Reader Gewaltp NRW online
198 Den Blick für das Leid der Opfer schärfen 20. Fachtagung des LAK Jugendhilfe, Polizei und Schule NRW zum Thema Opferschutz In allen Lebensbereichen können Kinder und Jugend- liche Opfer von körperlicher und seelischer Gewalt, von Diebstahl oder Sachbeschä- digung werden. Übergriffe jedweder Art finden in der Familie statt, in der Schule, in Sportvereinen, in Kinder- und Jugendeinrichtungen, im öffentlichen Raum – und da zunehmend im Bereich der (nicht immer) sozialen Medien. Vielfach zu wenig beachtet ist die Tatsache, dass auch Kinder und Jugendliche, die Zeuge von Gewalt werden – gegen Fa- milienangehörige oder Mitschüler/-innen –, extremen Belastungen ausgesetzt sein können. Opfer oder Zeuge einer Straftat zu wer- den ist für die Betroffenen oft ein heftiger Einbruch in ihrem Selbsterleben. Das Sicherheitsgefühl, das Selbstvertrauen und das Vertrauen in andere Menschen können massiv gestört werden. In manchen Fällen ist das Opfererleben mit einer schwerwiegenden Traumatisierung verbunden. Um das Leid zu lindern und langfristige Schäden zu vermei- den, brauchen Opfer und ihre Angehörigen vielfältige und abgestimmte Unterstützung, Beratung und/oder Therapie. Um die pädagogischen Fachkräfte aus Kinder- und Jugendhilfe, Beratungsstel- len, aus Schulen sowie der Polizei für die Probleme der kindlichen und jugendlichen Opfer zu sensibilisieren, veran- staltete der Landesarbeitskreis Jugendhilfe, Polizei und Schule NRW (LAK NRW) am 6. und 7. Mai seine 20. Fach- tagung zum Thema „Damit Schlimmes nicht schlimmer wird! Opferschutz im Blick von Jugendhilfe, Polizei und Schule“. Mehr als 200 Fach- kräfte nahmen an der zwei- tägigen Veranstaltung teil. In Vorträgen und zahlreichen Workshops konnte aufgezeigt werden, wel- che Angebote Opfern wirksam helfen und was die verschiedenen Träger zur Opferver- meidung, also Prävention, beitragen können. 30 Jahre gutes Zusammenwirken Da der 1984 gegründete Landesar- beitskreis eigentlich 2014 sein 30-jähriges Bestehen feiern wollte (aufgrund der Haus- haltssperre in NRW ausgefallen), nahm das LAK-Team diese Tagung zum Anlass, am Kongressabend die gute Zusammenarbeit der vielen beteiligten Akteure gemeinsam mit den Teilnehmenden zu feiern. Neben einer Geburtstagstorte und Musik aus den letzten 30 Jahren interviewte der Moderator Thomas Decken im Rahmen einer „unter- haltsamen Zeitreise“ je einen Vertreter von Jugendhilfe und Polizei. Wie hat sich der Blick auf Jugendliche und ihre Auffällig- keiten gewandelt? Wie hat sich auch der Umgang unter den Berufsgruppen durch das gegenseitige Kennenlernen und gemeinsame Fortbildungen im Laufe der Jahre verän- dert? Heute ist die gemeinsame Netzwerkar- beit in NRWmit dem Ziel der Verbesserung der Situation der Kinder und Jugendlichen nicht mehr wegzudenken. Was sicher auch ein Verdienst der kontinuierlichen Arbeit des Landesarbeitskreises Jugendhilfe, Polizei und Schule NRW ist. In ihrem Grußwort machte Ute Schäfer, Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport in NRW, deutlich, dass ihr das Thema der Veranstaltung sehr wichtig ist und dass sie die Arbeit des LAK NRW wertschätzt. Als besonderes Anliegen ver- wies die Ministerin auf die Lage der jungen Flüchtlinge, die ja vielfach Schlimmes in ihren Heimatländern erlebt haben und die unser aller Zuwendung und Unterstützung bedürfen. Menschliche Katastrophen ClaudiaRadermacher-Lamberty, Diplom- Psychologin bei der Caritas Familienbera- tung in Aachen, schilderte in ihrem Vortrag, was traumatisierte Kinder und Jugendliche erleiden. Das Trauma kann aufgrund eines einmaligen Ereignisses entstehen (z. B. Ver- kehrsunfall, Gewalttat, Naturkatastrophe) oder aber über Jahre hinweg anhalten. Die meisten längerfristigen Traumata geschehen innerhalb der Familie: durch Vernachlässi- gung, massive Deprivation, psychische und körperliche Gewalt, sexuelle Gewalt, Verlust eines Familienmitglieds durch Trennung, Tod. Natürliche Reaktionen auf Gefahren wie Kampf oder Flucht funktionieren in sol- chen Situationen nicht. Deshalb sind Kinder und Jugendliche traumatischen Situationen hilflos ausgeliefert: Überflutende Ängste lösen das Gefühl absoluter Ohnmacht, oft auch Todesangst aus („Es ist aus!“). Manche Symptome treten sofort, andere erst zeitlich verzögert auf. Eine chronifizierte Form ist das posttraumatische Belastungssymptom. Darunter fallen Symptome, in denen Trau- mata immer wieder erlebt werden, z. B. in Form von Alpträumen, Panikattacken, Schuldgefühlen, Depressionen. Eine andere Form sind Vermeidungsstrategien wie u. a. Amnesien, Dissoziationen, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Selbstmordabsichten. Je nach Alter entwickeln die Kinder unter- schiedliche Symptome. Säuglinge schreien, lassen sich kaum beruhigen, entwickeln Fütter- und Schlafstörungen. Kleinkinder werden apathisch, sind sehr ängstlich, ent- wickeln sich nicht altersentsprechend. Ältere Kinder haben Ängste, Konzentrationsstö- rungen, Depressionen, psychosomatische Beschwerden, ziehen sich zurück, zeigen rebellisches und antisoziales Verhalten. Die Folgen sehr früher Traumatisierungen haben oft Auswirkungen auf die gesamte psychische Struktur eines Menschen. Sie sind im Körpergedächtnis gespeichert und belasten die Entwicklungsmöglichkeiten der Betroffenen oft lebenslang. Für die Ausformung und Verarbeitung von Traumata spielen das soziale Umfeld und die Persönlichkeit der Betroffenen eine Rolle. Vor allem Kinder, die aufgrund einer sicheren Bindung zu ihren Bezugspersonen und von Unterstützung in ihrer Umgebung sich als selbstwirksam erlebt haben, sind oft widerstandsfähiger, resilienter als Kinder mit 6 2/2015 Fachtagung Carmen Trenz carmen.trenz@mail.ajs.nrw.de Andreas Huckele referierte zum Thema „Gesunde Grenzen, gesunde Kinder, gesunde Erwachsene“. Fachtagung
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