Reader Gewaltp NRW online
142 Rund 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutsch- land gelten als sicher gebun- den. Nicht übersehen werden sollte, dass die Eltern zwar die ersten und wichtigsten Bezugspersonen sind, aber auch andere vertraute Men- schen – wie Großeltern oder Erzieher/-innen in Kinder- krippen und Kindergärten – können sichere Bindungser- fahrungen vermitteln, die die Kinder verinnerlichen und als Schutzfaktor ins Leben mitnehmen. Entstehung von Bindungstypen Außer der sicheren Bindung gibt es drei weitere Bindungsmuster: Die unsicher- vermeidende, unsicher-ambivalente und die desorganisierte Bindung. 20 bis 25 Prozent der Kinder sind unsicher-vermeidend gebun- den. Diese Kinder erleben, dass die Eltern ihr Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung zu wenig wahrnehmen oder zurückweisen und ihnen damit vermitteln, dass sie mit Stress alleine zurechtkommen sollen. Die Kinder ziehen sich eher zurück, sind angepasst und gelten oft als pflegeleicht. Es geht ihnen nicht gut, aber sie haben gelernt, Gefühle zu verdrängen, Stress nicht zu zeigen. Die Folge sind häufig körperliche Symptome, auch chronische Krankheiten können hier ihren Grund haben. Emotional sind die Kinder oft wenig stabil und sie können sich nicht so gut auf Beziehungen einlassen. Gegenüber psychischen Belastungen sind sie weniger widerstandsfähig. Die vergleichsweise hohe Zahl dieser Kinder in Deutschland gegen- über anderen Ländern führt Brisch darauf zurück, dass gerade viele deutsche Eltern befürchten, ihr Kind bereits im Säuglingsal- ter zu verwöhnen und deshalb Gefühle und Bedürfnisse der Babys missachten. Unsicher-ambivalent gebundene Kinder (10 – 15 Prozent) erleben, dass ihre Eltern mal mit Zuwendung und Schutz, mal mit Zurückweisung reagieren. Ihr Verhalten ist für die Kinder nicht berechenbar. Diese Kinder klammern sich oft an ihre Eltern und tun sich schwer, selbstständig zu werden. Sie wechseln zwischen ängstlich-anhänglichem und aggressiv-abweisendem Verhalten. Desorganisierte Kinder wachsen in einem desolaten Umfeld, oft mit psychisch 4 Thema 1/2015 Was hat Bindung mit Prävention zu tun? Oder: Was Pädagoginnen und Pädagogen aus der Bindungsforschung lernen können Das Kinder- und Jugendhilfe- gesetz (SGB VIII) formuliert in § 1 das Recht junger Menschen auf die Entwicklung zu „eigenver- antwortlichen und gemeinschafts- fähigen Persönlichkeiten“. § 14 SGBVIII sieht vor, dass durch die Maßnahmen des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes jun- ge Menschen zu Kritikfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit sowie zur Verantwortung gegenüber ihren Mitmenschen befähigt werden sollen. Der folgende Text zeigt auf, wie wichtig die Erkenntnisse der Bindungsforschung für die Erreichung dieser Ziele sind. In den ersten drei Lebensjahren wird das Fundament dafür gelegt, wie wir die Bezie- hung zu uns selbst und zu anderenMenschen gestalten. Kindliche Entwicklung vollzieht sich im Wesentlichen in Beziehungen. Das Bedürfnis nach gefühlsmäßig intensiven Beziehungen – Bindung – ist angeboren. Eine ihrer wesentlichen Funktionen ist es, Sicher- heit und Schutz zu erleben und Stress zu re- gulieren. Wenn die engsten Bezugspersonen, meist die Eltern, liebevoll, feinfühlig und verlässlich auf die Bedürfnisse des Säuglings und Kleinkindes eingehen, bauen Kinder eine sichere Bindung auf und entwickeln Ver- trauen. Dieses Ur-Vertrauen ist bedeutsam für eine stabile Persönlichkeitsentwicklung, denn „Bindung ist emotionale Nahrung, die uns am Leben hält“, so der renommierte Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Karl-Heinz Brisch in einem Interview mit der Zeitschrift Psychologie Heute (5/2014). Sicher gebundene Kinder können sich besser in andereMenschen einfühlen, Frustrationen besser verkraften, leichter Beziehungen ein- gehen und Freundschaften schließen. Mit den Herausforderungen im Leben gehen sie angemessener um und verkraften schwierige Situationen leichter als andere: Sie sind somit resilienter als unsicher gebundene Kinder. Eine sichere Bindung gilt als ein zentraler Schutzfaktor im Hinblick auf viele Formen von emotionalen und Verhaltensproblemen wie Sucht, Aggressivität, Depressionen u.a.m. Bindung ist zudem eng mit Autono- mie verbunden. Eine sichere Bindung schafft die Basis für eine autonome Entwicklung. Damit kann das Kind eigene Interessen und Ziele verfolgen und sich selbst steuern, also eigenverantwortlich handeln. kranken, traumatisierten Eltern auf, werden seelisch oder körperlich misshandelt oder missbraucht, oder sie erleben den häufigen Wechsel von Bezugspersonen. Diese Kinder sind meist selbst traumatisiert und tragen ein großes Risiko für eine schwere psychische und auch körperliche Erkrankung. Sie sind äußerst verwundbar, fühlen sich von ihren Gefühlen – Wut, Angst, Traurigkeit – überflutet und erleben ihr Umfeld als sehr bedrohlich. Diese Kinder haben künftig ein starkes Bedürfnis, andere durch ihr Verhalten (schlagen, schreien, außer sich zu geraten) zu provozieren, um überhaupt eine Beziehung herzustellen oder um der Umwelt nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Veränderbarkeit von Mustern Die beiden unsicheren Bindungsmuster sind nicht pathologisch. Aber die Bin- dungsforschung belegt, dass eine unsichere Bindung eine Disposition für verschiedenste sozial-emotionale Probleme und psycho- somatische Beschwerden schafft, die bis ins Erwachsenalter hinein wirken können. Die gute Nachricht: Die aktuelle Bindungs- forschung hat auch belegt, dass Menschen „nach-beeltert“ werden können und durch neue Beziehungserfahrungen ihr Bindungs- muster verändern können. Das geschieht zum Beispiel in der Psychotherapie, aber auch Lehrerinnen und Lehrer, pädagogische oder sonstige Bezugspersonen können dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche in der Beziehung zu sich Selbstvertrauen auf- bauen und Vertrauen in andere Menschen entwickeln. Eine ungünstige Prognose haben dagegen Kinder mit einer desorganisierten Bindung (5-10 Prozent) oder einer Bindungsstörung (3 bis 5 Prozent). Dennoch kann auch ihnen durch intensive Betreuung und stabile Bezie- hungen geholfen werden. Soziale Vererbung Bindungsmuster werden oft über Gene- rationen weitergegeben. Mütter, die selbst einfühlsam betreut wurden, reagieren fast immer auch auf ihre Kinder feinfühlig. Haben Eltern dagegen selbst Gewalt und Vernachlässigung erlebt, verhalten sie sich in Stresssituationen ihren Kindern gegenüber in gleicher Weise, sofern sie diese traumatischen Erfahrungen nicht verarbeitet haben. Carmen Trenz carmen.trenz@mail.ajs.nrw.de AJS Forum 01-2015.indd 4 13.03.15 16:48
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