Reader Gewaltp NRW online
124 10 4/2015 FORUM Die Anschläge von Paris Mitte November haben das Thema der salafistischen Radikalisierung auf furchtbare Weise noch näher rücken lassen. Doch so erschreckend die Zahlen und Meldungen auch sind, so präsent die Bilder aus Paris in unseren Köpfen, es reicht nicht, sie nur aus sicherheitspolitischer Perspektive zu betrachten oder ihnenmit Repression zu begegnen. Es handelt sich vielmehr umein gesamtgesellschaftliches Problem. Wir müssen den Blick auf unsere Gesellschaft richten und fragen: Was macht salafistische Angebote für deutsche Jugendliche überhaupt attraktiv? Was bieten ihnen salafistische Gruppen, was wir als Gesell- schaft ihnen nicht bieten? Und wie können wir dem Phänomen gemeinsam begegnen, um unsere Kinder und Jugendlichen vor solchen Angeboten und ihren negativen Folgen zu schützen und sie zu stärken? Nora Fritzsche, Dimitria Bouzikou, Dr. Stefan Schlang, Yvonne Dabrowski (v.l.n.r.) Salafistischer Radikalisierung gemeinsam be Neues Projekt der AJS zu landesweiter Prävention angelaufen Salafismus Der Salafismus (vom arabischen as-salaf as-salih übersetzbarmit Die ehrwürdigen Altvorderen ) ist religionshistorisch eine Strömung des sunnitischen Islam, die sich in Lebensweise, Kleidung und Verhalten strikt an den ersten drei Generationen nach dem Propheten Mohammed orientiert. Sie zeichnet sich aus durch einwortwörtliches Verständnis der islamischen Quellen und die Ablehnungwissenschaftlicher Koranexegese. Damit einher geht ein absoluter Wahrheitsanspruch und die Ablehnung oder offene Abwertung anderer Denkweisen und Glaubensrichtungen – mus- limischer wie nichtmuslimischer. Der Salafismus in Deutschland, der seit einigen Jahren eine wachsende Jugendkultur bildet, ist in Anlehnung an diese Strömung in weiten Teilen eine Ideologie der Ungleichwertigkeit, die sich gegen Pluralismus, Individualität und freie Meinungsbildung richtet. Parallel zu sogenannten ‚Sek- ten‘ ergeben sich hier zahlreiche Konfliktpunkte, insbesondere im Bereich des Kinder- und Jugendschutzes. Gewaltbereit ist dabei nur ein kleiner Teil der salafistischen Szene. Hier unterscheidet man zwischen dem puristischen, dem politischen und dem jihadistischen Salafismus. Puristen leben ihre religiösen Überzeugungen im Privaten und üben keinen Druck auf Andere aus. Politische oder missionarische Salafisten erklären ihr Weltbild zumeinzig wahren und tragen dies auch nach außen, was sich in der Abwertung anderer Denkweisen äußern kann. Lediglich die kleine Gruppe der Jihadisten ist jedoch bereit, religiöse Über- zeugungen auch mit Gewalt durchzusetzen. AJS FORUM 4-2015.indd 10 04.12.15 16:34
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