von den früher „Jugendsekten“ genann- ten Gemeinschaften. Hier wie dort sind präventiveMaßnahmen erforderlich, um die Betroffenen vor falschen Entscheidungen zu schützen. Für eine funktionieren- de Salafismusprävention müssen jedoch auch die allgemein ge- sellschaftlichen Bedingungen stimmen. Dazu gehört vor allem eine grundsätzliche Anerkennung des Islam als Teil der Gesellschaft in Deutschland. Jede Form von Ausgrenzung von Muslimen ist zu vermeiden, Islamophobie und Rassismus befördern extremis- tische Reaktionen. Vielfach hört man die For- derung, von muslimischer Seite müsse mehr gegen Islamismus und Salafismus getan werden. Sicher ist ein solches Engagement wichtig, aber erstens geschieht dies bereits, z.B. im Projekt „Extremismusprävention“ der Deutsch-Islamischen Moschee- Stiftung Düsseldorf. Und zwei- tens ist es, wie schon erwähnt, Teil des Problems, dass die Mo- scheegemeinden die betroffenen Jugendlichen gar nicht erreichen, weil sie entweder ohne Bindung an eine Moschee aufgewachsen oder gerade erst zum Islam kon- vertiert sind. Konkrete Hilfsangebote Die wichtigsten Handlungs- felder für Präventionsarbeit sind Schule und Jugendarbeit. Gerade angesichts geringer Einflussmög- lichkeiten der muslimischen Ge- meinden kommt dem islamischen Religionsunterricht in Zukunft steigende Bedeutung zu. In NRW ist er seit 2012 als reguläres Schulfach eingeführt, aber längst noch nicht in allen Bundeslän- dern. Darüber hinaus gibt es gute primärpräventive Projekte und Materialien. Zu nennen wären z.B. die Projekte „Ibrahim trifft Abraham“ (http://www.ibrahim- trifft-abraham.de/), „Dialog macht Schule“ (http://www. dialogmachtschule. de) und „Mus- lim3.0 (http:// www.wert-voll. org/95.html) od er das kürzlich erschie- nene Handbuch „Islam & Schule“, herausgegeben von der Bundeskoordination „Schule ohne Rassismus - Schu- le mit Courage“. Alle diese Maß- nahmen und Materialien zielen darauf ab, Wissen über den Islam und seine vielfältigen Aspekte zu vermitteln. Die Jugendlichen sollen gestärkt werden, Unsi- cherheiten und Widersprüche zu ertragen (Ambiguitätstoleranz) und ihre Dialogbereitschaft soll gefördert werden. Die Erfahrung zeigt aller- dings, dass junge Leute, die sich in der salafistischen Szene bewegen, häufig für primärprä- ventive Maßnahmen nicht mehr ansprechbar sind. In solchen Fällen bedarf es anderer, kon- kreterer Hilfsangebote. Hierfür hat das Bundesinnenministerium die „Beratungsstelle Radikali- sierung“ beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ein- gerichtet, die über eine Hotline erreichbar ist und mit mehreren Beratungsstellen zusammenar- beitet. Ein ähnliches Projekt hat das nordrhein-westfälische Innenmi- nisterium im Frühjahr 2014 mit dem „Wegweiser“ ins Leben ge- rufen. An drei Modellstandorten (Bochum, Düsseldorf und Bonn) stehen Ansprechpartner für Be- troffene und Angehörige bereit, die über gute Kontakte in die is- lamische Community, aber auch zu wichtigen Hilfseinrichtungen in unterschiedlicher Trägerschaft verfügen. Entsprechende Netz- werke sollen in weiteren Kom- munen in NRW etabliert werden. Stefan Schlang (AJS) Hintergrund Dr. Stefan Schlang stefan.schlang@mail.ajs.nrw.de AJS Forum 04-2014.indd 15 28.11.14 12:06
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