Reader Gewaltp NRW online

169 2/2002 6 Thema Art der Hilfeleistung wird am besten in der Klasse besprochen und im Rollenspiel geübt, damit die Schüler/innen nicht wie Sheriffs auftreten, sondern in möglichst unagressiver Weise die Angreifer stoppen oder sich schützend vor Opfer stellen (auch im verbalen Sinne), wobei sich nach Möglichkeit mehrere Helfer zusammentun. Auch wäre zu ergänzen, daß die Schüler/ innen Lehrkräfte herbeiholen sollten, wenn sie sich selber einer Hilfeleistung nicht gewachsen fühlen. Dies widerspricht der informellen Schülerregel, daß man nicht �petzen“ darf. Im Falle von Aggression und Gewalt läuft diese Norm aber prak- tisch auf das Recht des Stärkeren hinaus und es macht die Schwa- chen vollends wehrlos, wenn we- der sie noch die Zuschauer sich an die Erwachsenen wenden dürfen. Über die Hilfeleistung hinaus kann das soziale Lernen in der Klasse in vielfältiger Hinsicht ge- fördert werden (Anregungen hier- zu z.B. bei Petermann u.a. 1999). Denkbar sind Übungen zur Einfüh- lung in andere Personen, zum ak- tiven Zuhören, zum Ausdrücken von Gefühlen (etwa als Ich-Bot- schaft: �Ich bin sauer, weil...“), zur Produktion von Lösungsideen für Konflikte oder auch zur Ge- sprächsführung für eine neutrale Streitschlichtung. Auch Aggression und Gewalt als Unterrichtsthema kann soziales Verstehen fördern, sofern es nicht rein akademisch, sondern mit �Ich-Bezug“ behandelt wird. Einen indirekten Beitrag auf Klassen- ebene kann weiterhin die Unterrichtsform des kooperativen Lernens liefern. Denn die Arbeit in Kleingruppen kann gegensei- tigem Helfen und positive Erfahrungen mit- einander anbahnen und die Beziehungen in der Klasse verbessern helfen (Slavin 1995). Allerdings brauchen die Gruppen zunächst meist eineAnleitung und sie brau- chenAufgaben, die für Kooperation statt für Konkurrenz geeignet sind. Auf der individuellen Ebene, dem Um- gang mit einzelnen Schüler/innen ist es wichtig, akute Angriffe in unaggressiver Form zu stoppen (z.B. durch Behinderung des Täters, durch Trennen von Streithäh- nen, durch deutliche Stoppsignale). Das Stoppen soll verhindern, daß Angriffe Er- folg haben, die unaggressive Form ist wichtig, damit die Lehrkraft nicht selber ein falsches Modell bietet. Ergänzend kann es sinnvoll sein, sich nach dem Stoppen für- sorglich dem Opfer zuzuwenden (statt ta- delnd dem Täter). Nach dem akuten Geschehen sind Ein- zelgespräche selbstverständlich ein wichti- ger Weg, besonders bei wiederkehrenden Vorfällen. Gespräche mit den Tätern sollten keine Standpauke sein. Wichtig sind viel- mehr klare Botschaften, aber auch Einfüh- lung. Man kann deutlich machen, daß man aggressive Empfindungen als eine Realität akzeptiert (�hinnimmt“), nicht aber aggres- sives Verhalten (und gewöhnlich auch nicht die vorgebrachten Rechtfertigungen). einem Selbstverteidigungstraining profitie- ren. Es ist klar, daß man bei alledem nach Möglichkeit die Unterstützung der Eltern suchen sollte. Weil die Opfer sich meist von den Tätern einschüchtern lassen und über ihre leidvollen Erfahrungen schwei- gen, wissen die Eltern darüber oft nicht Bescheid (so wie Lehrer/innen zunächst oft auch nicht). Aufklärung und anschlie- ßendes gemeinsames Vorgehen �der Er- wachsenen“ ist daher wichtig, selbst wenn das ängstliche Opfer lieber möchte, daß man �nichts tut“ (vgl. Olweus 1995). Anreize für positives Verhalteten sind wichtiger als Androhungen für nega- tives. Friedliches Verhalten muß sich lohnen! Was ein passenderAnreiz ist, variiert mit der Altersstufe und jedem Einzelfall. Häufig hilfreich sind Gut- punkte, die sich für attraktive Aktivi- täten oder die Entlastung von Haus- aufgaben eintauschen lassen, gele- gentlich auch kleine materielle Beloh- nungen (Bücher, Stifte usw.) sowie Urkunden für friedliches Verhalten oder für Hilfeleistungen. Antisoziales Verhalten andererseits sollte nicht nur akut gestoppt werden, sondern in Einzelfällen auch darüber hinaus nicht folgenlos bleiben. Als Folgen kommen unter anderem der Verlust von Gutpunkten, vor allem aber �na- türliche“ Konsequenzen in Frage: Wer Eigentum