Reader Gewaltp NRW online

191 1/2004 5 Mein Standpunkt dazu ist pragmatisch: Es gibt Gefährdungen, Risiken, Problemkon- stellationen, es gibt individuelle Störungen und Problemgruppen, Vernachlässigung und Gewalt – und darauf müssen wir Antworten und Lösungen finden. Für mich ist das kein entweder – oder. Auch wenn wir die Un- zulänglichkeiten der Betroffenen sehen und gemeinsam mit ihnen daran arbeiten, können wir zugleich ihre Stärken beachten und schät- zen. Das gebietet letztlich auch die Würde des Menschen und der Respekt - und diese Haltung muß immer unsere grundlegende Handlungs- maxime sein. Ist Prävention Aufgabe der Jugendhilfe? Der Begriff „Prävention“ ist im KJHG nicht ausdrücklich erwähnt. Am ehesten noch kann man das Anliegen von Prävention aus § 14 (Kinder- und Jugendschutz) und den Leit- normen des KJHG in § 1 herauslesen, die als Ziel haben, ● junge Menschen in ihrer Persönlichkeits- und sozialen Entwicklung zu fördern, ● sie vor Gefahren für ihr Wohl zu schützen, ● Benachteiligungen abzubauen, ● Eltern und sonstige Erziehungspersonen zu unterstützen und ● Positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien zu erhalten oder zu schaffen. Kann man Prävention überhaupt nachweisen? Wenn Prävention gelänge, hätte sie den gewaltigen Vorteil, dass wir uns nicht mit den Problemen herumschlagen müßten, derenAuf- treten wir ja mit Prävention verhindert haben. Die Krux ist nur, dass kein Mensch in die Zukunft sehen kann und daher weiß, welches Problem aufgrund unseres Handelns nicht auf- treten wird. Zum Beispiel wissen wir nicht, ob ein bestimmtes Kind ohne unsere Maßnahme kriminell oder gewalttätig geworden wäre. Vor allem bei der sogenannten primären Prävention ist es außerordentlich schwer, den Nachweis für ihre Wirksamkeit zu führen. Zielgruppen der primären Prävention sind alle Kinder und Jugendlichen, ihre Eltern, Erzieher/ innen und Lehrer/innen, Sozialpädagogen/ innen, ohne dass besondere problematische Auffälligkeiten vorliegen, ansonsten würde es sich bereits um Sekundärprävention handeln. Bei der Sekundärprävention haben wir zu- mindest eine gewisse Chance zu sehen, ob sich ein Problemverhalten durch unseren Einfluß verändert. Was zählt eigentlich zur Prävention? Ein weiteres Problem der Primärprävention liegt darin, dass man nahezu alle förderlichen Maßnahmen dazu zählen könnte, wenn man davon ausgeht, dass positive Lebens- und Entwicklungsbedingungen abweichendes, kriminelles und gewalttätiges Verhalten ver- hindern oder zumindest weniger wahrschein- lich machen. Dann aber wird der Begriff der (Gewalt)Prävention beliebig und inhaltsleer. Das heißt, wir müssen versuchen, Prävention einzugrenzen. Ziele und Maßnahmen be- nennen, die unserer begründeten Meinung nach mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Gewaltursachen beeinflussen und damit zu weniger Gewaltakzeptanz und Gewalthandeln führen. Gibt es Hinweise auf Wirksamkeit? Bei dieser Frage können uns die schon er- wähnten Evaluationsstudien weiterhelfen und deshalb möchte ich jetzt die wichtigsten Er- gebnisse zusammenfassen. Sie sind aufgeteilt nach den Lebensbereichen Schule, Sport und Freizeitprogramme, Soziale Trainingsprogram- me, Gemeinwesenprojekte, Streetwork und Peergruppenprogramme. Überprüft wurden sowohl primärpräventive Programme, die sich an Jugendliche generell richten wie auch Programme, deren Zielgruppe gefährdete Jugendliche sind. Schulprogramme Es ist wichtig, von realistischen Erwartun- gen auszugehen, und daher sollte man sich darüber klar sein, dass Schule immer nur einen Teil der Gewaltbedingungen