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136 6 Prävention durch Werteerziehung Welche Möglichkeiten gibt es und welche Grenzen müssen wir sehen? Von Siegried Uhl Die Erwachsenen neigen heute genau wie früher dazu, sich Sorgen über die junge Ge- neration zu machen und über Werteverlust, Aufsässigkeit und Fehlverhalten aller Art zu klagen. Die Klagen haben möglicherweise auch eine psychohygienische Funktion: Sie sind ein bescheidener seelischer Ausgleich dafür, daß man selbst älter wird und die Unbe- kümmertheit der Jugend mehr und mehr hinter sich lassen muß. Aber das ist es nicht allein. Es gibt genug Hinweise, daß die Befürchtungen nicht ganz unbegründet sind und bestimmte krisenhafte Erscheinungen in den letzten Jahren zugenommen haben. Dazu gehören die Anfälligkeit für zweifelhafteWeltauffassungen und politische Irrlehren, die Gewaltbereitschaft in einem Teil der jungen Generation und das geringe Unrechtsbewußtsein, das laxe Verhältnis gegenüber fremdem, vor allem öffentlichen Eigentum und noch einiges mehr: von den dürftigen Schulleistungen und den häufig genauso dürftigen Umgangsformen bis hin zum Niedergang des „mitbürgerlichen Engagements“. Lassen wir dahingestellt, ob die Lage manchmal nicht mit allzu düsteren Farben dargestellt wird. Sehen wir uns lieber die Ge- genmaßnahmen an, die vorgeschlagen werden. In der Öffentlichkeit gibt es in dieser Frage weitgehend Übereinstimmung. Fast überall denkt man an die Erziehung. Genauer: an mehr und vor allem gründlichereWerteerziehung, als sie im Augenblick geleistet wird. Dabei geht man ganz selbstverständlich davon aus, daß eine möglichst große Dosis früher oder später das gewünschte Ergebnis hervorbringen wird. „Die Schulen“, schreibt Amitai Etzioni, (ame- rikanischer Soziologe / Red.) sind „in der Lage ..., die Entwicklung des [guten] Charakters zu fördern, wenn ihnen dazu mehr Stunden pro Schultag, mehr Tage in der Woche und mehr Monate im Jahr zur Verfügung stehen“. Allerdings sind nicht alle Autoren so zu- versichtlich. Einige vermuten sogar, daß die Werteerziehung alles in allem eine „Negativbi- lanz“ aufzuweisen habe. Sie „verstärke häufig die ... Schwierigkeiten, statt sie ... zu beheben“. Krass gesagt: Die üblicheWerteerziehung nützt überhaupt nichts (sie schadet oft sogar) und ist reine Zeitverschwendung. Wenn man einen Blick auf die Ergebnisse der empirischen Forschung wirft, dann liegt zunächst einmal die Skepsis näher als der Opti- mismus. Je mehr Studien es über ein Verfahren oder ein Mittel der Werteerziehung gibt und je strenger die methodischen Maßstäbe in den Untersuchungen sind, desto mehr gibt esAnlass zu Zweifeln an derWirksamkeit. Die herkömm- liche Unterweisung hat sich als weitgehend nutzlos erwiesen, und bei den modernen Pro- grammen zur Förderung der Wertungsklarheit und der moralischen Urteilsfähigkeit sieht es nicht viel besser aus. Die Grenzen der erziehe- rischen Möglichkeiten scheinen viel enger zu sein, als man sich das noch vor einigen Jahren vorgestellt hat: Das ist das nüchterne Fazit, das in der Fachliteratur gezogen wird. Allerdings gibt es keinen Grund, schwarz zu sehen und alle erzieherischen Bemühungen von vornherein für fruchtlos zu halten. Die Ergebnisse der Forschung deuten nämlich darauf hin, daß unter bestimmten Bedingungen durchaus eine gewisse Aussicht auf Erfolg besteht. Bei den Faktoren für den Erziehungserfolg kann man individuelle und institutionelle Faktoren unterscheiden. Zu den individuellen Faktoren gehören die Merkmale und Handlungsgrundsätze des Er- ziehers. Der Erziehungserfolg hängt entgegen einer