Reader Gewaltp NRW online
168 2/2002 5 häufig angegriffen werden. Als eigenstän- diger Weg (Typ vier) wurde diese Strate- gie, ganz anders als rein täterorientierte Maßnahmen, bislang allerdings in der Schule meines Wissens noch nicht reali- siert, wohl aber als Komponente im Rah- men von Mehr-Ebenen-Konzepten. Für solche Konzepte, den fünften Stra- tegietyp, liegen zur Zeit die eindeutigsten Wirksamkeitsnachweise vor. Daher sollen sie hier ausführlicher beschrieben werden. Drei Ebenen: Schule – Klasse – Einzelne Nach dem Vorbild des norwegischen Psychologen Dan Olweus wird bei diesen Konzepten gleichzeitig auf der Ebene der Schule, der Schulklasse und des einzel- nen Prävention betrieben und interveniert. Innerhalb dieses Rahmens sind unter- schiedliche Akzente möglich, doch in je- dem Fall werden alle Mitglieder des �Sy- stems Schule“ einbezogen: das gesamte Kollegium, alle Schüler/innen und even- tuell auch Eltern. Was die Schüler/innen betrifft, so kann zum Programm gehören, nicht nur die Täter zu bremsen, sondern auch die Opfer zu stärken. Weiterhin kön- nen die unbeteiligten Zuschauer als po- tentielle Helfer eine wichtige Rolle spie- len. Die nebenstehende Auflistung gibt ei- nen Überblick über mögliche Maßnahmen auf den drei Ebenen. Dabei handelt es sich um eine Zusammenstellung aus un- terschiedlichen Projekten in Norwegen, England und Deutschland. Es ist nicht not- wendig, alles auf einmal zu realisieren. Denn obwohl die Projekte teilweise unter- schiedliche Akzente setzten, wurden in den begleitenden Untersuchungen stets Anzeichen für eine Aggressionsverminde- rung gefunden (Olweus 1995, Smith & Sharp 1994, Hanewinkel & Knaack 1997, Nolting & Knopf 1997), wobei das Programm von Olweus besonders erfolgreich (aber auch besonders aufwendig) zu sein scheint. Wichtiger als die einzelnen Komponen- ten ist offenbar, daß überhaupt gemein- sam gehandelt wird, daß es ein zusam- menhängendes Schulprojekt ist. Das ist etwas ganz anderes, als wenn einzelne Lehrkräfte einzelne schwierige Schüler/ innen zu erziehen versuchen. Eine �who- le-school-policy“ (Smith & Sharp) ist des- halb so wichtig, weil, die meisten Angriffe in den Pausen auf dem Schulhof passie- ren, wo die Trennung in einzelne Klassen aufgehoben ist. nicht für die anderen beiden. Die zweite ist wichtig, um die erste durchzusetzen, und die dritte ist zu ergänzen, weil es häu- fig die sozial randständigen und isolierten Kinder sind, die immer wieder angegriffen werden. Regeln reichen zur Gewaltprä- vention nicht aus, aber sie sind wichtig, um eine klare Orientierung zu geben. Auch ist es für die Lehrkräfte leichter ein- zugreifen, wenn sich alle auf dieselben Regeln berufen können, statt daß Kolle- ge A auf denselben Vorfall ganz anders reagiert als Kollegin B. Für die Schulhofgestaltung empfiehlt sich die Strukturierung in verschiedene Zonen (z.B. Basketball-Zone, Ruhezone, Garten- zone usw.), so daß unterschiedliche Aktivi- täten, die kollidieren und Anlässe (oder Vor- wände) für Attacken liefern könnten, �ent- zerrt“ werden. Nützlich sind auch Spielan- gebote oder organisierte Pausenspiele. Sie können spontaneAngriffe aus purer Lange- weile vermindern helfen. Kaum verwunderlich ist, daß verbesser- te Aufsicht aggressives Verhalten bremst. Verbesserte Aufsicht bedeutet