Reader Gewaltp NRW online

192 1/2004 6 zur Stärkung des sozialen Umgangs einge- bunden sind und von geschulten Pädagogen/ innen kontinuierlich begleitet werden. Optimal sind Streitschlichter-Programme immer dann, wenn die Ausbildung einzelner Schüler/innen zu Streitschlichtern durch ein soziales Kom- petenztraining für alle Schüler/innen ergänzt wird. Sport und Freizeitprogramme Sport- und Freizeitprogramme haben viele positive Wirkungen, aber – so das Fazit der Wirkungsstudien – sie verhindern in der Regel nicht Kriminalität und Gewalt. Diese Art von Maßnahmen ist vor allem in den USA weit verbreitet und sie sind relativ gut evaluiert. Die Programme sind ein Beispiel dafür, wie eine zwar populäre, nicht aber fundierte Theorie populäre Programme begründet. Die Theorie besagt, dass Freizeit- und Sportan- gebote Jugendliche erst gar nicht auf dumme Gedanken kommen lassen. Das aber stimmt so nicht, teilweise kam es sogar zumAnstieg von Kriminalität und Gewalt. Für das schlechte Abschneiden werden folgende Gründe diskutiert und entsprechende Verbesserungen vorgeschlagen: ● Die Zusammenfassung von Jugendlichen mit hohem Delinquenz- und Gewaltrisiko führt zu einer Verstärkung des Risiko- verhaltens, vor allem des aggressiven Verhaltens. ● Sport alleine reicht nicht. Zumindest muß in die Angebote ein zusätzliches Training für soziales Verhalten eingebaut werden. Überhaupt ist das A und O solcher Pro- gramme die Beteiligung und Aufsicht von Erwachsenen. Diese Erwachsenen müssen allerdings gut ausgebildet und auf den Umgang mit schwierigen Jugendlichen vorbereitet sein. Hier liegt wohl oft die Krux solcher Konzepte und Programme. Ehrenamtliche Übungsleiter mit einer 120-Stunden-Ausbildung sind mit diesen Anforderungen schlicht überfordert. Diese Erkenntnis wurde kürzlich bei einer Ta- gung der ajs Baden-Württemberg über die Möglichkeiten des Sports in der Gewaltprä- vention bestätigt, an der auch der bekannte Sportpädagoge Gunter Pilz aus Hannover teilgenommen hat. ● Special Events wie „Basketball um Mitter- nacht“ sind nicht erfolgreich, außer in Ver- bindung mit einer kontinuierlichen Betreu- ung und Begleitung und mit einem klaren sozialpädagogischen Ansatz. ● Ein weiteres Problem besteht darin, dass die anvisierten Zielgruppen – Jugendliche aus Risikogruppen, gewaltgeneigte Jugend- liche – oft gar nicht erreicht werden. Relativ schlecht abgeschnitten haben auch Programme, in denen Schulen sich geöffnet haben für Freizeitangebote und Sportaktivi- täten außerhalb der Schulzeit. Teilweise haben dort das Risikoverhalten, impulsives und ag- gressives Verhalten und Drogenkonsum sogar zugenommen. Skeptisch gesehen werden Programme, in denen delinquente Gruppen, Gangs oder Banden als ganzes betreut werden. Bei solchen Projekten nahm die Kriminalität sogar eher zu. Besser schnitten Maßnahmen ab, bei denen sich Streetworker intensiv um einzelne Jugendliche kümmerten. Besonders günstig erwiesen sich Angebote wie Krisenintervention und Konflikt- schlichtung. Bei der Eindämmung von Gewalt spielt der Umgang der Erwachsenen mit Konflikten und Aggressionen der Jugendlichen immer eine wichtige Rolle. So führte zum Beispiel die Schulung von Türstehern und Bedienungs- personal in australischen Discotheken zu einer deutlichen Senkung von Gewalt. Die