beeinflussen kann und Schulprogramme daher auch nur einen bestimmten Anteil von Gewalt reduzie- ren können. Diese Chance allerdings sollten Schulen nutzen. Sowohl die Auswertung von Susanne Karstedt wie auch deutsche Evaluationsstu- dien zur Gewaltprävention an Schulen sagen übereinstimmend, dass Einzelmaßnahmen an Schulen, etwa Projekttage und Projektwochen, Vorträge, die Teilnahme an einemWettbewerb u. ä. keine Präventionswirkung haben. Unter- richt – vor allem Frontalunterricht - sowie Diskussionsrunden haben zumindest keine Effekte in Bezug auf die Reduzierung von Jugendkriminalität und Gewalt. Rechtskun- deunterricht beispielsweise verbessert zwar die Rechtskenntnisse, führt aber nicht zu we- niger Gewalt und Kriminalität. Mehr Wirkung haben dagegen Trainingsprogramme, in denen umfassende Verhaltenstechniken und soziale Kompetenzen vermittelt werden. Es müssen also interaktive Techniken eingesetzt werden. Besonders gut haben dabei Programme abge- schnitten, in denen im Training immer wieder auf Kontrolle des Gelernten, Rückmeldung und Verstärkung Wert gelegt wurde. Erfolgreich sind solche stark strukturierten Programme auch bei Risiko- und Problem- gruppen, wie zum Beispiel bei besonders aggressiven Jungen. Allerdings kommt es entscheidend darauf an, dass die Programme langfristig angelegt sind, dass die Trainingseinheiten häufig stattfinden und dass es intensive Kontakte zwischen den Jugendlichen und den Trainer/innen gibt. Auch an sich erfolgreiche Programme bringen dann nichts, wenn Teile ausgelassen, sie also nicht vollständig durchgeführt werden. Einmalige Programme haben keine dauer- haften und langfristigen Wirkungen, selbst wenn sie zunächst erfolgreich scheinen, weil sie kurzfristig die Gewalt vermindern. Es reicht also nicht, ein soziales Trainingsprogramm nur in der Grundschule oder in den Eingangsstufen von weiterführenden Schulen einzurichten, sondern man muß die Kinder und Jugendlichen kontinuierlich weiter trainieren. Generell hat sich gezeigt, dass ein umfas- sendes Schulkonzept zum Umgang mit Gewalt und zur Gewaltprävention am ehesten sein Ziel erreicht. Dabei kommt es darauf an, dass das Lehrerkollegium, die Elternschaft und die Schüler/innen kooperieren und an einem Strang ziehen. Es geht letztlich darum, ein positives Schulklima mit einem akzeptierten Regelwerk zu schaffen. Susanne Karstedt ist auch auf die Streit- schlichter-Programme eingegangen, die in- zwischen an vielen Schulen erprobt werden oder bereits fest eingeführt wurden. Insgesamt stellt Karstedt den sogenannten Peergruppen- Projekten ein schlechtes Zeugnis aus. Bei diesen Ansätzen geht man von der Hoffnung aus, dass Gleichaltrige oder ältere Jugendliche für ihre Altersgenossen glaubwürdiger als Er- wachsene sind, wenn sie gegen Drogen oder Gewalt argumentieren. Es zeigte sich aber, dass alle Programme, in denen Mitschüler/ innen eine aktive und zentrale Rolle einnahmen, nicht erfolgreich waren. Teilweise waren sie sogar gewaltsteigernd. Vermutet wird, dass Jugendliche sich in ihrem problematischen Ver- halten untereinander eher be- und verstärken. Wirkungsvoller waren Programme dann, wenn Erwachsene kontinuierlich und konsequent mit einbezogen wurden. Streitschlichterprogramme schnitten zwar auch nicht gut ab, hatten aber zumindest kei- ne nachteiligen Effekte. Allerdings – und das zeigen auch etliche deutsche Studien – haben Streitschlichter-Programme dann durchaus ihren Wert, wenn sie in ein umfassendes Schulprogramm der Konfliktregulierung und 5. Qualitätskriterien

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