zum einem: mehr Lehrkräfte im Einsatz. Es kann aber auch bedeuten, besonderes Augenmerk auf typische Täter, auf typische Opfer und auf kritische Situationen zu legen. Auf der Ebene der Schulklasse sollten regelmäßig Gespräche über aktuelle Vor- fälle und die Auslegung der Verhaltensre- geln stattfinden. Bei konkreten Vorfällen sollte nicht nur das Verhalten der Täter, sondern auch das der Opfer und der Zu- schauer zur Sprache kommen und alter- natives Verhalten in künftigen Situationen erörtert werden. Ein typisches Problem ist die Rechtfertigung (oder besser: die Aus- rede) vieler Angreifer, sie hätten sich nur �gewehrt“. Deshalb sollte der Unterschied zwischen einer echten Abwehr zum Schutz gegen akute Angriffe und der mehr oder minder nachträglichen Vergeltung klargemacht werden. Auch kann es in den Klassengesprächen, je nach Bedarf, um die Auslegung und Konkretisierung der Grund- regeln gehen. Die erste Regel �Wir greifen andere nicht an“ kann auch bedeuten: Über falscheAntworten keine hämischen Bemer- kungen machen, andere nicht mit ihrer Her- kunft beleidigen (�Russensau“), anderen nichts wegnehmen, anderen nichts kaputt machen u.a. in. Weil Lehrkräfte häufig nicht am Ort des Geschehens sind, ist es wichtig, die Mit- wirkung der friedlichen und �vernünftigen“ Mitschüler/innen zu suchen und sie in ih- rer Rolle als Zuschauer zu aktivieren. Die Aggressionsverminderung auf drei Ebe- nen: Schule Schulklasse Individuum Schulebene Problembewußtsein schaffen (bei Lehr- kräften, Eltern, Schüler/innen) Verbindliche Regeln (Angreifen verbo- ten, Angegriffenen helfen, niemanden ausgrenzen) Schulhofgestaltung (Strukturierung, Zo- nen, Angebote) Bessere Aufsicht, Regelungen für kriti- sche Situationen (z.B. Wartesituatio- nen) u.a.m. Klassenebene Klassengespräche über Vorfälle und Verhaltensregeln Anleitung der Zuschauer zur Hilfelei- stung Soziales Lernen im Unterricht Kooperatives Lernen Individuelle Ebene Akutes Stoppen aggressiver Handlun- gen Gespräche mit Tätern, Opfern, Eltern Rückendeckung und Schutz für Opfer, Anleitung zu selbstsicherem Verhalten Anreize für positives Verhalten, nega- tive Konsequenzen tragen lassen. Im folgenden einige Erläuterungen zu den einzelnen Komponenten. Es ist klar, daß ohne hinreichendes Pro- blembewußtsein keine Schule ein Projekt zur Aggressionsverminderung durchfuh- ren wird. Dieses Bewußtsein ist in den letzten Jahren offenbar gewachsen, das Thema �Gewalt in der Schule“ ist �in“. Aber das heißt nicht, daß jedes Kollegium mit großer Mehrheit die Aggressionsvermin- derung in der eigenen Schule zu seiner Sache macht. Zwar kennen alle Lehrkräf- te aggressive Schüler/innen. Aber das Hauptproblem, das (meist stille) Leiden der Opfer, wird häufig nicht hinreichend erkannt oder nicht hinreichend ernst ge- nommen (etwa mit der Haltung: �Das sol- len die Schüler unter sich ausmachen“). Unverzichtbar ist die Einführung von klaren und einheitlichen Regeln. Olweus schlägt drei Grundregeln vor, und zwar sinngemäß: (1) Wir greifen andere nicht an, (2) Wir helfen denen, die angegriffen werden, (3) Wir beziehen alle mit ein. Der Wortlaut der Regeln ist je nach Klassen- stufe zu modifizieren. Während die erste Regel selbstverständlich erscheint, gilt das Thema
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