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144 12 1/2016 FORUM Resilienz – Kinder für die Krise stärken Möglichkeiten der praktischen Umsetzung Die Grundlagen der Resilienzforschung enthalten zu- nächst keine neuen Implikationen für die erzieherische Praxis, sondern spiegeln lediglich die bereits bewährte Basis pädagogischen Handelns wider. Das Neue daran ist jedoch, dass schwerwiegende Lebensbedingungen, unter denen Kinder aufwachsen, nun nicht mehr nur Risiken beinhalten, sondern dass auch verstärkt Chan- cen darin gesehen werden. Zudem möchte man sich noch stärker am jeweiligen Individuummit seinen Res- sourcen orientieren, wobei das Kind imFokus steht als Mitakteur bei seinen Konfliktlösungsmöglichkeiten. Die Ergebnisse der noch recht jungen Resilienzfor- schung legen nahe, dass bereits in frühester Kindheit mithilfe von Präventions- und Interventionsprogram- men die Widerstandsfähigkeit von Kindern gefördert werden sollte – und zwar in Interaktion mit allen Erwachsenen, die zur Lebenswelt des Kindes gehören (vgl. Fröhlich-Gildhoff/Becker/Fischer 2012, S. 25). Dazu benötigen Mädchen und Jungen insbesondere vertrauensvolle, stabile und empathische Bezugsper- sonen, die ihnen ein adäquates Vorbild sind. Die „Kauai-Studie“ – Genese des Begriffs Ihren Ursprung findet die Resilienzforschung in der „Kauai-Studie“ der Forscherin EmmyWerner, die über 40 Jahre hinwegMenschendes Geburtsjahrgangs 1955 der hawaiianischen Insel Kauai beobachtet, interviewt und Daten über ihre Lebens- und Gesundheitssituati- on erhoben hat. Trotz erheblicher Risiken, denen die Menschen auf Kauai ausgesetzt waren, haben sich ein Drittel der Kinder zu gesunden Erwachsenen entwi- ckelt. Die Langzeitstudie von Werner zeigt auf, dass neben der Familie insbesondere soziale Netzwerke Schutzfaktoren darstellen und bei der Ausbildung von Resilienz von primärer Bedeutung sind. (Vgl. Werner 2007, S. 20f.) Was ist Resilienz und wie äußert sie sich? In der wissenschaftlichen Literatur lassen sich zahl- reiche Definitionen von Resilienz finden, die sich u. a. darin unterscheiden, wie eng oder weit der Begriff gefasst wird. Imdeutschsprachigen Raumscheint sich die Definition von Corina Wustmann durchgesetzt zu haben, die unter Resilienz sowohl äußere als auch innere Kriterien mit einbezieht: „Resilienz meint eine psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern gegen- über biologischen, psychologischen und psychosozi- alen Entwicklungsrisiken“ (Wustmann Seiler 2004, S. 18). Resilienz gilt als Schutzfaktor bei der Bewältigung von Krisen, Belastungen und Entwicklungsaufgaben, wobei fehlende Resilienz nicht als Charakterdefizit aufgefasst werden soll. Vielmehr geht es bei der Ent- wicklung von Resilienz nicht nur um die individuelle Ebene, sondern um den Einfluss von Erziehung und Resilienzförde- rung von Kindern im Vorschulalter Am 19. September 2016 veranstaltet die AJS eine Fachtagung zum Thema „Resilienzförde- rung im Vorschulalter“, auf der neben einer allgemeinen Einführung in die Thematik u. a. der Frage nachgegan- gen werden soll, wie Resilienz im (Arbeits-) Alltag mit Kindern im Vorschulalter wirksam gefördert werden kann. Bildung durch für Kinder wichtige Bezugspersonen. Die Widerstandsfähigkeit von Mädchen und Jungen zeigt sich darin, dass sie sich erstens trotz eines ho- hen Risikostatus‘ gesund entwickeln (Aufwachsen in Armutsverhältnissen; Psychopathologie der Eltern etc.), zweitens Krisensituationen mithilfe ihrer Kom- petenz bewältigen und sich drittens von belastenden Situationen und traumatischen Erfahrungen schnell wieder erholen. Merkmale von Resilienz Resilienz ist nicht angeboren, sondern entwickelt sich im Laufe des Lebens anhand von individuellen Erfah- rungen. Sie ist als Interaktionsprozess zwischen Indi- viduum und Umwelt aufzufassen. Weiterhin stellt sie keine stabile Einheit dar; Menschen können zu einem Zeitpunkt ihres Lebens resilient sein, zu einemanderen Zeitpunkt in einer Krisensituation Schwierigkeiten ha- ben, den starkenBelastungen standzuhalten. Mädchen und Jungen, die sich in einemBereich ihrer Lebenswelt resilient verhalten, können in einem anderen Bereich eine geringere Kompetenz bei der Bewältigung von Aufgaben aufweisen, Resilienz ist somit nicht generell auf alle Lebensbereiche eines Menschen übertragbar. In empirischen Untersuchungen konnten folgende zentrale Resilienzmerkmale identifiziert werden, die bei Rönnau-Böse und Fröhlich-Gildhoff (2014a, S. 46- 54) ausführlich dargestellt werden: I. Selbst- und Fremdwahrnehmung Darunter wird die Fähigkeit verstanden, die eigenen Emotionen und Gedanken wahrzunehmen und in Beziehung zum Eindruck der eigenen Person durch andere zu setzen. Dies kann imAlltagmit Kindern zum Beispiel durch sinnesanregende Räumlichkeiten sowie Gespräche und Spiele zu Gefühlen gefördert werden. II. Selbstwirksamkeit Die Selbstwirksamkeitserfahrung imSinne von Erfah- rung derWirkung des eigenenHandelns führt zurWahr- nehmung der individuell vorhandenen Stärken und Fähigkeiten, auf die Kinder gezielt in Krisensituationen zurückgreifen können. Die Selbstwirksamkeit kann beispielsweise bei Kindern imVorschulalter durch das Zutragen von altersangemessener Verantwortung, durch Partizipation am Geschehen im Kindergarten- alltag und auch durch das Aufzeigen von Stärken und Schwächen entwickelt werden. III. Selbststeuerung Kinder, die über eine gute Selbststeuerung verfügen, sind in der Lage, ihre eigenen Emotionen zu regulieren. Sie verfügen über Strategien sich selbst zu beruhigen und alternative Handlungsstrategien zu aktivieren. Durch Rückmeldungen zum eigenen Handeln sowie Save t he date: AJS FORUM 1-2016.indd 12 21.03.16 12:13 Res lienz – Kinder für die Krise stärken Möglichk iten der praktischen Umsetzung
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