Reader Gewaltp NRW online

186 12 „Ich lerne, daß ich eine Wahl habe“ Ein Besuch in der holländischen Glen Mills School (GMS) in Wezep/Niederlande Einmal jährlich treffen sich die Refe- rentinnen und Referenten für Gewaltprä- vention der Landesstellen Kinder- und Jugendschutz zum fachlichen Austausch. Dieses Jahr gab es einen besonderen Programmpunkt: Die 10-köpfige Gruppe besuchte die niederländische Glen Mills School in Wezep und konnte sich in Ge- sprächen mit dem pädagogischen Leiter John de Jong und einigen Jugendlichen sowie bei einem Rundgang durch das Gelände (Schlaf-, Schul- und Aufenthalts- räume, Sporthalle, Mensa, Casino und Innenhof) über das Konzept der Schule, den Alltag in der Einrichtung und die bis- herigen Erfahrungen informieren. In den letzten Jahren hat vor allem der US-amerikanische Vorläufer, die Glen Mills Schools im Staate Pennsylvania, (nicht nur) in der Fachöffentlichkeit für einiges Aufsehen und heftige Kontro- versen gesorgt. Glen Mills Schools ist ein Internat der besonderen Art, nämlich eine „Besserungsanstalt“ für delinquente männliche Cliquen-Jugendliche, die auch ihre Straftaten vornehmlich in Gruppen begangen haben. Weil die peergroup für Identitätsentwicklung und Verhalten- sorientierung von Jugendlichen eine so große Rolle spielt, wird in diesem Pro- gramm der Einfluß der Gleichaltrigen in den Mittelpunkt der erzieherischen Arbeit gestellt. In erster Linie die Jungen selber sollen dafür sorgen, daß die in der Schule aufgestellten Normen und Regeln laufend kontrolliert und eingehalten werden. Dafür gibt es positive und negative Sanktionen, ein Bonus- und Malussystem. Aufsehen erregt hat das Programm des- halb, weil die berichteten Erfolge – sprich Rückfallquoten - weitaus höher zu sein scheinen als bei anderen Maßnahmen. Äußerst kontrovers diskutiert werden al- lerdings einige Methoden der (geschlosse- nen) Einrichtung, die von den Kritikern als Drill und kritiklose Anpassung an (teilweise unsinnige) Normen und Regeln bezeichnet und daher abgelehnt werden. Nun scheint sich der niederländische Ableger von seinem „Vorbild“ emanzipiert zu haben. Nach Auskünften von Herrn de Jong ist das ursprüngliche Konzept kontinuierlich fortentwickelt und an die niederländische bzw. westeuropäische Kultur und Gesellschaft angepaßt worden. So sei die Glen Mills School in Wezep weit GMS-Initiativen in Deutschland ● Seit 1995 wurden durch den Verein „German Mills“ rund 40 straffällig gewordene Jugendliche für üblicherweise ein Jahr nach Glen Mills entsandt. Als häufigster Einzelgrund wurde die Vermeidung der Untersuchungshaft angeführt. Von Kritikern werden neben juristischen Bedenken vor allem eine unzureichende Nachbetreuungsphase und die Schwierigkeit, das Gelernte in die deutsche Heimat zu übertragen, problematisiert. ● Nachdem eine private Investorgruppe eine Einrichtung nach dem Modell der Glen Mills School in Thüringen errichten wollte, führte das Landesjugendamt Thüringen im Dez. 1999 in Erfurt ein Expertengespräch durch. ● Aufgrund vieler dort offen gebliebener Fragen beschloß das Bundesjugndministerium, ein Gut- achten in Auftrag zu geben. Es wurde eine Expertengruppe und ein begleitender Beirat gebildet und die Geschäftsführung dem Deutschen Jugendinstitut in München übertragen. Die Ex-pert/innen wollten sich vor Ort in den USA und beim niederländischen Ableger