Reader Gewaltp NRW online

143 2. Basisthemen der Gewaltprävention | Bindung 5 1/2015 Bindungsmuster im Jugendalter Im Jugendalter bleiben Eltern in der Regel wichtige Bindungspersonen, vor allem wenn (neue) Situationen emotional belastend sind. Sicher gebundene Jugendliche suchen in angstauslösenden Situationen eher die Unterstützung ihrer Eltern. Im Zentrum der Adoleszenz steht jedoch der Wunsch der Jugendlichen nach Selbstbestimmung und Selbststeuerung, autonomenMeinungen und neuen Beziehungen. Sicher gebundenen Ju- gendlichen gelingt die Balance von Bindung und Autonomie gut und sie entwickeln auch meist eine klare Identität. Bindungsmuster beeinflussen deutlich die Kommunikation und Interaktion mit erwachsenen Bezugspersonen und Gleich- altrigen. Besonders in Konfliktsituationen zeigen sich Unterschiede je nach Bin- dungstyp. Sicher gebundene Jugendliche empfinden Konflikte und Kritik nicht als Gefährdung der Beziehung und sie sind eher kompromissbereit. Unsicher gebun- dene Jungen reagieren öfter mit Ärger und Abwertungen, die nicht zur Klärung des Streits beitragen, und häufig sind sie zwanghaft unabhängig. Unsicher gebun- dene Mädchen können sich in Konflikten häufiger nicht durchsetzen, weil sie Angst haben, dass ihr Wunsch nach Autonomie die Beziehung gefährdet. Kontraproduktiv ist auch die Tatsache, dass bindungsunsichere Jugendliche gerade in emotional schwierigen Situationen, in denen sie überfordert sind, Hilfe zurückweisen. Weil in diesemAlter das Ansehen bei den Gleichaltrigen grundsätz- lich so wichtig ist, unterdrücken Jugendliche eher ihre Wünsche nach Bindung und Nähe, vor allem in der Öffentlichkeit. Bindungsverhalten in Gruppen Der Bindungsstil eines Jugendlichen äußert sich auch in Gruppenbeziehungen (Klasse, Freizeit etc.). Für die meisten Kinder spielt die Gruppe bei der Ablösung aus dem Elternhaus eine wichtige Rolle, in der sie sich in der schwierigen Zeit des Er- wachsenwerdens und der intensiven Gefühle stabilisieren können. Gruppen dienen dazu, die heftigen Gefühle zu steuern und den da- mit verbundenen Stress zu regulieren. Sicher gebundene Kinder erleben die Gruppe im Allgemeinen als sicheren Hafen, als einen Ort für Gefühle und Aktivität. Bei Jugendlichen mit einer unsicher-vermeidenden Bindung, die mit Selbstwertproblemen verbunden ist, ist die Gruppe gut für gemeinsame Aktivi- täten, die emotionalen Beziehungen in der Gruppe erzeugen jedoch eher Angst. Bei unsicher-ambivalenter Bindung wechseln die Jugendlichen zwischen dem Wunsch nach Nähe und der Vermeidung von Kontakt und Nähe. Eine gestörte Gruppenbindung liegt dann vor, wenn Jugendliche entweder nie einer Gruppe angehören, große Angst vor Gruppen haben oder Gruppen ständig wech- seln. Auch bei Gruppen mit kriminellem, aggressivem oder selbstgefährdendem Gruppenverhalten spricht man von gestörter Gruppenbindung. Wie beschrieben gibt es Zusammenhänge zwischen den Bindungserfahrungen als Kind und dem Bindungsverhalten in der Jugend. Eine Festlegung bedeutet das aber nicht. Die Persönlichkeitsentwicklung in der Adoleszenz ermöglicht es den Jugendlichen, ihre Erfah- rungen kognitiv zu überprüfen und mögli- cherweise neu zu bewerten. Eltern werden zunehmend als Personen mit Eigenheiten und Fehlern betrachtet, die auch durch ihre Le- bensumstände, Erziehung, finanzielle und psy- chische Belastungen verstanden werden. Das bedeutet, dass die Jugendlichen ihre Erfah- rungen reflektieren und verarbeiten können. Veränderung von Bindungsmustern Die Veränderbarkeit von Bindungsstilen eröffnet den pädagogischen Fachkräften viel Raum und Ansätze für Intervention. Das pä- dagogische Konzept „Bindungsgeleitete In- tervention“ des Bindungsforschers und Son- derpädagogen Prof. Henri Julius, Universität Rostock, geht davon aus, dass Störungen, die in Beziehungen entstanden sind, auch nur im Rahmen von Beziehungen wieder behoben werden können. Die Beziehungskonzepte, die diese Kinder in ihrer Familie erfahren haben, übertragen sie auch auf ihre Lehrer oder sonstige Betreuungspersonen. Diese reagieren, so Untersuchungen von Julius in Rostock und Berlin, meist spontan und unre- flektiert auf das Verhalten der Jugendlichen. Dadurch kann sich das Bindungsverhalten nicht verändern, sondern wahrscheinlich verfestigt es sich. Deshalb ist es wichtig, die verschiedenen Bindungsmuster der Kinder und Jugendlichen, die man betreut, zu erken- nen und zu verstehen, warum es bei manchen Kindern und Jugendlichen so schwierig ist, in Kontakt zu kommen, warum andere übermäßig anhänglich, einige stets misstrau- isch und abwertend sind und es manchen so schwer fällt, Hilfe anzunehmen. Zu den Interventionsstrategien bei ambivalent ge- bundenen Kindern kann es etwa gehören, feinfühlig auf das Anklammern zu reagieren und zugleich das Erkundungsverhalten zu unterstützen. In Deutschland zählen zu den bekanntesten Bindungsforschern Dr. Karl-Heinz Brisch, Universität München, und Prof. Henri Julius, Universität Rostock. Beide haben Trainings entwickelt, die Eltern und Fachkräfte dabei unterstützen, Bindungsstörungen zu behe- ben. Ziel dieser Trainings ist es, dass Eltern und sonstige Bezugspersonen lernen, die Beziehungen zu den ihnen anvertrauten Kin- dern und Jugendlichen so zu gestalten, dass deren Entwicklung tiefgreifend gefördert wird und sie wieder Vertrauen entwickeln können. Dadurch lassen sich emotionale und Verhaltensstörungen reduzieren und proso- ziales Verhalten kann aufgebaut werden. Beispiele für Trainings ● SAFE ® – Sichere Ausbildung für Eltern. Ein Trainingsprogramm zur Förderung einer sicheren Bindung zwischen Eltern und Kind (Karl Heinz Brisch, Ludwig Maximilians Universität München) ● B.A.S.E. ® – Babywatching: Baby-Beo- bachtung im Kindergarten/in der Schule zur Förderung von Feinfühligkeit und Empathie, als Prävention gegen Angst und Aggression (K. H. Brisch) ● Das pädagogische Konzept „Bindungs- geleitete Intervention“ für Schulen (Henri Julius, Universität Rostock) ● STEEP Programm (Hochschule für an- gewandte Wissenschaft Hamburg) Literatur Brisch, Karl Heinz (Hrsg.): Bindung und Jugend. Klett-Cotta Verlag Stuttgart 2014. Julius, Henri (Hrsg.): Bindung im Kindesalter. Diagnostik und Interventionen. Hogrefe Verlag Göttingen 2008. Carmen Trenz (AJS) AJS Forum 01-2015.indd 5 13.03.15 16:48

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