verbreitetenAuffassung kaum von spezi- ellen Techniken und ausgefeilten Methoden ab. Viel wichtiger sind die Persönlichkeit und der Erziehungsstil. Der gute Erzieher zeichnet sich vor allem durch die vier folgenden Merkmale aus: 1. er verbindet Zuneigung und Festigkeit; 2. er tritt für den Standpunkt ein, den er für richtig hält; 3. er bemüht sich, ein gutes Beispiel zu geben; 4. er überträgtAufgaben und ermutigt zum Handeln. ● Zum ersten Punkt: Die Liebe und Zuwen- dung der Eltern und das Wohlwollen und die Zuneigung der übrigen Erzieher einschließlich der Lehrer sind die Grundlage dafür, daß der Erziehungserfolg eintritt und die Kinder und Jugendlichen die gewünschten Wissensgüter, Wertüberzeugungen und Tugenden erwerben. Die erfolgversprechendsten „Erzieherqualitä- ten“ sind die Fähigkeit, seinen Schützlingen zu zeigen, daß man sie um ihrer selbst willen mag; die Bereitschaft, ihnen mit Verständnis und Respekt zu begegnen und sie zu ermutigen und zu unterstützen; das Bemühen, ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit zu geben usw. Trotz ihrer Wichtigkeit reichen Zuneigung und Verständnis für sich allein genommen nicht aus. Sie können sogar zu einer Gefahr werden, wenn sie mit übertriebener Nachgiebigkeit und uneingeschränktem Gewährenlassen einherge- hen. Sie müssen deswegen durch Festigkeit und Standhaftigkeit ergänzt werden. Dazu gehört, daß die Erzieher klare Verhaltensre- geln geben und ihre Einhaltung notfalls auch durchsetzen. Das kann man mit zwei kurzen Sätzen ausdrücken: Die zweitwichtigste Auf- gabe der Erzieher ist die Disziplin. Die Liebe kommt zuerst, aber feste Grenzen kommen als zweites. Beim Schulunterricht liegen die Dinge ähnlich. Am erfolgreichsten sind die Lehrer, bei denen Freundlichkeit und Wärme mit hohen Erwartungen und Anforderungen, mit der Durchsetzung einer verbindlichen (aber nicht starren) Ordnung und mit der guten Erfüllung der Führungsaufgaben imUnterricht einhergehen. ● Zum zweiten Punkt: Bei der Erziehung geht es immer darum, daß die Kinder und Jugendlichen etwas Wertvolles erwerben. Damit die Erziehung Aussicht auf Erfolg hat, müssen die Erzieher selbst vomWert der Ziele überzeugt sein und für den eigenen Standpunkt eintreten. Das Eintreten für den Standpunkt, den man für richtig hält, hat drei Elemente. Die Erzieher müssen (a) ihren Schützlingen deutlich machen, was von ihnen erwartet wird, und ihnen gleichzeitig die Berechtigung der an sie gestellten Erwartungen mit einer altersge- mäßen Begründung verständlich machen. Die Unterweisung allein genügt aber nicht. Die Erzieher müssen (b) ihre gefühlsmäßige Ver- bundenheit mit den eigenen Überzeugungen erkennen lassen und auch ihre Enttäuschung und Mißbilligung zeigen, wenn ihre Schützlin- ge den Erwartungen nicht gerecht geworden sind. Sie müssen (c) notfalls auch ihreAutorität geltend machen und die Kinder mit Nachdruck zur Einhaltung einer Vorschrift bewegen, für die sie imAugenblick kein Verständnis haben. ● Zum dritten Punkt: Das gute Beispiel ist wichtig, weil die Kinder von klein auf viel von den Menschen in ihrer Umgebung abschauen. Wegen ihrer herausgehobenen Bedeutung im Leben der Kinder sind die Eltern und die übrigen Erzieher über lange Zeit diejenigen beispielgebenden Personen, deren Einstellun- gen und Verhaltensgewohnheiten das spontane Beobachtungs- und Nachahmungslernen am stärksten anregen. Das gute Beispiel des Er- ziehers bewirkt in den meisten Fällen mehr als bloße Ermahnungen oder irgendwelche anderen Erziehungsmaßnahmen, und ein Thema 1/2003
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