Fähigkeit zur konstruktiven Konfliktbearbeitung und De- eskalation sollte daher zu den Grundqualifika- tionen von Pädagogen/innen gehören. Hier noch einmal die wichtigsten Merkmale erfolgreicher Programme zusammengefaßt: ● Programme müssen in die jeweilige Ein- richtung integriert und in ein umfassendes Gesamtkonzept eingebunden sein. Schmal- spur-Programme sind nicht sinnvoll. ● Erfolgreich sind strukturierte, langfristig angelegte Programme, die Verhaltens- kompetenzen trainieren. Nicht erfolgreich sind Informations- und kognitiv angelegte Programme. ● Programme müssen von entsprechend ge- schulten Erwachsenen kontinuierlich be- gleitet werden. Reine Peergruppen-Ansätze sind nicht erfolgreich. ● Programme, die junge Menschen in denAr- beitsmarkt integrieren, sind besser als Programme mit dem Schwerpunkt auf Ausbildung. ● Programme, die von Wissenschaftlern be- gleitet und ausgewertet wurden, sind erfolg- reicher, weil die Programme zielgerichteter umgesetzt werden. Soweit die wichtigsten Erkenntnisse aus den Wirkungsstudien. Abschließend möchte ich noch einige zu- sätzliche Gesichtspunkte ansprechen: 1. Mit den Grundlagen der Gewaltprävention sollte schon früh begonnen werden. Bereits im Kindergarten ist es möglich, Kindern den konstruktiven Umgang mit Konflikten und mit aggressiven Gefühlen zu vermitteln und in Übungen und Rollenspielen zu trainieren. Hier- zu gibt es ausgearbeitete Trainingsprogramme, zum Beispiel das aus den USA stammende und auf deutsche Verhältnisse übertragene Programm FAUSTLOS. Voraussetzung ist, dass die Erzieher/innen entsprechend geschult werden. 2. Bei vielen Programmen fehlt die Ein- bindung der Eltern. Zwar ist es oft schwierig, Eltern für die Programme zu interessieren, aber ihre Beteiligung ist von großem Wert. Präven- tion muß in Zukunft verstärkt Möglichkeiten entdecken, Eltern zur Mitarbeit zu motivieren. 3. Interkulturelle Gegebenheiten und Kon- flikte spielen auch im Hinblick auf Gewalt- prävention eine große Rolle. Es müssen Konzepte gefunden werde, die die spezifischen Besonderheiten unterschiedlicher ethnischer Gruppen berücksichtigen. Die interkulturelle Konfliktbearbeitung ist eine der großen Heraus- forderungen für die Zukunft. 4. Geschlechtsspezifische Aspekte gilt es zukünftig verstärkt zu berücksichtigen. Bei Mädchen muß das Problem der Autoaggres- sionen gesehen und bearbeitet werden. Aber auch im Hinblick auf Mädchen, die durch nach außen gerichteteAggressivität und Gewalt auf- fallen, müssen mädchenspezifische Methoden und Projekte der sekundären Prävention bzw. Aggressionsbewältigung angeboten werden. Die Evaluation gewaltpräventiver Ansätze, Methoden und Projekte steckt in Deutschland noch in den Anfängen. Zusammen mit den Ergebnissen ausländischer Forschung haben wir aber bereits einige gute Hinweise, welche Faktoren die Wirkung präventiver Arbeit er- höhen können. Carmen Trenz (AJS) Literatur zum Thema Thomas Grüner, Franz Hilt Bei Stopp ist Schluss Werte und Regeln vermitteln AOL Verlag Lichtenau 2004, 116 Seiten, 19,90 Euro Ahmet Toprak „Wer sein Kind nicht schlägt, hat später das Nachsehen“ Elterliche Ge- waltanwendung in türki- schen Migrantenfamilien Centaurus Verlag, Herholzheim 2004 152 Seiten, 18,80 Euro

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