Reader Gewaltp NRW online
163 3/2000 Beitrag 4 Streitschlichtung Alibi für schulische Gewaltprävention oder Motor für schulische Veränderung? Viele Lehrer berichten, dass in den letz- ten Jahren das Unterrichten zunehmend schwieriger geworden ist und nennen als Hauptgründe soziale Desintegration, die Zunahme dissozialen Verhaltens sowie eine fast alltäglich gewordene psychische und physische Gewalt. Mit Sanktionen, so die Erfahrungsberichte, läßt sich das Problem nicht lösen, denn durch sie wer- den keine alternativen Verhaltensmuster erfahren. Die Zielsetzung, schulischer Gewalt nicht reaktiv, sondern präventiv zu be gegnen und Schülern prosoziales Lernen zu ermöglichen, hat in den letzten Jahren zu einem Paradigmenwechsel geführt und den Fokus vor allen Dingen auf das Konzept der Streitschlichtung gerichtet, das seit etwa fünf Jahren zunehmende Akzeptanz an deutschen Schulen genießt. Zugrunde liegt dabei das Konzept der Peer Education , das davon ausgeht, daß jugendliche Peers (im Sinne von Gleich- altrigen, Gleichartigen, Gleichrangigen) ein wichtiger Bestandteil bei der Entwicklung von Lernstrategien sind und einen wertvol- len Beitrag für die Präventionsarbeit leisten. Dabei werden Peers weniger als “Problem- verursacher” gesehen, sondern bringen ihre Problemlösekompetenz als Teil des Erziehungsprozesses ein. Sie sind neutrale Dritte und bringen die Betei- ligten miteinander ins Gespräch. Ihre Aufgabe ist es, daß sich beide Parteien sicher fühlen, daß Gesprächsregeln vereinbart und eingehalten werden, daß Vorwürfe unterbleiben. Dadurch, dass niemand Stellung bezieht und keine Freunde der Kontrahenten anwesend sind, “verliert keiner das Gesicht”. Die Be- teiligten spüren, daß sie ernst genommen werden, daß ihnen zugehört wird und be- teiligen sich aktiv an der Lösungsfindung, bei der es weder Sieger noch Verlierer gibt. Das Gehörte bleibt bei den Beteiligten. Schweigepflicht für alle ist dabei oberstes Gebot. Gründe für den Erfolg Für die hohe Akzeptanz der Schüler- mediation gibt es viele Gründe, u.a. die Folgenden: ● Schüler sind Konflikten nicht mehr hilflos ausgeliefert, sondern ebenso wie sie Englisch und Mathematik lernen, können sie lernen, mit Konflikten kon- struktiv umzugehen. ● Die in der Mediation praktizierte kon- struktive Konfliktlösung ist eine effektive Methode, der Eskalation von Konflikten vorzubeugen und leistet einen wertvol- len Beitrag zur schulischen Gewaltprä- vention. ● Die Erhöhung der Schülerverantwort- lichkeit ermöglicht es den Lehrern, sich mehr auf die fachlichen Inhalte und deren Vermittlung als auf die Einhaltung der Disziplin zu konzentrieren. ● Das Training vermittelt durch seine In- halte wie z.B. Perspektivenwechsel, aktives Zuhören und Empathiefähig- keit wichtige Voraussetzungen für das Leben in einer multikulturellen Gesellschaft. ● Mediation kommt besonders Jugend- lichen entgegen, die ihre Probleme al- lein und nicht mit Hilfe der Erwachsenen lösen wollen. ● Die Betroffenen selbst sind Teil des Prozesses. Über sie wird nicht verhan- delt, sie handeln vielmehr selbst. Sie selbst erarbeiten Lösungsvorschläge, überprüfen deren Realisierbarkeit und unterschreiben die getroffene Verein- barung. So gesehen gibt Mediation den Beteiligten ein hohes Maß an Eigenver- antwortung und überläßt die Lösung des Konfliktes nicht anderen, sondern geschieht durch die Betroffenen selbst. ● Mediation findet in einer sicheren Umgebung statt und bietet den Beteilig- ten ein hohes Maß an Unterstützung, so daß die Angst schwindet und keine Not- wendigkeit besteht, andere durch Taten und Worte beeindrucken zu müssen. ● Die Mediatoren sind keine “Hilfsshe- riffs” der Lehrer, sondern vielmehr gleichaltrige Mitschüler, die speziell ausgebildet sind, um ihren Peers zu helfen, Konflikte friedlich und mit Wor- ten, statt mit Fäusten zu lösen. ● Nicht zuletzt scheint Mediation auch deshalb Schule zu machen, weil sie den Beteiligten die Möglichkeit bietet, ihr ei- genes Verhaltensrepertoire zu erweitern und eine demokratische Streitkultur zu erfahren, in der eigene Interessen nicht auf Kosten anderer durchgesetzt werden - eine wertvolle Voraussetzung für das Gelingen unserer Demokratie. Mehr als eine Modeerscheinung Aus Gesprächen mit Eltern, Lehrern und Schülern wird deutlich, daß es sich bei Peer Mediation um mehr han- delt als um eine pädagogische Mo- deerscheinung, die Kinder über- fordert. Da in Deutschland nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand noch keine quantitativen Angaben über Schülermediation vorliegen, sei verwie- sen auf die Erkenntnisse aus den USA, wo mittlerweile tausende von Schulen das Programm erfolgreich implementiert und evaluiert haben. Zwar sind die dort gemachten Erfahrungen nicht direkt auf Deutschland übertragbar, jedoch sind die Erkenntnisse bemerkenswert: Die meisten der Untersuchungen berichten von einer Reduzierung disziplinarischer Verstöße und der Zunahme prosozialen Schüler- verhaltens. Auffällig sind die Verbesse- rung des Schulklimas und Steigerung des Selbstwertgefühls der Mediatoren. Generell ist eine hohe Akzeptanz bei den Lehrkräften erkennbar, die von der Er- aus: Weisser Ring 3. Präventionsfelder | Schule
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