Reader Gewaltp NRW online
137 2. Basisthemen der Gewaltprävention | Werteerziehung 7 schlechtes Beispiel kann alle anderen Er- ziehungsbemühungen zunichte machen. Die Erzieher müssen also als erstes an sich selbst arbeiten und die erwünschten Eigenschaften in ihrem eigenen Verhalten verkörpern, damit sich ihre Schützlinge an guten Verhaltensmu- stern orientieren können. ● Zum vierten Punkt: Der Gedanke, daß man dem Nachwuchs Aufgaben übertragen und ihn zum Handeln ermutigen muß, ist eine Spielart des Grundsatzes der Übung. Dieser Grundsatz lautet: Eine Verhaltensbereitschaft wird um so besser erworben, je mehr sie im eigenen Verhalten geübt und vervollkomm- net werden kann. Das gilt für alle Arten des Könnens, für das Klavierspielen und das Rechnen genauso wie für das moralisch gute Handeln gegenüber den Mitmenschen. Es ist deshalb wichtig, daß die Kinder ihrem Alter und ihren Kräften angemessene Pflichten zu übernehmen lernen und von klein auf an das richtige Handeln in Anforderungssituationen gewöhnt werden. Dazu gehört auch, daß man sie Verantwortung übernehmen und in ihrem Bereich selbständige Entscheidungen treffen läßt und sie immer wieder mit Lob und An- erkennung ermutigt. Neben den Eigenschaften des Erziehers spielen auch die Merkmale der Erziehungs- einrichtung im gesamten eine Rolle. Das kann man sich am Beispiel der Schule verdeutli- chen. Der Unterschied zwischen guten und weniger guten Schulen geht hauptsächlich auf drei institutionelle Faktoren zurück. ● Der erste Faktor wird in der Literatur das „Ethos“ oder das Klima der Schule genannt. Man versteht darunter eine Grundstruktur bestimmter Wertorientierungen, Einstellun- gen und Verhaltensmuster, die für die Schule insgesamt charakteristisch ist. Sie ist sowohl im Lehrkörper als auch in der Mehrheit der Elternhäuser und in der Schülerschaft fest- zustellen. Es gibt zwei Hauptkennzeichen: (a) die Überzeugung, daß man trotz aller Meinungsunterschiede in Einzelfragen an einer übergeordneten Erziehungsaufgabe arbeitet und der Erfolg von der gemeinsamen Anstrengung aller Beteiligten abhängt; (b) ein persönliches Gefühl der Verantwortung für das Ansehen und die Qualität der eige- nen Schule. Mit einem Modewort gesagt: Das Ethos ist die „korporative Identität“ der Schule. Wie bei einem Wirtschaftsbetrieb sorgt eine gute „korporative Identität“ auch bei einer Schule dafür, dass Lehrer, Eltern und Schüler effizient zusammenarbeiten und sich am Ende ein gutes Ergebnis einstellt. ● Der zweite Faktor ist der Führungsstil des Rektors und der übrigen Personen in der Schulleitung. Erfolgreiche Schulleiter unter- scheiden sich von ihren weniger erfolgreichen Kollegen durch Merkmale, die denen der erfolgreichen Lehrer ähnlich sind: Sie moti- vieren ihr Kollegium immer wieder für den Lehrberuf; sie haben Autorität und halten auf eine verbindliche Ordnung, ohne die Lehrer nach deren eigener Einschätzung zu gängeln oder starr an den Vorschriften festzuhalten; sie sind aufgeschlossen und kollegial, und zwar nicht nur zu den Lehrern, sondern auch zu den Schülern und Eltern; sie ziehen sich nicht in das Schulleiterzimmer zurück, sondern sind oft in den Klassenzimmern und bei Schulver- anstaltungen zu sehen; wenn Not amMann ist, geben sie ein gutes Beispiel und packen mit an; und sie erledigen nicht zuletzt die Verwal- tungsarbeit schnell und effektiv und entlasten damit ihr Kollegium so weit wie möglich. Im Idealfall verkörpert der Rektor das Ethos der Schule, nach innen wie nach außen, und ist damit eine der wichtigsten Quellen der „korporativen Identität“ ihrer Angehörigen. ● Der dritte Faktor ist die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern. Die Überein- stimmung von Eltern und Lehrern in Erzie- hungsfragen und der Wunsch nach Zusammen- arbeit sind auf beiden Seiten in beträchtlichem Maß vorhanden. An den erfolgreichen Schulen ist es stärker als anderswo gelungen, darauf aufzubauen und die Eltern in die Arbeit der Schule einzubeziehen. An den erfolgreichen Schulen betrachten sich die Eltern und Lehrer als vertrauensvoll zusammenarbeitende und einander ergänzende Träger der Erziehung und nicht als potentielle Gegner. Insgesamt legen die Ergebnisse der empi- rischen Forschung einen vorsichtigen Opti- mismus nahe. Es gibt für die Werte-Erziehung freilich keine Universalmittel mit Erfolgsga- rantie. Aber es ist nach wie vor möglich, mit Aussicht auf Erfolg zu erziehen. Das gilt vor allem dann, wenn die Kinder und Jugendlichen in Einrichtungen mit einer anspruchsvollen normativen Kultur aufwachsen. Soziale Insti- tutionen sind viel wichtiger als die direkten erzieherischen Handlungen. Die Bereitschaft zur Einhaltung der Normen kann zwar mit erzieherischen Handlungen angeregt und durch Außenstützung gefördert werden. Auf lange Sicht ist sie aber eine Leistung des Individuums. Zur moralischen Selbstverpflichtung kommt es erfahrungsgemäß am ehesten dann, wenn die Kinder und Jugendlichen in den Institutionen gute überindividuelle Ideale, eine sinngebende Religion oder Weltanschauung und andere Orientierungsgüter kennen- und wertschätzen lernen. Wo es solche Institutionen gibt, sind nur wenig gezielte erzieherische Maßnahmen erforderlich. Die Erzieher brauchen nur zu unterstützen und zu ergänzen, was in den Insti- tutionen zum großen Teil auch ohne ihr Zutun gelernt wird. Wo dagegen gute Institutionen und gemeinsame Ideale fehlen, wird sich auch mit viel erzieherischemAufwand nur verhält- nismäßig wenig erreichen lassen. Dr. Siegfried Uhl, PD Universität Erfurt (Der Text stellt das Redemanuskript des Autors auf dem AJS- Fachforum „Prävention gegen Rechtsextremismus“ am 27. November 2002 in Gelsenkirchen dar.) Schonungslose Deutschkunde aus: Kölner-Stadt-Anzeiger 1/2003
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy MTQ0NDgz