Reader Gewaltp NRW online

164 3/2000 5 höhung der Verantwortungsbereitschaft vieler Schüler berichten und sich seltener im Unterricht gestört fühlen. Euphorie und dann? Die guten Nachrichten über Mediation sind vielfältig, jedoch ist die Umsetzung in der schulischen Realität nicht so einfach wie es manche Ausführungen vermuten lassen. Viele gut gemeinten Bemühungen stagnieren nach etwa einem halben Jahr, wenn die erste Euphorie vorbei ist. Wenn die Nachfrage nachlässt, fühlen sich viele Mediatoren arbeitslos und fangen an, sich als eine Art “Konfliktspäher” zu betätigen. In diesen Fällen ist die Schlußfolgerung naheliegend, dass das Programm “nicht funktioniert”. Bei näherer Analyse wird diese Vermutung entkräftet: Viele Schulen berichten, daß die Schlichter informell, z.B. auf dem Schulhof oder an der Bushalte- stelle tätig werden, und daß deshalb die offiziellen Schlichtungen abnehmen. Erfolge an vielen Schulen dürfen aber nicht darüber hinweg täuschen, daß es auch eine große Anzahl gibt, bei denen zwar Streitschlichtung offiziell eingeführt ist, sie aber eher halbherzig praktiziert wird und häufig auch nur ein jämmerliches Schattendasein führt. In diesen Fällen ist Streitschlichtung weder in den Köpfen der Kinder, noch in denen der Lehrer verankert, was dem Konzept mehr schadet als hilft. Es gibt vielfältige Hinweise darauf, dass in diesen Fällen die Implementation zu schnell eingeführt wurde, dass die Spezi- fika der eigenen Schule nicht ausreichend berücksichtigt und die Widerstände im Kollegium nicht ernst genommen wurden. Streitschlichtung implementieren Wie bei jeder Innovation treten auch bei der Einführung des Streitschlichter- programms Probleme und Widerstände auf. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn das Vorhaben nicht ausreichend vorbereitet ist, die spezifischen Erfor- dernisse der Schule und die Bedürfnisse des Kollegiums unberücksichtigt bleiben. Sensibles Vorgehen ist insbesondere deshalb angebracht, weil im Falle der Streitschlichtung nicht die Lehrer die emanzipatorischen Kompetenzen er- halten, sondern diejenigen, die auf der untersten Ebene der Hierarchie stehen: Die Schüler. Streitschlichtung erfordert offensichtlich mehr als nur das Training der Schüler. Dabei geht es häufig auch um eine strukturelle Umorientierung und Einstellungsveränderung bei den unterrichtenden Lehrern. Hinzu kommt die erforderliche Geduld, die gebraucht wird, um die entsprechenden Ressourcen zu beschaffen, die Weiterbildung der Kollegen und die Unterstützung des Pro- gramms sicherzustellen - und das nicht nur kurzfristig und euphorisch, sondern vielmehr langfristig und nachhaltig. Kriterien erfolgreicher Programmimplementation Pädagogische Programme sind meist dann erfolgreich, wenn sie mit dem pädagogischen Grundverständnis der Schule einhergehen. Die Implikationen für Streitschlichtung sind offensichtlich: Das Kollegium muß über die Zielsetzung des Streitschlichterprogramms verständigen: Wird Streitschlichtung eingeführt, um die Kompetenzen der Schüler zu erweitern? Wird sie eingeführt, um die Demokrati- sierung der Schule voranzutreiben? Wird Streitschlichtung hauptsächlich eingeführt, um die Lehrer zu entlasten? Wird Streit- schlichtung eingeführt, um Störer aus dem Unterricht zu entfernen und in Ruhe unterrichten zu können? Je nach Kollegium werden die Antworten sehr unterschiedlich sein. Entscheidend ist, daß sich das Kol- legium bei der Einführung über die eigene Zielsetzung und die möglichen Folgen der Umsetzung im Klaren ist. Erfahrungen zeigen, dass sich diejeni- gen Schulen mit der Implementation sehr leicht tun, die ihre eigenen Bedürfnisse ermittelt haben, in einem kooperativen Kontext arbeiten, einen demokratischen Anspruch haben und von Diversität ge- prägt sind. Trifft Mediation hingegen auf eine ihr völlig fremde Kultur, die geprägt ist durch hierarchisches Denken und ge- ringe Interaktion der Beteiligten, sind verstärkte Implementationsbemühungen erforderlich. Schwierigkeiten haben die Schulen, die sich durch die Einführung des Streitschlichterprogramms in Sachen Ge- waltprävention entlastet fühlen und dies- bezüglich keine weiteren Anstrengungen unternehmen. Auch ist die Wahrschein- lichkeit der Nachhaltigkeit sehr gering, wenn Streitschlichtung sehr spontan als isolierte schulische Innovation eingeführt wird und in der Euphorie der pädagogische Gesamtkontext unberücksichtigt bleibt. Kompetenzerwerb für wenige? Mediation ist ein vielsprechendes ge- waltpräventives Konzept, das vor allem den Mediatoren, aber auch den Kontra- henten viele prosoziale Kompetenzen ver- mittelt. Für Lehrer hat es u.a. den Vorteil, dass sich Unterrichtsstörungen verringern und die Vermittlung fachlicher Inhalte Priorität genießt. Die Kehrseite dabei ist jedoch, daß sich mit der Einführung der Streitschlichtung viele Lehrer entlastet fühlen und sich offensichtlich weniger pädagogisch engagieren. Für die Schüler sind die Konsequenzen fatal: Lehrer ver- weisen auf die Zuständigkeit der Eltern, Eltern verweisen auf die Zuständigkeit der Schule, die Schule verweist auf die Zuständigkeit der Streitschlichter. Auf der Strecke bleiben dabei diejenigen, die nicht als Streitschlichter ausgebildet werden. Sie erwerben die sozialen Kompetenzen, die sie in ihrem späteren Berufs- und Pri- vatleben brauchen, weder im Elternhaus noch in der Schule – und das trotz der Verankerung von Streitschlichtung in der Schule. Unter Berücksichtigung der wissen- schaftlichen Erkenntnisse, daß berufli- cher und privater Erfolg mit sozialer und emotionaler Kompetenz korrellieren, stellt sich die Frage, ob es weiterhin verant- wortbar ist, wenn die Fähigkeiten zur konstruktiven Konfliktlösung nur einem kleinen Teil der Schülerschaft vermittelt wird (den Streitschlichtern selbst und den Kontrahenten), und ob der Erwerb prosozialer Verhaltensweisen weiterhin dem Zufall überlassen werden darf. aus: ran ▲ Beitrag

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