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140 14 4/2014 Dokumentation Kinder und Eltern sind besser als ihr Ruf Eine Zusammenfassung des ZEIT-Dossiers „Wir sind keine Sorgenkinder!“ Sind Kinder und Jugendli- che in Deutschland zunehmend gestresst, computerfixiert, ver- haltensauffällig, narzisstisch und tyrannisch, wie oft behauptet und von sogenannten Erzie- hungsexperten und Medienbe- richten gestützt wird? Verbreitete Sachbücher und Ratgeber wie „Die Erziehungskatastrophe“, „Tatort Familie“ oder „Warum unsere Kinder Tyrannen wer- den?“ vermitteln das Bild der Familie in der Krise. Beschrieben werden Eltern, die ihre Kinder entweder verzärteln, vernach- lässigen oder sie mit Aktivitäten und Leistungsansprüchen über- fordern. Laut einer Allensbach- Umfrage meinen nur 20 Prozent der Deutschen, hierzulande sei der Zusammenhalt in den Fami- lien stark. Aber 82 Prozent fin- den, dass in ihrer eigenen Familie große Verbundenheit besteht. Stimmt also die Wahrnehmung von Familie und Jugend in der Öffentlichkeit mit der Realität überein? Der Psychologe und Soziologe Martin Dornes, Mitarbeiter am Frankfurter Institut für Sozi- alforschung, wollte es genauer wissen. In einer umfangreichen Bestandsaufnahme hat er For- schungsergebnisse der letzten Jahrzehnte über Familien, Erzie- hungsstile, Medienkonsum und Gesundheitszustand junger Men- schen zusammengetragen. Sein Befund, nachzulesen im Dossier der ZEIT „Wir sind keine Sor- genkinder!“ vom 11.09.2014, zusammengefasst: „Noch nie wuchsen Kinder und Jugendliche so sicher und umsorgt, gesund und zufrieden, gebildet und wohlhabend auf wie heute. Eltern erziehen kindgerechter und zuge- wandter als Mütter und Väter in früheren Zeiten“. Martin Spiewak, Autor des ZEIT-Dossiers, setzt dem Kata- strophenszenario über den Zu- stand der Jugend eine Reihe von Untersuchungen entgegen. Nach der aktuellen Gesundheitsstudie des Robert Koch-Instituts schät- zen 94 Prozent der Eltern und 88 Prozent der Kinder und Jugend- lichen ihre körperliche und see- lische Verfassung als gut bis sehr gut ein. 78 Prozent treiben Sport, zwei Drittel davon im Verein. Die Zahl der Verkehrstoten unter 15 Jahren ist seit 1980 massiv ge- sunken, auch die Suizidquote hat sich halbiert. Die Unfallkassen vermelden einen Niedrigstand an Verletzungen nach Prügeleien und auch Gewaltstraftaten von Jugendlichen sind rückläufig. Als mögliche Gründe für diese posi- tive Entwicklung nennt Spiewak unter anderem die zahlreichen Aktivitäten an Schulen zum Sozialen Lernen, Angebote wie Konf liktlotsen, Klassenräte, Projekttage. Entspanntes Familienleben Auch in den Familien geht es friedlicher zu als früher. Das Kriminologische Forschungsin- stitut Niedersachsen stellte fest, dass zwischen 1992 und 2011 der Anteil der Jugendlichen, die massiv geschlagen wurden, um über die Hälfte zurück gegangen ist. Generell scheint das Familienleben entspannter zu sein: Über 90 Prozent der Jugendlichen verstehen sich gut mit ihren Eltern, drei Viertel möchten ihre Kinder so erziehen wie sie selbst erzogen wurden. Den Jugendlichen attestiert die Shell-Jugendstudie außerdem Verantwortung, Leistungsbe- reitschaft und Familiensinn. Die Quote der rauchenden Jugend- lichen hat sich seit 2008 halbiert und liegt bei 12 Prozent. So viel Positives scheint ver- dächtig. Sind also die Jugend- lichen heute zu wenig engagiert, wie manche Kritiker behaupten? Dazu passt nicht, dass immer mehr Abiturienten vor dem Studium ein freiwilliges Soziales Jahr einlegen. Zum Vorwurf, die Jugend sei zu angepasst, stellt Spiewak die Frage, ob ein Jugendlicher, der mit 15 Jahren ein Auslandsjahr in Argentinien verbringt, das Rebellieren zum Selbstständigwerden überhaupt noch nötig hat? Im Übrigen wer- de in den Familien nach wie vor gestritten, nur enden Streitfragen viel seltener als früher in starren Fronten, sondern werden gelöst. Der Verhandlungsstil hat den Be- fehlsstil in der Erziehung ersetzt. Eltern nehmen ihre Kinder ernst. Die Flut an Erziehungsratgebern, so Spiewak, müsse man nicht als Zeichen elterlicher Verunsiche- rung, sondern könnte man eben- so gut als Interesse der Eltern an Erziehung interpretieren. Tat- sächlich verbrächten Eltern, vor allemVäter, heutzutage mehr Zeit mit ihren Kindern. Mit der Folge, dass 80 bis 90 Prozent der Kinder (je nach Alter) finden, dass ihre Eltern genug Zeit für sie hätten. Das kürzlich veröffentlichte LBS- Kinderbarometer ergab, dass 80 Prozent der 9- bis 14-Jährigen sich wohl oder sehr wohl fühlen. Nach Auffassung von ZEIT- Autor Spiewak scheinen Eltern ziemlich viel richtig zu machen. Für eine angebliche Bildungs- panik findet er bei seinen Re- cherchen keine Belege, exzes- sive Frühförderung scheint ein Randphänomen zu sein. Spiewak stellt die These auf, dass nicht die Probleme der Kinder ständig zu- nehmen, sondern die Sensibilität dafür wächst. „Je ausgefeilter die Gewaltprävention, desto skanda- löser, wenn doch etwas passiert“. Deutschlands Kellerkinder Der allgemeine „Alarmismus“ über die Kinder und Jugend hat aber laut Spiewak eine gefähr- liche Folge, weil er den Blick gegenüber „Deutschlands Kel- lerkindern“ vernebelt. Diese ca. 15 bis 20 Prozent befinden sich „am Rand der Gesellschaft, wo Armut auf Vernachlässigung trifft und Schulversagen auf vererbte Perspektivlosigkeit“. Viele stammen aus Migrantenfa- milien. Kinder „aus sogenannten Multiproblemfamilien sind dop- pelt so häufig psychisch auffällig, rauchen häufiger, sitzen länger vor dem Bildschirm, essen mehr Junkfood und erhalten weniger Zuwendung von den Eltern“. Diese Kinder und Jugendlichen bräuchten dringend die öffent- liche Aufmerksamkeit. Eine abschließende These hat Spiewak auch noch parat: Der „Katastrophismus“ habe „eine verhütende Wirkung“, da sich potentielle Eltern fragen, warum sie sich mit der Erzie- hung von Kindern überfordern sollen. Vielleicht könne man die Deutschen zum Kinderkriegen animieren, wenn man aufhören würde, „die Kinder und das Le- ben mit ihnen schlechtzureden“. Carmen Trenz (AJS) Literaturhinweise: Dossier der ZEIT „Wir sind keine Sorgenkinder!“ vom 11.09.2014, Autor: Martin Spiewak. Martin Dornes: Das postheroische Kind. Die Modernisierung der Seele Fischer Taschenbuch Verlag, 2012. AJS Forum 04-2014.indd 14 28.11.14 12:06
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