Reader Gewaltp NRW online

167 2/2002 Thema 4 Gewaltverminderung in der Schule Der Göttinger Wissenschaftler Hans-Peter Nolting stellt unterschiedliche Strategien zur Prävention vor innen zumindest gelegentlich verbal aggres- siv. Die große Mehrheit zeigt jedoch keine ausgeprägten antisozialen Neigungen, son- dern ist weitgehend �friedlich“. Angegriffen werden überdies nicht �die“ Mitschüler, sondern vornehmlich eine Min- derheit unter ihnen. In der Regel sind sie körperlich schwach, ängstlich und wenig be- liebt. Sie sind auch überwiegend passive Opfer, seltener provozierende, also Täter und Opfer zugleich. Nicht Ringkämpfe un- ter Gleichstarken sind somit das Kernpro- blem, sondern die asymmetrische Gewalt- ausübung von Starken gegen Schwache. Es gibt nicht nur typische Personen, sondern auch typische Situationen . Ag- gression in der Schule ist nicht Aggressi- on im Unterricht. Zumindest für schärfe- re Formen, für �Gewalt“, ist der Unterricht nicht der vorrangige Ort (Ausnahme zu- weilen: Sportunterricht). Kritisch sind besonders die Pausen auf dem Schulhof und andere Situationen mit eingeschränkter Beaufsichtigung. Dazu gehören etwa die Wege vom und zum Klassenraum, unstrukturierte Wartesitua- tionen (Warten vor der Klasse, Warten in der Klasse, Warten auf den Bus usw.), in manchen Schulen auch der Heimweg. All dies bedeutet, daß aggressives Verhalten gegen -Mitschüler/innen, anders als Un- terrichtsstörungen, über die jeweilige Klas- se hinausreicht, daß unter anderem älte- re Schüler auf dem Schulhof leicht Opfer aus tieferen Jahrgängen finden können. Insofern ist also der aggressive Umgang zum großen Teil nicht ein Klassenproblem, sondern ein Schulproblem. Typen von Strategien Unbestreitbar haben viele Schüler/in- nen unter dem aggressiven Verhalten ih- rer Mitschüler/innen zu leiden, und das allein ist Grund genug, nach Wegen zur Gewaltverminderunng zu suchen. In der pädagogischen Literatur gibt es dazu vie- le Vorschläge, doch nur wenige sind er- probt (im Überblick Nolting & Knopf 1998). Eine erste Gruppe von Vorschlägen zielt auf die Änderung schulischer Bedingun- gen, vom Sozialklima über die Unterrichts- formen und die Leistungsanforderungen bis hin zur Paussengestaltung. Das glo- bale Klima oder �Ethos“ eines Schule ist vermutlich bedeutsam (vgl. Rutter u.a. 1980), ist aber in sich recht komplex und wenig �handlich“. Von den relativ gut um- setzbaren Einzelfaktoren wurde die Wirk- samkeit von spezifischen Maßnahmen für die kritische Situation �Pause“, nämlich von verstärkter Aufsicht und organisierter Pausengestaltung, eindeutig belegt. Ein zweiter Typ von Vorschlägen favo- risiert Unterrichtsprogramme zum sozia- len Lernen, insbesondere zum Umgang mit Konflikten. Doch über die Wirkung solcher Programme speziell auf das schu- lische Gewaltniveau ist noch wenig be- kannt. Eine Schwierigkeit dieses Ansatzes dürfte sein, daß der Unterricht sich in glei- cher Weise an alle Kinder richtet, also nicht genug zwischen den hoch aggressi- ven �bullies“ und den ohnehin Friedlichen differenziert. Eine dritte Gruppe von Vorschlägen betrifft den Umgang mit einzelnen �Tätern“ und wird sicherlich am häufigsten prakti- ziert. Einzelne Lehrkräfte setzen sich mit einzelnen Tätern ihrer Klasse auseinan- der und versuchen sie zu erziehen. Von Ermahnungen und Bestrafungen ist dabei sicher wenig zu erwarten, eher von posi- tiven Anreizen für positives Verhalten (die aber in Schulen selten eingesetzt werden!) sowie von gut geführten Gesprächen. Über die Wirksamkeit solcher individuel- len Bemühungen in der Schule ist wenig bekannt. Sie stoßen auch an deutliche Grenzen. Eine dürfte schon darin liegen, daß Lehrkräfte viele Angriffe überhaupt nicht sehen und so auch nicht direkt in die aggressiven Interaktionen eingreifen kön- nen. Im übrigen ist eine tiefgreifende �Um- erziehung“ hoch aggressiver Kinder und Ju- gendlicher für die meisten Schulen ein zu anspruchsvolles Ziel. Die Schule ist keine therapeutische Anstalt und kann nicht die Defizite des Elternhauses kompensieren. Erreicht werden kann eher ein besserer �Opferschutz“ innerhalb der Schule. Theoretisch ist denkbar, diesen Schutz ganz direkt über eine individuelle Förde- rung jener Schüler/innen anzustreben, die Gewalt ist eine Unterform von Aggres- sion. Verhalten ist �aggressiv“ zu nennen, wenn es darauf abzielt, anderen weh zu tun und sie zu schädigen. Solch ein Ver- halten gibt es in vielfältigen körperlichen, verbalen und nonverbalen Erscheinungs- formen. Von �Gewalt“ spricht man ge- wöhnlich, wenn man speziell körperliche Angriffe meint oder überhaupt aggressi- ves Verhalten in deutlich antisozialen, �scharfen“ Ausprägungen. Was die Schu- le anbelangt, so ist häufiger von �Gewalt in der Schule“ als von �Aggression in der Schule“ die Rede, eben weil man vermut- lich in erster Linie die gravierenden, deut- lich antisozialen Erscheinungen im Auge hat. Doch auch �mildere“ Aggressionsfor- men können das Klassenklima erheblich beeinträchtigen. Für die Erklärung aggressiven bzw. gewalttätigen Verhaltens lassen sich zahl- reiche Faktoren heranziehen. Monokau- sale Erklärungen sind immer unzurei- chend und eine einheitliche Erklärung für alle Aggressions-Phänomene ist ebenfalls nicht sinnvoll (vgl. Nolting 1997). So kann aggressives Verhalten ein Racheakt für eine vorangehende Provokation sein (Ver- geltungsaggression). Es kann aber auch dem eigenen Schutz bzw. der Abwehr von Angriffen oder Belästigungen dienen (Ab- wehraggression). Es kann weiterhin ein Mittel zur Erlangung von Gütern, Macht, Anerkennung oder anderen Vorteilen sein (Erlangungsaggression). Und es kann aus reiner Lust am Kämpfen, Schikanieren oder Quälen entstehen – ohne Provokati- on, ohne Nutzen, ohne einen Streit um etwas (�spontane“ Aggression). Gerade die Neigung zum Schikanieren scheint in der Schule eine erhebliche Rolle zu spie- len (vgl. Olweus 1995, Schäfer 1996), doch alle genannten Arten der Aggressi- on kommen vor. Aggression in der Schule ist nicht ein Kampf �jeder gegen jeden“. Es gibt typi- sche Täter und typische Opfer. Der Pro- zentsatz derer, die wiederkehrend angrei- fen, wird meist zwischen 5 und 10 Prozent angegeben (sog. �bullies“, vorwiegend Jun- gen- vgl. Olweus 1995, Smith & Sharp 1994). Zwar verhalten sich viele Schüler/ Thema 3. Präventionsfelder | Schule

RkJQdWJsaXNoZXIy MTQ0NDgz