Reader Gewaltp NRW online
170 3/2003 2 Stichwort "Bis zur Rohheit wild und ungebärdet" Schon vor 100 Jahren spiegelte die Literatur das Thema von Schule und Gewalt Die Schüsse von Coburg klin- gen wie ein makabres Echo der Todesschüsse von Erfurt. Die zunehmende Gewaltbereitschaft an deutschen Schulen zeigt un- übersehbar an: Es herrschen Un- frieden, Unsicherheit und Verstö- rung im Land, wenn es um Erzie- hung und Ausbildung der heran- wachsenden Generation geht. Dabei übersehen wir leicht, dass dieser Unfrieden nicht erst aktuellen Datums ist. Die Litera- tur belehrt uns: Schon vor einem Jahrhundert hat das Thema Schu- le führende Köpfe bis zur Tragik bewegt. Schule - das war und ist ein Problemfeld, das wohl am bedrängendsten die Spannungen, Konflikte und Defizite einer Ge- sellschaft spiegelt. Da wäre es ein Wunder, wenn die Literatur von ihren Reflexen frei bliebe. Ist die Schule heute freilich mit einer amorphen Gesellschaft ohne übersichtliche Strukturen und ohne einen auch nur halb- wegs verbindlichen Konsens in Zielen und Werten konfrontiert, galt vor 100 Jahren das Gegen- teil: Strenge Hierarchien, festge- schriebene moralische Diktionen und überlebte Traditionen bilde- ten ein fest geschnürtes Korsett, das der Jugend die Luft zum At- men nahm. Ein erstaunliches, sei- tenverkehrtes Spiegelphänomen: Beide Extreme - strenge Fixie- rung wie orientierungslose, kon- turlose Offenheit - führen zu er- schreckenden Parallelentwick- lungen - Persönlichkeitssuche unter den Auspizien verzweifel- ter Gewalt. Thomas Mann hat in seinem Roman "Die Buddenbrooks" über den musikalisch hoch begabten Hanno geschrieben: "Nein, er ging nicht gerne in die alte Schu- le, diese ehemalige Klosterschu- le mit Kreuzgängen und gotisch gewölbten Klassenzimmern. Feh- len wegen Unwohlseins und gänzliche Unaufmerksamkeit ... förderten ihn nicht eben in den Wissenschaften, und die Hilfslehrer und Seminaristen ... deren gesell- schaftliche Unterlegenheit, geistige Gedrücktheit und körperliche Unge- pflegtheit er empfand, flößten ihm neben der Furcht vor Strafe eine heimliche Missachtung ein." Die Schule als Ort der Bedräng- nisse, der geistigen und seelischen Nöte, der mangelhaften, ja, zerstö- rerischen Persönlichkeitslenkung ist durch eine Vielzahl extremer Zeugnisse belegt. Von Thomas Mann bis Robert Musil, von Frank Wedekind bis Walter Hasenclever reicht das Panorama schriftstelle- rischer Proteste gegen eine Schu- le, die nicht nur mit ihren gerade- zu brutalen Strafen die körperli- che Situation der Schüler gefähr- dete, sondern die vor allem jedwe- den geistigen und seelischen Auf- bruch der Jugend verhinderte, zu- gunsten derAufrechterhaltung über- holter gesellschaftlicher Normen. Es war eine Zeit, die zumindest in der Literatur geschlossen Front machte gegen eine Praxis, die die traditionellen Normen von Pflicht und Gehorsam, von Bewahrung und Ordnung gegen die Unruhe des Geistes und die Aufschwünge der Phantasie zu verteidigen hatte. Die Schule repräsentierte die Gesell- schaft des späten Kaiserreiches - Adel, Kirche, Bürgertum (natürlich unter dem Diktat der autoritären Väter) -, und verfügte regelrecht die Aufrechterhaltung des Bestehenden. Entsprechend ungezügelt war der Protest der Jugend, die sich der geistigen Verengung in puber- tierender Ekstase widersetzte. Der literarische Protest gegen die Schule um 1900 war nicht nur gegen die Institutionen der Erzie- hung gerichtet, er formulierte auch die sich anbahnenden gesell- schaftlichen Veränderungen, und er war, weil die Väter das Beste- hende vertraten, zutiefst ein Ge- nerationenkonflikt mit ständig drohendem Vatermord. Robert Musil hat in der Erzäh- lung "Die Verwirrungen des Zög- lings Törless" (1903) eine Inter- natsschule, die die sogenannte gute Gesellschaft repräsentierte, zum Schauplatz eines Konfliktes gemacht, der am Ende zum Aus- scheiden des Zöglings Törless aus dem Institut führt. Das Individu- um, das sich selbst "ästhetisch intellektuell" versteht, trifft auf eine kollektive Wirklichkeit, die die gesellschaftlichen Normen gegen das Individuum durchzu- setzen versucht. Der Titelheld, mitten in der Pubertät, empfindet dunkel, wie sehr eine radikale Subjektivität der Seele scheitern muss an einer Moral, die sich als Wachtmeister der normierten Gesellschaft versteht. Ein anderes Beispiel: Frank Wedekind hat sein 1890/91 ent- standenes Theaterstück "Früh- lingserwachen" eine Kindertragö- die genannt. Auch hier geht es um pubertäre Nöte 14-jähriger Gym- nasiasten - unerwünschte Schwan- gerschaften, tödliche Abtreibun- gen und der Selbstmord eines von Lehrern wie Eltern im Stich ge- lassenen, sitzen gebliebenen Schülers, der schließlich sogar aus dem Grab steigt und seinen Freund mit in den Tod zu locken versucht. Da verkümmert das In- dividuum in seiner Subjektivität zum platten Abbild einer Gesell- schaft, die ein blutiges Gespenst ihrer eigenen Unfähigkeit wird, sich selbst zu entwickeln. Die extremste Position in die- ser literarischen Protestbewegung gegen Schule und Elternhaus hat wohl Walter Hasenclever in sei- nem 1913 entstandenen expressio- nistischen Drama "Der Sohn" ver- treten. Der Autor vermerkte selbst zum Stück: "Es ist die Darstellung des Kampfes durch die Geburt des Lebens, der Aufruhr des Geistes gegen die Wirklichkeit." Der Sohn, gerade durchs Abitur gefal- len, pendelt zwischen Selbstmord- absichten und rauschhaften Le- bensvorstellungen. An letzteren ist er auch in der Schule gescheitert. Die Gewaltbereitschaft des Soh- nes entspricht genau der Figur des Cherubim, der die "Brutalisierung unseres Ichs in der Welt" predigt. Hundert Jahre später sind der Phantasie, nach der die jugendli- chen Helden von Thomas Mann bis Frank Wedekind gierten, die Mauern eingerissen, an denen sie sich entzünden könnte. Geheim- nisse werden verschlissen, Dun- kelheiten von grellen Jupiterlam- pen einer missverstandenen Öf- fentlichkeit restlos ausgeleuchtet. Wo sich Normen auflösen in Be- liebigkeit, wo man Aufklärung als Geheimnisverrat betreibt - wird da nicht eine Jugend im gleichen Maße krank, lebensuntüchtig oder gar gewaltbereit wie in der Klo- sterschule des Thomas Mann? L. Schmidt-Mühlisch in Die Welt aus: FAZ
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