Reader Gewaltp NRW online
172 4 Thema 1/2012 Internetmobbing in der Schule Welche Möglichkeiten der Prävention und Intervention gibt es? Ein Überblick von Sarah-Alena Bade Provozieren, bedrohen, sexuell belästigen – das Problem Internetmobbing oder Cybermob- bing, wenn es die Nutzung von Mobilfunkte- lefonen einschließt, ist im deutschsprachigen Raum und besonders in Deutschland ein noch relativ unerforschtes Gebiet. Dabei tritt es immer häufiger auf. Die Spannweite ist hoch, das Mobbing oftmals nicht bewusst, die Betrof- fenheit selbst subjektiv und für Außenstehende manchmal sogar nicht verständlich oder nur schwer nachvollziehbar. Worum geht es: „Internetmobbing ist ein eine Person diffamierender Tathergang, welcher sich die Anonymität des Internets zunutze macht und aus einer Kräfteungleichheit entsteht oder diese bedingt. Diese Kräfteungleich- heit geht dabei subjektiv von Täter und Opfer aus. Die drei wichtigsten Merkmale des Internets, nämlich Offenheit, Geschwin- digkeit und Dauerhaftigkeit bedingen die Folgenschwere des Internetmobbings. Der Tatbestand des Internetmobbings ist bereits mit der ersten Durchführung erfüllt, da er potentiell mit vielfältigen Folgen besetzt ist.“ (Bade, 2010) In Deutschland wurden im Jahr 2005 erst- malig Daten zum Thema Internetgewalt in einer Studie erhoben. Die JIM-Studie (Jugend, Information, (Multi-) Media-Studie) bezieht das Problem seit 2008 in ihre Erhebungen mit ein. International fand das Thema bereits im Jahr 2002 das erste Mal Beachtung, intensiv geforscht wird vor allem im englischsprachigen Raum. Aktuell werden in Deutschland drei Schwerpunktbereiche behandelt: Sexuelle Gewalt im Internet: Erforschung von Bewältigungsstrategien der Opfer sowie Schutz und Unterstützung dieser Opfer. Erforschung der Beweggründe der Täter und Einordnung der Täter in das virtuelle und reale Umfeld der Opfer. Qualitative und quantitative Erhebungen über Kinder und Jugendliche, welche bereits Internetgewalt erlebt haben. Forschungsstand in Deutschland Im Teilbereich der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ergaben die Studien von Katzer und Fetchenhauer (2005 und 2009) eine eindeutige Verknüpfung zwischen Reallife- und virtuellem Mobbing. Katzer und Fetchenhauer haben belegt, dass Mobbing im Internet immer gehäufter auftritt und dass sich die Täter insbesondere die Anonymität des Internet zunutze machen, etwa wenn sie Kinder und Jugendli- che in Chats sexuell belästigen (sogenanntes Cyber-Grooming). Weitere Formen der Internetge- walt sind: Flaming (Beleidigen, Beschimpfen), Harassment (Belä- stigen, Schikanieren), Denigration (Gerüchteverbreitung, Anschwär- zen), Impersonation (Falsche Identitäten annehmen), Outing and Trickery (Bloßstellung, Be- trug), Exclusion (Ausgrenzung), Cyberstalking (Verfolgung, fort- währende (sexuelle) Belästigung), Cyberthreads (Androhung von Gewalt). Eine für die Schule wichtige Erkenntnis der Studie „Gewalt imWeb 2.0: Der Umgang Jugendlicher mit gewalthaltigen Inhalten und Cyber-Mobbing sowie die rechtliche Einordnung der Problematik“ von Grimm: Kinder und Jugendliche sind kompetenter im technischen Umgang mit Computern als ihre Erziehungsberechtigten. Die klassische Lehr- Lern-Methodik von Eltern zu Kindern ist so- mit nicht mehr anwendbar. Diese umgekehrte Lehr-Lern-Methodik beeinflusst genauso das Verhältnis zwischen Lehrkräften und Schüler/- innen. Sperren der Schule für Webseiten etwa umgehen die Jugendlichen. Gefördert werden muss daher dringend eine medienkritische Haltung der Kinder und Jugendlichen im Um- gang mit dem Internet. Dazu gehörten unter anderem das Wissen über soziale Netzwerke, die Veröffentlichung privater Daten und der Umgang mit Internetmobbing. In einem zweiten Schwerpunkt werden die Beweggründe der Täter erforscht und die Täter in den virtuellen und realen Lebensbereich der Opfer eingeordnet. Hier kann oft an klassisches Mobbing angeknüpft werden, auch wenn sich Internetmobbing aufgrund größerer Reichweite und besserer Vernetzung mit teilweise Unbe- kannten etwas anders darstellt. Der dritte genannte Bereich behandelt vor allem kleinere Studien. Es existieren derzeit keine endgültigen Daten, wie viele Kinder und Jugendliche tatsächlich bereits Internet- mobbing erlebt haben oder aktuell erleben. Alle Erhebungen sind entweder repräsentativ oder qualitativ und stützen sich auch auf For- schungsergebnisse aus dem internationalen Raum. Eine aktuelle Studie der Universität Ho- henheim besagt beispielsweise, dass jeder fünfte Schüler bereits Cybermobbing erlebt hat. Aus ei- ner im Jahr 2011 durchgeführten Forsa-Umfrage für die Techniker Krankenkasse geht hervor, dass jeder dritte Jugendliche betroffen sein soll. Beide Werte zeigen, dass das Thema bedeutend für die Gesellschaft und damit auch die Schule ist. Letztlich kommen die Studien alle zum gleichen Schluss: Das Problem Internet- mobbing existiert in Deutschland und darf nicht unbeachtet bleiben. Deutscher Schulsektor liegt hinten Auch im schulischen Sektor ist Deutschland imVergleich zu anderen europäischen Ländern nicht auf dem aktuellsten Stand: In Frankreich wird seit Mai 2011 darüber verhandelt, den Umgang mit Facebook und anderen Social Networks in den Schulunterricht einzubinden. So sollen sich Lehrkräfte in Frankreich im Rah- men ihrer Aus- und Fortbildung verpflichtend mit dem Internet befassen und dazu angehalten werden, Internetmobbingfälle zu melden. Es steht sogar eine Abmachung mit Facebook zur Debatte, Profile von Schülern, die das Netzwerk zum Mobben nutzen und gemeldet werden, umgehend zu löschen. Ein solchesAbkommen, sollte es tatsächlich so beschlossen werden, wäre bisher einzigartig und hätte wegweisenden Charakter. Frankreich scheint erkannt zu haben, dass es nicht ausreicht, im Falle von Internet- mobbing die Täter von der Schule zu entfernen. Denn die Belästigungen im Internet können ja trotzdem ungestört weitergehen. In Großbritannien und Irland werden bereits seit einigen Jahren Scouts ausgebildet, und das Thema wird in den Schulunterricht eingebun- den. Insgesamt herrscht im englischsprachigen Bereich ein höheres Problembewusstsein. Selbst im Vergleich zu Österreich scheint Deutschland rückständig: Österreichische Politiker setzten sich 2011 dafür ein, einen Facebook-Führerschein für Schulen verpflich- tend in den Unterricht aufzunehmen. 1. 2. 3. Sarah-Alena Bade Staatsexamen für Lehramt an Haupt- und Realschulen Universität Osnabrück a
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