Reader Gewaltp NRW online
195 2 NRW 4/2011 Was verhindert Gewalt? Welche Prävention ist erfolgreich? Das 26. Kinder- und Jugendschutzforum gabAntworten auf Fragen der Gewaltprävention Welche Präventionsprogramme können Gewaltdelikte von Kin- dern und Jugendlichen verhin- dern und welche Maßnahmen sind geeignet, junge Gewalttäter von weiteren Gewalttaten abzu- halten? Auf diese Fragen beka- men die rund 170 pädagogischen Fachkräfte aus der Kinder- und Jugendhilfe, von Schulen sowie Präventionsbeamte der Polizei beim 26. Kinder- und Jugend- schutzforum am 22.11.2011 in Kamen hilfreiche Antworten und Handlungsimpulse. Zu Beginn zeigte ein Brain- storming unter den Teilnehmern, dass viele konkrete Vorstellungen von guter Gewaltprävention ha- ben. Ganz oben auf der Liste der wichtigsten „Zutaten“: Vernet- zung/Kooperation, Wertschätzung und Respekt gegenüber allen Beteiligten (Kinder, Jugendliche, Eltern, Kooperationspartner), ausreichende Ressourcen (Geld, Zeit, Räume etc.) und gut aus- und fortgebildete Fachkräfte. Drei spannende Vorträge in- formierten über Ergebnisse der Präventionsforschung, über Ent- stehung und Altersverlauf ju- gendlicher Gewaltkriminalität und über Motive jugendlichen Gewalthandelns. Hier einige zen- trale Botschaften: In seinemÜberblick über die in- ternationale Evaluationsforschung machte Prof. Andreas Beelmann (Universität Jena) deutlich, dass Präventionsmaßnahmen u. a. dann erfolgreich sind, wenn sie sich an den individuellen Gewaltursachen und am Entwicklungsstand der Kinder orientieren. So sind Eltern- trainings nur bei jüngeren Kindern unter 10 Jahren erfolgreich, ältere Kinder und Jugendliche profitie- ren mehr von sozialen Trainings- programmen in der Gleichaltri- gengruppe. Wirksame Programme sind gekennzeichnet durch sehr strukturiertes Vorgehen, den kon- tinuierlichen Aufbau von sozialen Kompetenzen bei den Zielgruppen (Jugendliche, Eltern) sowie die engagierte Durchführung der Maßnahmen durch motivierte und vernetzte Mitarbeiter. Kom- binierte Mehr-Ebenen-Programme in Kindergärten und Schulen sind erfolgversprechender als einzelne Maßnahmen. Prof. Klaus Boers, Universität Münster, räumte aufgrund seiner Duisburger Längsschnittstudie (Befragung der Jugendlichen zwi- schen dem 13. und 20. Lebensjahr) mit demVor-Urteil auf, dass frühe Auffälligkeiten meistens in eine „kriminelle Karriere“ münden. Der Altersverlauf der Jugendkri- minalität (im Dunkelfeld = selbst berichtete Delinquenz) zeige vielmehr, dass auch Gewaltdelikte nach einem steilen Anstieg gegen Ende des Kindesalters (mit ca. 13 Jahren) bereits im Jugendalter (15. – 17. Lebensjahr) deutlich zurückgehen. Selbst bei den stark belasteten Frühauffälligen gab es viele, die ab dem15. Lebensjahr keine Delikte mehr begehen. Bei den meisten reiche die informelle Kontrolle in Familie, Schule und in der Peergruppe aus, damit Normen erfolgreich übernommen werden („Spontanbewährung“). Besondere Eingriffe seien oft nicht notwendig. Anhand ihrer Befragung von 220 inhaftierten Gewalttätern fand die Sozialpädagogin Rebecca Friedmann, Denkzeit-Gesell- schaft, Berlin, heraus, dass jugend- liche Gewalttäter sich grob nach drei Motivgruppen unterscheiden: „Instrumentell“ handelnde Täter agieren planvoll und wenig emo- tional. Sie sind selten emphatisch und haben kaum Schuldgefühle, wirken aber oft sozial angepasst. Bei der Tätergruppe mit „affek- tiven“ Motiven unterscheidet Friedmann zwei Untergruppen: „Reaktiv“ handelnde Täter fühlen sich leicht provoziert und können ihre Gefühle schlecht kontrol- lieren. Sie können außerhalb einer Konfliktsituation durchaus Empathie empfinden und haben nach der Tat oft Schuldgefühle. Täter mit einem „intrinsischen“ Motiv handeln aus extremer in- nerer Spannung heraus, haben ein äußerst schlechtes Selbstbild und sind oft traumatisiert. Die Opfer sind häufig willkürlich ausgewählt und die Taten meist ungesteuert und brutal. Rebecca Friedmann machte deutlich, dass die Wahl der richtigen Intervention ent- scheidend von den Motiven der Gewalttäter abhänge. Die Vorträge und Ergebnisse der sechs Arbeitsgruppen werden in der Ausgabe 1-2012 der Zeit- schrift Thema Jugend der Kath. LAG Kinder- und Jugendschutz in Münster dokumentiert und können dort angefordert werden. Carmen Trenz (AJS) Ein Blick in das Kinder- und Jugendschutzforum. Unten im Bild: die Referentin Rebecca Friedmann von der Denkzeit- Gesellschaft in Berlin, Katja Engelberg vom Familienministerium NRW und eine Teilnehmerin Fotos: Gesa Bertels NR 5. Qualitätskriterien
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