Reader Gewaltp NRW online
139 13 1/2011 Für das Gerechtigkeitsprinzip der Vergeltung hat der Autor ebensowenig Sinn wie für die Zweckmäßigkeit vieler Gewalttaten. Der kate- goriale Unterschied von Motiv und Funktion, Grund und Ursache, Gewalt undAggression ist ihm ebenso fremd wie die Mannigfaltigkeit der Affektlagen. Gewalt kann mit Wut und ohne Wut begangen werden, aus Liebe oder Hass, Geiz oder Gier, Eifersucht oder Gleichgültig- keit, Kontrollwahn oder Freiheitsdrang. Weil das Gattungswesen nicht festgelegt ist, gibt es keine seelische Standardsituation, die einen Menschen zum Bösewicht stempeln würde. Wie viele Menschen weisen ebenfalls biogra- fische Wunden auf, ohne im Traum daran zu denken, auch nur die Hand zu heben? Nichts zwingt einen enttäuschten Jugendlichen dazu, schwerbewaffnet in eine Schule einzudringen und ein Massaker anzurichten. Zu Recht betont Günter, dass sich die Ein- hegung der Gewalt häufig gewalttätiger Mittel bedient. Rigorose Disziplin und dichotome Weltbilder können brutale Schikanen recht- fertigen. Auch die gänzlich sinnlose Gewalt ist ihm keineswegs entgangen. Aber einen rechten Reim vermag er sich darauf nicht zu machen. Der therapeutische Blick verleugnet die Gewalt als Aktivität, den Exzess, den Lustzustand jenseits der Grenze. Und er hat keinerlei Sinn für denAblauf der Gewalttat, in der psychische und soziale Tatsachen geschaffen werden, die in keinemVerhältnis zur Vorgeschichte stehen. Der übliche Diskurs kreist um die Tä- ter. Welche Folgen ein Gewalteinbruch für den Alltag in einer Kleinstadt hat, berichtet der Journalist Jochen Kalka aus Winnenden, demTatort eines Amoklaufs, bei dem im März 2009 sechzehn Menschen getötet wurden. In einer Art Tagebuch zeichnet Kalka nach, wie nach der Panik und Schockstarre der ersten Tage die kollektive Verstörung anhielt. Sie betraf nicht nur die Hinterbliebenen und die Schulkinder, welche die Tat miterlebt hatten. Der soziale Kreis der Leidtragenden umfasste auch die fernereVerwandtschaft, die Nachbarn, Freunde, Bekannten sowie einige Helfer und Amtsträger, die sich um die Traumatisierten bemüht hatten. Neben Tätern, Opfern und Zuschauern hin- terlassen Untaten auch eine Gesellschaft von Ohrenzeugen, derenAffektlage keineswegs mit der Sentimentalität stellvertretenden Fernmit- leids zu verwechseln ist. Auch wer nicht dabei war, dessen Weltvertrauen kann lange erschüt- tert bleiben. Ein Schulkind kennt die Schwester eines erschossenen Jungen, ein anderes hat dem Mädchen Nachhilfeunterricht erteilt, wieder andere treffen es regelmäßig im Sportverein, beim Einkauf oder auf dem Schulweg. Obwohl wenig geredet wird, bleiben die Kontakte über- schattet von dem tödlichen Ereignis. Menschen registrieren subkutan die Ängstlichkeit ihrer Umwelt und fürchten bei geringsten Anlässen dieWiederkehr des Bösen. Es genügt ein Reiz- wort, ein Feuerwerkskörper, einer Polizeisirene oder ein Gerücht, um Weinkrämpfe, Zittern, Schreianfälle oder Panik auszulösen. Bis in die Albträume der Unbeteiligten reicht die Macht des Bösen. Schon der unvermeidbare Weg am Tatort vorbei kann Menschen zurückkatapultie- ren in die angstvolle Vorstellung des Unheils. Im Zentrum des Gewalttraumas steht die Erfahrung der Ohnmacht. Zu Trauer und Wut kommt das Gefühl absoluter Hilflosigkeit. Gewalt kann derart terrorisieren, dass Men- schen sich auf Dauer ausgeliefert fühlen. Die akute Panik verfestigt sich zu einer Angst vor der Angst. Damit mag es zusammenhängen, dass Kalkas Chronik der Gefühlslage häufig durchbrochen wird von entrüsteten Anwürfen gegen dickfelligeApologeten von Killerspielen und Waffengesetzen, gegen Schützenvereine, die Jugendlichen Schießkünste beibringen. Die Anklagen vermitteln das Gefühl, noch etwas ausrichten zu können, obwohl nichts auszurich- ten ist. Bedenkenswert bleiben dagegen Kalkas Beobachtungen zum rituellen Trauerzwang. Anberaumte Gedenkzeremonien können massiv gegen das Bedürfnis nach psychischer Sicherheit verstoßen. Die Veranstaltungen spenden kaum Trost und reißen die Wunden erneut auf. Wo das Böse am Werk war, ist ein altes Gesetz der Gemeinschaft aufgehoben. Geteiltes Leid ist nicht halbes Leid, sondern neues, wiedererwecktes Leid. Der Autor dieses aus der „Literarischen Welt“ entnommenen Artikels ist Wolfgang Sofsky geboren 1952; lehrte als Professor für Soziolo- gie an den Universitäten Göttingen und Erfurt. Seit 2001 arbeitet er als Privatgelehrter, in der Nähe von Göttingen. Sofsky schreibt u.a. für die Literarische Welt, die Neue Zürcher Zei- tung, die Schweizer Monatshefte, die Frankfur- ter Allgemeine Zeitung, Die Welt sowie für den WDR und das Deutschlandradio Kultur. Literatur Eugen Sorg: Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist. Nagel und Kimche, München. 154 S., 14,90 Euro. Michael Günter: Gewalt entsteht im Kopf . Klett- Cotta, Stuttgart. 170 S., 14,95 Euro. Jochen Kalka. Winnenden. EinAmoklauf und seine Folgen. DVA, München. 240 S., 17,99 Euro. Neues Spiel: PoKER MIT HERz Autoren: Sabine Krause, Dirk Nolte Für 3-18 Personen im Alter von 10-99 Jahren Spielzeit ca. 45 Minuten, Bestell-Nr. 9003, 24,80 Euro Thema: Die ganzheitliche Kommunikation von Gefüh- len und das empathische Einschätzen der Mitspieler. Karo ist die Hauptfigur im neuen Spiel „Poker mit Herz“. Jeder Spieler erhält 13 verschiedene Karten mit Karo-Motiven, die unterschiedliche Gefühle darstellen. Durch gespiel- te oder erzählte Situationen sollen die passenden Gefühle dazu erraten werden. Je mehr die Mitspieler glauben, das Gefühl erraten zu haben, um so mehr Chips können sie setzen. Aber Vorsicht, manchmal kann ein Spieler „bluffen“. Das Spiel ist supervidiert und an mehreren Schulformen (Sek I und Sek II / Berufskolleg) in der Gewaltprävention sowie als Interventionsmaß- nahme erfolgreich erprobt. Neben der Zielgruppe Schulklasse ist der Spieleinsatz in der pädagogischen und in der therapeutischen Arbeit möglich, ebenso wie im Bereich der Erwachsenenbildung: Coaching, Training und Beratung. weitere Infos: poker-mit-herz.de 3. Dieses Spiel macht jedem Spaß und ist auch in der Familie und mit Freunden ein kurzweiliges und kommunikatives Spiel. - Anzeige - 2. Basisthemen der Gewaltprävention | Werteerziehung
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