informieren; mit Verweis auf „schlechte Erfahrungen“ mit der Berichterstattung in den deutschen Medien wurde der Gruppe ein Besuch in beiden Einrichtungen verweigert. ● Anstelle der Besuche veranstaltete der Beirat im November 2001 ein Hearing in Hannover u.a. mit Vertreterinnen und Vertretern von German Glen Mills. Auch hier blieben viele Fragen offen. ● Die Beiträge aus den Anhörungen sowie Literaturrecherchen wurden in einer kostenlosen Broschüre des Deutschen Jugendinstituts veröffentlicht: „Die Glen Mills Schools, Pennsylvania; USA. Ein Modell zwischen Schule, Kinder- und Jugendhilfe und Justiz?“ Eine Expertise, München, Dezember 2001. 3/2002 Dokumentation weniger repressiv als in den USA, und Mit- bestimmung durch die Jugendlichen stehe nicht nur auf dem Papier („reine Folklore“), sondern werde sehr ernstgenommen. Aus diesen Gründen befaßt sich dieser Bericht vor allem mit der Schule in den Niederlanden und gibt neben allgemei- nen Informationen einige (subjektive und begrenzte) Eindrücke wieder. Seit Februar 1999 arbeitet Glen Mills School mit delinquenten Jungen, die min- destens 15 Jahre alt und normal begabt sind. Zur Zeit leben dort 57 männliche Jugendliche, „Studenten“ genannt. Ange- strebt ist, die Zahl in den nächsten zwei Jahren auf 180 zu steigern. Um diese Ju- gendlichen kümmern sich 70 Mitarbeiter/ innen. Sobald die Höchstkapazität erreicht ist, soll der Mitarbeiterstab auf 90 bis 100 Personen erweitert werden. Im Gegensatz zu den USA wird auf weibliches Personal großer Wert gelegt; ihre Quote liegt bei 40 Prozent. Bei der Einstellung zählt die Persönlichkeit, nicht eine bestimmte Quali- fikation. Allerdings werden die Mitarbeiter/ innen während der ersten drei Monate intensiv geschult. Finanziert wird GMS aus Projektgeldern des Ministeriums für Wohlfahrt, zum ge- ringeren Teil auch aus dem Budget des Justizministeriums. Die wissenschaftliche Auswertung erfolgt durch die Universität Leiden, die einen jährlichen Bericht er- stellt. Die ersten Erfahrungen stimmen hoffnungsvoll: Von den ca 30 – 40 regulär entlassenen Studenten sind bislang 78 Prozent nicht wieder straffällig geworden. Bei den Abbrechern bzw Früh-Abgängern entwickelte sich immerhin noch ein Drittel positiv. Man ist sich aber der Tatsache bewußt, daß es für eine endgültige Be- wertung noch zu früh ist. Der Zugang zur Schule erfolgt über die Justiz, Bewährungshilfe oder Jugend- hilfe. Entscheidend ist ein Aufnahme- gespräch, in dem festgestellt wird, ob die Anforderungen der Schule mit dem Persönlichkeitsprofil des Jugendlichen zusammenpassen. Nach eigenem Selbstverständnis han- delt es sich bei GMS in erster Linie um eine Internatsschule, in der den Jugendli- chen eine Schul- (gegebenenfalls bis zum Abitur) bzw. eine Berufsausbildung ange- boten wird. Eine Verlängerung des in der Regel eineinhalbjährigen Aufenthalts ist möglich, um eine begonnene Ausbildung abzuschließen. Neben der Schul- und Berufsausbildung spielt der Sport eine her- ausragende Rolle, angeboten werden aber auch Computerkurse oder die Möglichkeit, in einem Studio Musik zu machen. Die viel- fältigen Freizeitangebote werden ergänzt um tägliche Gesprächsgruppen, in denen unter Leitung von verantwortlichen Stu- denten und Teammitarbeiter/innen über Probleme und Gefühle gesprochen wird.

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