Reader Gewaltp NRW online
173 3. Präventionsfelder | Schule 5 1/2012 Die deutsche Politik ist gefordert, sich nicht nur intensiver mit dem Thema auseinanderzu- setzen, sondern es zu einem Pflichtthema für den Schulunterricht und die Lehrer(aus)bildung zu machen. Allerdings existieren bisher – im Vergleich zu anderen Gebieten – nur wenige Materialien, die es Lehrern ermöglichen, sich umfassend, einfach und schnell über das Thema zu informieren. In der universitären Ausbildung wird das Thema unzureichend behandelt. So gibt es zwar Seminare zumThema Medienkompetenz. In diesen wird das Thema Internetmobbing/ Cybermobbing aber oft nur angeschnitten oder gar nicht behandelt. Vergleichbar mit der universitärenAusbildung sind auch die SchiLF- Angebote für Lehrer. Hier handelt es sich meist um Fortbildungen im Bereich Mobbing oder Medienkompetenz, in denen Internetmobbing maximal oberflächlich betrachtet wird. Empfehlenswerte Angebote Nichtsdestotrotz gibt es einige sehr loh- nenswerte Weiterbildungsangebote gegen Internetgewalt für Lehrer. So führt der Land- schaftsverband Rheinland seit 2009/10 mit Schulklassen und Lehrern auf Anfrage Projekte zum Thema Cybermobbing durch. Diese wie auch andere stützen sich vielfach auf das gleiche Materi- al, häufig die kostenlos bestell- baren Unterrichtsmaterialien von klicksafe. Bei klicksafe handelt es sich um eine EU-In- itiative, die in Deutschland von der Landesanstalt für Medien NordrheinWestfalen (LfM) und der Landeszentrale für Medien und Kommunikation (LMK) Rheinland-Pfalz gesteuert wird. Die AJS NRW hat ebenfalls eine Broschüre für Eltern und Fachkräfte zu Cybermobbing herausgegeben (sieheAbb.). Erwähnenswert ist auch ein Projekt der Westfälischen Wilhelms- Universität Münster, welches 2010 in einem Seminar von Pieschl und Porsch entstand. Die gemeinsam mit Schüler/-innen entwickelten Unterlagen können von Schulen als Präventi- onsmaßnahme für dieAltersspanne der Klassen fünf bis sieben angefordert werden. Bei Fortbildungen für Schüler/-innen und Lehrkräfte wird auch gern Filmmaterial zur Veranschaulichung hinzugezogen. Ein Film aus Großbritannien ist ‚Let‘s Fight it Toge- ther’. Da dieser Lehrfilm den Schwerpunkt allerdings bei Handymobbing setzt und Social Networks außen vor lässt, ist er nur noch als begrenzt zeitgemäß zu betrachten. Das Problem Cybermobbing (also Internet- und Handymobbing) hat sich zu Gunsten des In- ternets verschoben. Zum Zweck der medialen Verdeutlichung durch Filmmaterial eignen sich der englischsprachige ABC-Family-Film ‚Cyberbully’ sowie der deutschsprachige, vom SWR produzierte Kinder- und Jugendkrimi ‚Netzangriff’. Sie greifen das Thema Social Networks und Internetmobbing auf und be- handeln es für die Jugendlichen sorgfältig, feinfühlig und gut nachvollziehbar. Lehrpläne bremsen aus Schulen begegnen dem Problem bisher in der Regel mit dem Verbot von Mobilfunktele- fonen (festgehalten in der Schulordnung) und der Sperrung von Social Network-Webseiten an den Computern der Schule. Dieses Vorgehen löst aber nicht das Problem. Im Gegenteil: Es führt dazu, dass kein Problembewusstsein entsteht und keine Auseinandersetzung mit Internetgewalt stattfindet, wenn es zu einem Vorfall kommt. Obwohl sich die meisten Lehrer der möglichen Probleme durch Internetmob- bing durchaus bewusst sind, haben aufgrund der fehlendenAus- und Fortbildung nur wenige die Kompetenz, damit adäquat umzugehen. Einfacher ist es, das Thema zu ignorieren und sich nicht zustän- dig zu fühlen. Nur wenige, meist jüngere, Lehrer behandeln das Problem Internetmobbing der Dringlich- und Ernsthaftigkeit entsprechend. Hier besteht drin- gender