Reader Gewaltp NRW online

125 11 4/2015 FORUM Aufgabe des Kinder- und Jugendschutzes In der AJS ist zumdiesemThema imOktober 2015 ein Präventionsprojekt angelaufen. Im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie Leben“ und gefördert vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen arbeitet ein vierköpfiges Projektteam aus den Bereichen Ge- waltprävention, Politikwissenschaften, Religions- und Islamwissenschaft die nächsten vier Jahre landesweit in der Prävention salafistischer Radikalisierung von jun- gen Menschen. Primäre Zielgruppe des Projektes sind dabei die Fachkräfte des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes in NRW. In allen Jugendamtsbezirken sollen Fachkräfte zu zentralen Ansprechpersonen fort- gebildet und in die Lage versetzt werden, vor Ort eigene Präventionskonzepte zu installieren. Das Projektteam der AJS unterstützt die Fachkräfte bei dieser Arbeit, bietet ab 2016 umfangreiche Fortbildungen an, stellt Arbeitshilfen und Materialien zur Verfügung, berät und hilft bei der Vernetzungmit den zahlreichen regionalen und überregionalen Projekten im Themenfeld sowie Schulen, Sportvereinen, Moscheegemeinden, Islam- verbänden, Polizei und Expert/-innen. So sollen inNRW flächendeckend Präventionsmaßnahmen entstehen. Primärprävention heißt Begegnung In Ergänzung zu den landesweiten Angeboten in den Bereichen der Intervention (Wegweiser NRW) und der Deradikalisierung (Aussteigerprogramm Islamis- mus des Landes Nordrhein-Westfalen), ist das Projekt dabei klar primärpräventiv angelegt. Es will im Vorfeld etwaiger Radikalisierungsprozesse und lange vor einer gewaltbereiten oder extremistischen Orientierung wir- ken, Jugendliche immun machen gegen salafistische Angebote. Im Zentrum primärpräventiver Arbeit muss daher die Begegnung stehen. Nur wer Jugendlichen offen und vorurteilsfrei begegnet, ihnen zuhört und sie ernst nimmt, kann präventiveMaßnahmen entwickeln, die an ihre Alltagserfahrungen anknüpfen. Auf der an- deren Seitemüssen Fachkräfte solchen Verhaltenswei- sen, die andere verletzen, einschränken und abwerten und die den Beginn eines Radikalisierungsprozesses markieren (können), entschieden entgegentreten. Hier besteht häufig große Unsicherheit. Das Projektteam will Fachkräfte darin schulen und unterstützen, solche Tendenzen zu erkennen, sie von jugendlicher Provoka- tion oder schlicht Frömmigkeit zu unterscheiden und mit ihnen angemessen umzugehen. Nora Fritzsche (AJS) fritzsche@mail.ajs.nrw.de egnen – aber wie? Differenziert gegen Islamfeindlichkeit Dieses Vorhaben erfordert – insbesondere in Zeiten zunehmender Islam- feindlichkeit – viel Sensibilität. Drei Grundsätze stehen daher im Mittelpunkt der Projektarbeit: 1. Islam ist nicht gleich Salafismus! – Esmuss immer differenziert werden zwischen der Religion, dieMillionen Deutsche friedlich leben, und dem Salafismus als einer radikalen Minderheit. 2. Provokation ist nicht gleich Salafismus! – Nicht jede jugendliche Pro- vokation ist gleich Ausdruck einer echtenGefahr/Gefährdung. Für diese Graubereiche will das Projekt sensibilisieren und den Fokus auf Handlungen und Einstellungen statt auf Äußerlichkeiten oder Herkunft lenken. Nur so kann eine Stigmatisierung muslimischer Jugendlicher verhindert werden. 3. Islamfeindlichkeit fördert Salafismus! – Der gesellschaftliche Kontext zunehmender Islamfeindlichkeit in Zeiten von Pegida, AfD und Flücht- lingsdebatte muss immer mitgedacht werden. Denn wo deutsche Muslim/ -innen pauschal verurteilt, herabgewürdigt und diskriminiert werden, finden salafistische Gruppen den besten Nährboden. Wie geht’s weiter? – Ein Ausblick Diese und weitere Punkte, Fallstricke und Voraus- setzungen gelingender Präventionsarbeit, aber auch Möglichkeiten und konkrete Schutzkonzepte werden Inhalt der sechstägigen Fortbildungsreihe sein, die die AJS ab Frühjahr 2016 anbietet. In drei Modulen führen die Fachreferent/-innen schrittweise und mit differen- ziertemBlick an das Thema salafistische Jugendkultur heran, zeigen und erproben Handlungsoptionen und stoßen so gemeinsam Strategien für die jeweiligen Kommunen an. Bei der anschließenden Implementie- rung dieser Maßnahmen unterstützt das Projektteam die fortgebildeten Fachkräfte, vernetzt mit bestehen- den Projekten und Akteur/-innen, stellt Materialien und Konzepte zur Verfügung und berät (auch vor Ort). Alternativ zum Fortbildungsprogramm bietet die AJS auf Nachfrage auch eintägige Informationsveranstal- tungen an, die kompakt über das Thema salafistische Jugendkulturen aufklären. Weitere Informationen zum Fortbildungsprogramm, aktuelle Meldungen und Ansprechpartner/-innen im Projekt sind in Kürze auf der AJS-Website zu finden. AJS FORUM 4-2015.indd 11 04.12.15 16:34 1. Gewaltphänomene | Salafistische Radikalisierung

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