anderer kaputt macht, muß den Schaden ersetzen; wer an- dere auf dem Heimweg verprügelt, kann erst zehn Minuten später nach Hause gehen usw. Welche Erfolge bei der Aggres- sionsverminderung in der Schule tatsächlich erreicht werden und wie dau- erhaft sie sind, hängt nicht nur vom �Kon- zept“ ab, sondern ganz entscheidend da- von, in welchem Maße und wie beständig die Intervention von den Lehrkräften mit- getragen wird. Erlahmt das Engagement, steigen die aggressiven und gewalttätigen Handlungen wieder an. Prävention ist hier nicht über eine kurze �pädagogische Imp- fung“ möglich, sondern muß so fest zur schulischen Alltagsarbeit gehören wie der Unterricht und der Umgang mit Disziplinpro- blemen. Dr. Hans-Peter Nolting lehrt Pädagogische Psychologie an der Universität Göttingen (Der Artikel stellt den Redebeitrag des Autors auf der Fachtagung der AJS und der Kath. LAG NW �Was tun gegen Gewalt in der Schule?“ am 12.11.2001 in Gelsenkirchen, in leicht ge- kürzter Form, dar. Literaturangaben bei der AJS, Telefon 0221/92 13 92-18) Gespräche mit den Opfern sollten vor allem zu deren Schutz und Stärkung die- nen. Häufig angegriffene Kinder müssen die moralische Rückendeckung der Lehr- kräfte spüren und auf ihre Hilfe vertrauen können (auch wenn es für Lehrer/innen ungewohnt sein mag, den Opfern so viel Aufmerksamkeit zu schenken wie den Aggressiven und den Störern). Zusätzlich sind die Mitschüler als Helfer einzubezie- hen, notfalls in der Weise, daß stärkere Mitschüler für einzelne Opfer als �Schutz- engel“ mitwirken. Da das typische Opfer sozial unsicher und randständig ist, müß- te es lernen, sicherer aufzutreten und positive Kontakte aufzubauen. Es ist nicht leicht, dies in der Schule gezielt zu fördern, aber man kann individuelle Vorschläge machen und generell in der Klasse Rol- lenspiele zum Verhalten von Angegriffe- nen durchführen. Manche Schüler/innen könnten auch von einem sportlichen oder 3. Präventionsfelder | Schule häuf g angeg iffen we den. Als eigenstä diger Weg (Typ vier) wurde diese Strat gie, ganz anders als rein täterorientie Maßnahmen, bislang allerdings in d Schule mein s Wi s och nicht re siert, wohl aber als Komponente im Ra m n von Mehr-Ebenen-Konzepten. Für solche Konzepte, den fünften Str tegietyp, liegen zur Zeit die eindeutigst Wirksamkeitsnachweise vor. Daher soll sie hier ausführlicher beschrieben werd Drei Ebenen: Schule – Klasse – Einzelne Nach dem Vorbild des norwegisch Psychologen Dan Olweus wird bei dies Konzepten gleichzeitig auf der Ebene d Schule, der Schulklasse und des einz nen Prävention betrieben und intervenie Innerhalb dieses Rahmens sind unt schiedliche Akzente möglich, doch in j dem Fall werden alle Mitglieder des � stems Schule“ einbezogen: das gesa Kollegium, alle Schüler/innen und eve tuell auch Eltern. Was die Schüler/inn betrifft, so kann zum Programm gehör nicht nur die Täter zu bremsen, sonde auch die Opfer zu stärken. Weiterhin kö nen die unbeteiligten Zuschauer als p tentielle Helfer eine wichtige Rolle spi len. Die neb nstehende Auflistung gibt en Überblick üb r mögliche Maßnahm auf den drei Eben n. Dabei handelt ich um e e Zu ammenstellung aus u terschiedlichen Projekten in Norweg England und Deutschland. Es ist nicht n wendig, alles auf einmal zu realisier Denn obwohl die Projekte teilweise unt schiedliche Akzente setzten, wurden den begleitenden Untersuchungen st Anzeichen für eine Aggressionsvermin rung gefunden (Olweus 1995, Smith Sharp 1994, Hanewinkel & Knaack 19 Nolting & Knopf 1997), wobei das Progra von Olweus b sonders erfolgreich (a auch b son ers aufwendig) zu sein schei Wichtiger als die einzelnen Kompon ten i t offenbar, daß überhaupt gem sam geh ndelt wird, daß es ein zusa menhängendes Schulprojekt ist. Das etwas ganz anderes, als wenn einzel Lehrkräfte einzelne schwierige Schül innen zu erziehen versuchen. Eine �wh e-school-pol cy“ (Smith & Sharp) ist d halb so wichtig, weil, die meisten Angri in den Pausen auf dem Schulhof passi ren, wo die Trennu g in einzelne Klass aufgehoben ist.

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