Reader Gewaltp NRW online
187 13 Eine besagt, daß körperliche Kontakte außer beim Football spielen verboten sind; damit sollen Gewalt und Unterdrückung verhindert werden. Glen Mills School arbeitet mit einem empfangen, der das Gespräch mit uns im Beisein von vier Jugendlichen führte und diese auch immer wieder in den Dialog einbezog, Wir bekamen viele Informatio- nen über die Entstehung, Konzeption und Organisation der Schule und unsere Fra- gen wurden nach meinem Eindruck offen beantwortet. Dieser Eindruck verstärkte sich durch eine Reihe selbstkritischer Äu- ßerungen. De Jong räumte ein, daß man vor allem im ersten Jahr viele Fehler gemacht habe und das Team die Arbeit laufend reflektiere und selbstkritisch überprüfe. Die Schule habe sich im Laufe der Jahre im Prozess des Ausprobierens und Verwerfens entwickelt. Insbesondere die Vorbereitung auf die Zeit „draußen“ – sowohl in Form von Heimatbesuchen aber insbesondere im Hinblick auf die Entlassung – nehme heute einen breiten Raum ein und hierfür wurde auch zusätzliches Personal ein- gestellt. Besonders kritisch sei die Zeit nach der Entlassung. Deshalb wurde die begleitende Nachsorge intensiviert; sie beträgt mindestens drei bis fünf Monate. Zu einigen Jugendlichen bestehe nach drei Jahren noch immer Kontakt. Im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Arbeit sei der Kontakt zu Fachbesuchern sehr wichtig. Neben der Freundlichkeit und Offenheit des pädagogischen Leiters beeindruckten uns die vier jungen Männer, die uns durch das Gelände und die Räumlichkeiten führ- ten und auf alle unsere Fragen geduldig Antworten gaben. Sie wirkten auf eine angenehme Art selbstsicher und souverän und auch zuversichtlich, was ihre Zukunft anbetraf. Wohl wissend, daß man niemals in so kurzer Zeit in die Köpfe und Herzen von Menschen schauen kann, entstand zumindest der Eindruck, daß wir keine „Duckmäuser“ vor uns hatten. Ähnliches läßt sich auch über andere Jugendliche sagen, die wir auf dem Rundgang antrafen. Als angenehm empfanden wir die freundliche und von gegenseitigem Re- spekt geprägte Atmosphäre, die zwischen John de Jong und den Jugendlichen zu beobachten war. In einem dreistündigen Besuch läßt sich kein fundiertes Resümee eines solchen Projektes ziehen. Mit Sicherheit ist diese Form von geschlossener Einrichtung nur für einen eingeschränkten Personenkreis geeignet. Im Vergleich zu einem herkömm- lichen Jugendgefängnis ist Glen Mills School sehr wahrscheinlich die bessere Alternative. Ob sie auch für andere delin- quente Jugendliche – möglicherweise in modifizierter Form – geeignet ist, müßte eingehend geprüft werden. Carmen Trenz (AJS) Vor der Glen Mills School in Wezep in den Niederlanden von links nach rechts: Dr. Ahmet Toprak (Bay), Christa Limmer (SHo), Franz Hilt (BaWü), Lothar Wegner (BaWü), John de Jong (NL), Marianne Hasebrink (NRW), Ingo Weidenkaff (Thür), Carmen Trenz (NRW), Thomas Grüner (BaWü), Andrea Buskotte (NiSa) 3/2002 Dem pädagogischen Konzept liegt die Überzeugung zugrunde, daß die Jungen weder krank noch schlecht sind, sondern prinzipiell gute Menschen, die Schlechtes getan haben. Sie waren nicht in der Lage, ihre Bedürfnisse auf sozial erwünschte Weise zu befriedigen. Dabei wird der Um- gebung eine prägende Rolle zugeschrie- ben: Eine positive Umgebung, Kultur und die Konfrontation mit negativem Verhalten verändert den Menschen und fördert po- sitives Verhalten. Die Jugendlichen sollen an sich selbst erfahren, daß sie die Wahl haben, wie sie sich verhalten. Bislang ha- ben sie auf bestimmte Reize– Situationen, Emotionen – wie auf Knopfdruck immer in der gleichen Weise reagiert – so wie der berühmte Pawlow‘sche Hund. Jetzt lernen sie, daß sie für ihr Verhalten selbst verant- wortlich sind und sich entscheiden können. Die Jugendlichen werden respektvoll behandelt. Daß sie als „Studenten“ und eben nicht als „Insassen“ o.ä. bezeichnet werden, hat auch wohl auch den Sinn, ihre Talente und Entwicklungsfähigkeiten in den Vordergrund zu stellen. Der Umgang der Erwachsenen mit den Jugendlichen ist von der Devise „Hart und Herzlich“ geprägt. Das Zusammenleben in der Schule ist von einigen wenigen Grundregeln bzw. Normen bestimmt. Diese sind „gegen- seitiger Respekt“, „Fairneß“, „sportlicher Geist“, „Stolz auf die Schule“ und „Nie- derlagen akzeptieren“. Für die Einhaltung und Durchsetzung der Normen ist in erster Linie die Gruppe der Studenten verantwortlich, die diese am ehesten glaubwürdig vermitteln kann. Anfangs passen sich viele Jugendlichen nur ober- flächlich an („Scheinanpassung“), aber im Laufe des Aufenthalts begreifen die meisten, daß die Normen auch für sie Sinn machen und ihnen im Leben nützlich sind. Konkrete Regeln gibt es (im Gegensatz zur amerikanischen Variante) wenige. verhaltenstherapeutisch orientierten Förder- system. Der Student kann innerhalb von 10 Wochen vom „non-bull“-Status zum Kandi- daten für den „bull“-Status aufsteigen. Dazu muß er eine „positive Punktung“ erreichen. Positiv punktet ein Student, wenn er sich in Bezug auf Schule, Freizeit und Sauber- machen bewährt und wenn er sich „sozial verhält“. Darunter wird verstanden, daß er akzeptiert, wenn er mit eigenem Fehlver- halten konfrontiert wird und wenn er selbst andere auf Normen und Normverletzungen hinweist. Er soll also Verantwortung für sich selbst und für seine Mitstudenten überneh- men. Neutral punktet er, wenn er sich nur um sich selbst kümmert und negativ, wenn er weder das eine noch das andere tut. Indem alle die Grundregeln überwa- chen, soll auch verhindert werden, daß das Zusammenleben durch Unterdrückung oder Gewalt beeinträchtigt wird, wie das in geschlossenen Einrichtungen/totalen Institutionen oft der Fall ist. Der „bull“-Status ist sehr begehrt, bringt er doch etliche Privilegien mit sich, beispielsweise zusätzliche Heimfahrten. Neben den konkreten Vorteilen gibt es weitere immaterielle Anreize durch das Fördersystem.: Bestätigung, das Wissen wie man etwas erreicht, Stolz darauf, Teil einer erfolgreichen Gruppe zu sein. Weitere Informationen über die GMS in Wezep finden sich im AJS FORUM 4/2000 und in der AJS-Dokumentation 31 über ein deutsch-niederländisches Seminar zur Prä- vention und Intervention bei Gewalt, 2001. Persönliche Eindrücke des Besuchs: Wir wurden sehr freundlich von Herrn John de Jong, dem pädagogischen Leiter, 4. Intervention und Sanktionen
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