Handlungsbedarf. Hinzu kommt, dass viele Schulen auf- grund von Kürzungen der Mittel durch die Politik keine Schulsozi- alarbeiter vor Ort haben, die sich des Problems annehmen und das Lehrpersonal unterstützen und entlasten könnten. Weiterhin existiert derzeit schlicht und ergreifend ein Zeitproblem. Selbst wenn Lehr- kräfte genug Wissen besitzen, um das Thema angemessen imKlassenunterricht zu behandeln und auch noch engagiert sind: Das Curriculum deutscher Schulen ist inzwischen so weit ge- strafft worden, dass keine Zeit mehr bleibt, um relevante aber fachfremde Probleme im Unter- richt zu klären. Zumeist ist es nicht möglich, das Thema in den Unterricht einzubinden. Um das Thema Cybermobbing intensiv aufzuarbei- ten, müssen sich Lehrkräfte und Schüler/-innen nachmittags engagieren, Projekttage einsetzen und Freistunden opfern. Hier wäre beispiels- weise zu reflektieren, in wieweit die Umstel- lung auf G8 einen Einfluss auf die Unterrichts- gestaltung hat(te) oder ob der Wegfall des Klassenlehrerunterrichts in einigen Bundes- ländern sich negativ ausgewirkt haben könnte. Leuchtturmbeispiele Es gibt einige wenige Schulen, die den Umgang mit Cybermobbing tatsächlich in ihr schulinternes Curriculum aufgenommen haben, so z. B. die Humboldt-Schule in Berlin in das Wahlpflichtfach Informatik der Klasse zehn. Dies könnte ein Zeichen dafür sein, dass sich das Problembewusstsein an Schulen verändert. Es wäre in jedem Fall wünschenswert. Schulen müssen heutzutage bei der Medienerziehung, zumal im Zusammenhang mit Internet, einen besonderen Dienst leisten: Viele Eltern der aktuellen Generation Internet sind nicht aus- reichend medienkompetent, um ihre Kinder zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem Internet zu erziehen – denn sie haben es selbst nicht gelernt. Umso wichtiger ist es, dass die Schulen einspringen und aktiv werden. Ein Schritt in die richtige Richtung ist der Medi- enpass NRW, der ab dem Schuljahr 2012/13 flächendeckend für alle Grundschulen in Nord- rhein-Westfalen zur Verfügung stehen soll. Da- mit soll die systematischeVermittlung von Me- dienkompetenz in der Schule gestärkt werden. Problem Cybermobbing bleibt Festzuhalten bleibt: Cybermobbing ist ein dringendes Problem an deutschen Schulen. Die (soziale) Vernetzung mit Hilfe des Internets wird immer größer und die Rolle des Internets gewinnt im Alltag und in der Schule immer mehr an Bedeutung. Das Internet ist nicht mehr wegzudenken, es wird auch nicht wieder ver- schwinden. Also müssen wir lernen, damit zu arbeiten. Bis dato wissen die wenigsten Lehrer mit dem speziellen Problem Internetmobbing umzugehen und werden dazu auch an den meisten Universitäten nicht ausgebildet. Dies Defizit gilt es zu beheben. Dazu kann weitere Forschung beitragen. Zwar existieren für Leh- rer Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten im Bereich der Mobbing-Prä- und Intervention sowie Medienerziehung. Diese reichen aber in Anzahl und teilweise auch Qualität aufgrund der spezifischen Reichweite des Internets und der immer weiter steigenden Vernetzung der Gesellschaft nicht aus. Derzeit haben zu großen Teilen weder Erziehungsberechtigte noch Lehrkräfte die Kompetenz, Kindern und Jugendlichen den verantwortungsbewussten Umgang mit Internet und Internetgewalt zu leh- ren. Das Problem bleibt also zunächst bestehen. Sarah-Alena Bade Der Artikel basiert auf der Examensarbeit im Fach Pädagogik an der Universität Osna- brück, Fachbereich Erziehungs- und Kultur- wissenschaften Informationen für Eltern und Fachkräfte DREI-W-VERLAG Cyber- Mobbing Thema
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