Reader Gewaltp NRW online

183 4. Intervention und Sanktionen 13 2/2000 Schon auf Kleinigkeiten übertrieben reagieren Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Jens Weidner fordert in Focus , daß Pädagogen jugendlichen Gewalttätern Kontra geben müssen Das Gute vorweg: Deutschland ist von der amerikanischen Jugendgewalt weit entfernt, und die Ausschreitungen in Schulen hierzulande sind weniger drama- tisch als derzeit medial vermittelt. Die schlechte Nachricht: Die Deutschen sind kaum friedliebender, aber ihnen ist der liberale Zugang zu Schußwaffen versperrt. Und das ist gut so – zumal mit der berühmten Waffe im Nachtschrank seltener der Einbrecher und häufiger ein Familienangehöriger im Affekt er- schossen wird. Die Kriminologie ist hier eindeutig: Waffen, die vorhanden sind, werden in Extremsituationen auch benutzt. Und Schüler und Schülerinnen empfinden im Gefühlsrausch der Puber- tät fast alles „ziemlich extrem“. Haben die nun auch noch einen Zugang zu Vaters Waffenschrank, ahnt man nichts Gutes. Die spektakulären Fälle von Littleton bis Brannenburg belegen dies. Entsprechend ist die Bundesratsinitiative zum „kleinen Waffenschein“ auch schon für Schreckschußwaffen, Gas- und Si- gnalpistolen zu begrüßen. Die extremen Fälle von geplanten und realisierten Amokläufen an Schulen haben auf den ersten Blick etwas krimi- nalistisch Irritierendes: Die Täter wollen nicht entkommen. Sie wollen erwischt werden. Es geht hier weniger um Rache gegen Mitschüler und Lehrer. Die Ta- ten dienen vielmehr als Sprungbrett zur globalen Persönlichkeit: weltweit bekannt werden durch eine einzige Tat, geradezu mühelos. Das US-Littleton- Massaker war hier die Initialzündung. Seitdem reißt die Serie spektakulärer Taten auch in Deutschland nicht ab. Schüler, die in ihrem melodramatisch- pubertierenden Hass schwelgen, wissen nun, daß Nachahmungstaten berühmt machen. Pädagogik und Psychologie sprechen vom Werther-Effekt, seit Goe- thes Liebesdrama eine Welle von Suizid- versuchen nach sich zog. Dieser Effekt ist nicht naturgegeben. Wir können gegensteuern: Pädagogisch sinnvoll wäre es, wenn diese Taten nur justiziell-kriminologisch, aber kaum medial bearbeitet werden würden: Der sekundenschnelle Gewalt-Paukenschlag zum www.kriminalitäts.star verkümmert zur Bedeutungslosigkeit, wenn er nur noch zur Randnotiz in der Provinzpostille taugt. Potentielle Opfer werden geschützt, denn Nachahmungstaten können so kaum entstehen. Harmloser sieht es im normalen Schul­ alltag aus. Hier werden überalterte Kollegien mit MTV-Schnelldenkern der Techno-Generation konfrontiert. Begleitet werden diese von einer prozentual kleinen Gruppe von „Freunden der Aggression“, die sich durch Mobbing, Gewaltandro- hungen oder Abziehereien hervortun. De- nen muß unser Augenmerk gelten, denn solch eine Atmosphäre könnte Gewalt begünstigen. In Schleswig-Holstein sagte mir so ein hellwacher, vor Selbstbewußt- sein strotzender 14jähriger Bedroher: „Ich weiß nicht, was Sie wollen. Ich stehe hier am Schultor und sage den Jungs immer: ,Laßt das mit den Geschenken, ich will die nicht, ehrlich‘. Und die hören nicht auf mich. Jetzt habe ich schon drei Swatchuh- ren, Turnschuhe und Kleingeld, auch mal ‚ne Jacke. Ich glaube, die halten mich für so einen Altkleiderfuzzi.“ Ein cooler Typ mit einer Werbebotschaft: Ich will so bleiben, wie ich bin! Gewähren lassen bedeutet hier, sich pseudotolerant zu verhalten, Opfer billigend in Kauf zu nehmen. Für Pädagogen ein unverzeihlicher Fauxpas! Statt dessen ist Grenzziehung an- gezeigt, wo ohne solche Grenzen und Normen Schüler verletzt, geplagt oder ge- demütigt werden. Das neue Motto schul- pädagogischen Handelns muß lauten: auf Kleinigkeiten pädagogisch übertrieben reagieren, damit Großes erst gar nicht passiert! In Deutschland wird aber häu- fig umgekehrt gearbeitet: Kleinigkeiten werden als jugendtypisch ignoriert, so daß Schüler schon schwerere Geschütze auffahren müssen, um endlich Reaktionen zu erfahren. Gerade Mehrfachauffällige su- chen diese Auseinandersetzung. Hier heißt es dagegenzuhalten, die Opferperspektive zu verdeutlichen, Wiedergutmachung einzufordern, um Normen und Werte zu streiten. Die Wissenschaft spricht von konfrontativer Pädagogik . Ein langwie- riger Prozeß. Und einer mit Erfolgsaus- sichten. Dazu der 15jährige Andre: „Die Lehrer stellen mich zur Rede, die texten mich zu, die kleben wie ein Kaugummi an meiner Schuhsohle. Da muß man einfach ins Grübeln kommen.“ Na also, wenn das kein Anfang ist!

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