Reader Gewaltp NRW online
190 Thema 1/2004 4 Qualitätsmerkmale von Gewaltprävention Erkenntnisse aus der Evaluationsforschung Die Gewaltdiskussion der letzten Jahre hat das Bewußtsein der Fachöffentlichkeit, aber auch das großer Teile der Bevölkerung und insbesondere junger Menschen für Gewalt- phänomene geschärft. DieAufmerksamkeit galt nicht nur den Ursachen undAuswirkungen von körperlicher Gewalt, sondern es nahm auch die Sensibilität für psychische Gewaltformen zu. Mehr als noch vor 10 oder 20 Jahren denken Menschen darüber nach, wie wir miteinander umgehen, miteinander kommunizieren sollten, damit es uns gut geht und wir Konflikte kons- truktiv lösen. Und es gibt eine zunehmende Auseinandersetzung um die richtigen, indivi- duell passenden Konzepte und Maßnahmen für Kinder und Jugendliche, die Probleme haben und diese gewalttätig ausleben. Das sind gewiß Vorteile der Debatte, aber es gibt auch eine Reihe von problematischen Begleiterscheinungen. 1. Das Gewaltphänomen wird überschätzt. Wissenschaftliche Studien vor allem im Be- reich der Schule haben immer wieder festge- stellt, dass der Anstieg der Gewalt wesentlich geringer ist als oft unterstellt wird. Dadurch werden Ängste geschürt. Diese können zur Aufschaukelung und Aufrüstung beitragen. Außerdem führt Dramatisierung zu überzoge- nen Überwachungs- und Kontrollfantasien mit entsprechenden Strafverschärfungsvorschlä- gen, um Handlungsfähigkeit zu demonstrieren, die aber nicht der Sache dienen. Man muß sehr aufpassen, dass rein ordnungs- und sicherheits- politische Interessen nicht den Blick für sozial- pädagogische Notwendigkeiten verstellen. 2. Zweitens hat die Gewaltdebatte zu einem unreflektierten Aktivismus in Form einer Flut an echten und vermeintlichen Präventionspro- jekten und Programmen geführt. Da findet man einerseits altbekannte Kon- zepte und Projekte, die früher zum Beispiel einfach als „sinnvolle Freizeitbeschäftigung“ durchaus ihre Berechtigung hatten, nun aber das Etikett „gewaltpräventiv“ bekommen. Das mag verständlich sein, da man heute für Gewaltprävention am leichtesten Geld locker machen kann. Gelegentlich nimmt das absurde Formen an, wenn zum Beispiel ein Fußball- verein seine Weihnachtsfeier aus Mitteln eines Landespräventionstopfes finanziert bekommt, so Christian Lüders vom Deutschen Jugend- institut in München. Aber auch bei eigens entwickelten Prä- ventionsprogrammen oder bei Ansätzen, die aus dem Ausland übernommen werden, ist es angebracht, sie zunächst kritisch zu hinterfragen. Die meisten Projekte sind gut gemeint, und nicht selten wird eine Menge Arbeitszeit, Energie, Engagement und auch Geld investiert. Oft aber fehlt eine gründ- liche Projektplanung, die mit einer Prob- lemanalyse beginnen und darauf aufbauend allgemeine und konkrete Ziele, Zielgruppen, die passende Methodenauswahl usw. fest- legen und begründen muß. Im Gegensatz zu vielen europäischen und anderen westlichen Ländern werden Projekte und Programme in Deutschland noch immer in den wenigsten Fällen gründlich ausgewertet – in Form einer Selbst- oder Fremdevaluation. Ich werde später über einige Erkenntnisse berichten, die Susanne Karstedt in einer Fach- zeitschrift der Gewerkschaft der Polizei unter dem Titel „Zwischen Spaß und Schock. Vom vernünftigen Umgang mit jugendlichen Straf- tätern“ (dp spezial 11/2000) zusammengetra- gen hat. Die meisten Erkenntnisse stammen aus Evaluationsstudien aus den USA und dem europäischen Ausland. Die Ergebnisse sind auch für uns aufschlußreich, besonders im Hinblick auf Konzepte und Programme, die wir ganz oder teilweise übernommen haben – z. B. Mitternachtsbasketball oder Streitschlichter- programme. Zuvor möchte ich noch einige allgemeine Anmerkungen machen bzw. Fragen stellen zum Thema „Prävention“ und „Gewaltprävention“. Ist Prävention stigmatisierend? Prävention ist, wie bereits gesagt, aktuell und scheint viele Türen und Töpfe zu öffnen. Unumstritten ist sie unter Pädagogen/innen allerdings nicht. So liest man in letzter Zeit zunehmend Artikel von Fachleuten, die kri- tisieren, dass Prävention sich zwangsläufig an Defiziten orientiert und befürchten, dass Kinder, Jugendliche und Familien dadurch stig- matisiert werden. Die Jugendhilfe hat sich ja in den letzten Jahren immer mehr darum bemüht, an den Ressourcen der Beteiligten anzusetzen (Stichwort: Empowerment) und nicht an den Mängeln. Diese Skepsis gegenüber Prävention gilt verstärkt im Hinblick auf Kriminal- und Gewaltprävention. aus: Weisser Ring
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