Reader Gewaltp NRW online
207 2/2003 Thema 4 Konflikt-KULTUR ® Die Vermittlung von sozialer Kompetenz und Prävention stellt Thomas Grüner in einem besonderen Projekt vor. Einen Großteil ihrer Zeit verbringen Kinder und Jugendliche an Schulen und anderen außer- familiären Einrichtungen. Hinzu kommt, dass im Zeitalter der Kleinst- und Kleinfamilien mit einem oder maximal zwei Kindern das gelin- gende Zusammenleben in einer Gruppe nicht mehr von der Familie vermittelt werden kann. Alles dies stellt heute höhere Ansprüche an Erziehung und soziales Lernen in der Schule und anderen Erziehungs- und Bildungsein- richtungen. Die neue Situation verlangt, dass die Vermittlung sozialer Kompetenzen zum Kernauftrag von Schulen und Jugendarbeit gehört. Galt bisher Erziehung häufig als unge- liebtes und bestenfalls unnötiges „Anhängsel“ von Bildung, muss dieses Bild heute vom Kopf wieder auf die Füße gestellt werden: Bildung ist integraler Bestandteil von Erziehung und nicht umgekehrt. Über den späteren Erfolg im Leben ent- scheidet nicht nur das Einmaleins, sondern auch die Fähigkeit, innere und äußere Kon- flikte konstruktiv zu lösen, sich bei Angriffen gewaltfrei zu wehren und sich in eine soziale Gemeinschaft integrieren zu können. Nur so lernen Kinder und Jugendliche, die Heraus- forderungen ihrer Lebenswelt zu bewältigen, ohne sich selbst und andere zu verletzen und ohne sich mit Hilfe von Ideologien oder Sucht- verhalten in eine „bessere“ Welt zu flüchten. Schulen stehen dabei vor besonderen erzie- herischen Herausforderungen, denn durch die Schulpflicht arbeiten Schüler und Lehrer in einem Zwangskontext: ● Schüler sind in einer Schulklasse mit Gleichaltrigen zusammen, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben. ● Sie werden mit dem ungewohnten Verhal- ten der Mitschüler konfrontiert, die mit einem anderen Erziehungsstil aufwachsen als sie selbst oder aus anderen Ländern mit anderen Werten und Normen kommen. ● Sie müssen in der Schule Dinge tun, die nicht immer Spaß machen, sondern auch mit Leistung und Anstrengung verbunden sind. ● Und sie werden mit Leistungsbewertungen und den damit verbundenen Frustrationen konfrontiert. Schüler, die diesen „Zumutungen“ nicht ge- wachsen sind, gehen nicht gerne in die Schule und kommen dort schon resigniert oder mit einem hohen Aggressionspotential an. Ziele des Programms Konflikt-Kultur ® ● Förderung von Schlüsselqualifikationen bei Kindern und Jugendlichen, insbesondere deren soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz, ● Vermittlung von Methoden zur konstrukti- ven Konfliktlösung, ● Stärkung der Erziehungskompetenz von Erwachsenen, Arbeitszufriedenheit und Burnout-Prävention, ● Nachhaltige Organisations- und Schulent- wicklung, ● Stärkung von Schutzfaktoren und Minimie- rung von Risikofaktoren bei Kindern und Jugendlichen und damit die Verhinderung (Prävention) und Reduzierung (Interven- tion) von Gewalt, Fremdenfeindlichkeit, Suchtverhalten, sozialem Rückzug und anderen Verhaltensauffälligkeiten. Zielgruppen ● Fachkräfte aus den Bereichen Pädagogik, Psychologie, Erziehung und Ausbildung (z.B. Lehrer, Sozialarbeiterinnen, Ausbilder, Erzieherinnen, Gruppenleiter usw.), ● Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, ● Eltern. Die Fortbildungen finden statt in Schulen, in Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen wie Jugendhäusern, Horten und Kindergärten, in Ausbildungsstätten, Betrieben und Vereinen, in Fortbildungseinrichtungen. Methoden Jede Einrichtung stellt aus folgenden Baustei- nen ein „Fortbildungspaket“ zusammen, das ih- ren Bedürfnissen und Möglichkeiten entspricht: Fortbildungsmodul 1 Wenn zwei sich streiten – hilft ein Dritter! Mediation und Streitschlichtung Viele Auseinandersetzungen enden in einer Eskalationsspirale, weil jede Konfliktpartei in ihren Gefühlen verletzt ist und sich rächen möch- te. Jeder ist in seiner Sicht der Dinge gefangen und sucht die Schuld beim anderen. Weil keiner bereit ist, als erster auf den anderen zuzugehen, können Missverständnisse nicht geklärt werden und die Fronten verhärten sich. Beide Seiten rea- gieren empfindlich, und beim geringsten Anlass kommt es zu erneuten Attacken. In solchen Fällen hilft ein festes Konfliktlö- sungsritual wie die Mediation, bei der Kinder und Jugendliche mit Hilfe eines Vermittlers bzw. Mediators lernen, ● ein gutes Gesprächsklima zu schaffen, ● sich konstruktiv auseinander zu setzen und zu kommunizieren, ● Einfühlungsvermögen und Selbstverant- wortung zu entwickeln, ● fair zu verhandeln und gemeinsam Lösun- gen zu finden, die für alle Beteiligten ak- zeptabel sind, ● verlässlich zu sein. Die Mediation ist kein Gerichtsverfah- ren. Es geht nicht um Sieg und Niederlage oder darum, dass es einen Gewinner und einen Verlierer gibt. Es geht nicht darum, wer Recht hat oder wer Recht bekommt. Es geht nicht darum, „die“ Wahrheit herauszufinden oder wer Schuld hat oder schuldig ist. Es geht um die gemeinsame Suche nach Lösungen, mit denen die Konfliktparteien einverstanden sein können. Mediation eignet sich nicht nur bei Kon- flikten zwischen Kindern und Jugendlichen, sondern auch ● bei Konflikten zwischen Beteiligten unter- schiedlicher Kulturen (interkulturelle Me- diation), ● bei generationsübergreifenden Konflikten, z.B. bei Konflikten zwischen Lehrern und Schülern, ● bei Konflikten zwischen Erwachsenen, z.B. zwischen Lehrern oder zwischen Lehrern und Eltern. In einem ersten Schritt bilden wir Erwach- sene zu Mediatoren aus, die dieses Verfahren dann in der jeweiligen Schule oder Einrichtung anbieten. Nicht alle, aber viele dieser Kon- flikte können auch ausgebildete Jugendliche vermittelnd lösen. In einem zweiten Schritt bilden deshalb die erwachsenen Mediatoren, mit oder ohne unsere Unterstützung, Jugend- liche zu Streitschlichtern oder Konfliktlotsen aus. Diese Schüler bieten sich dann anderen Schülern als neutrale Vermittler an. Die Aufgabe der jugendlichen Streit- schlichter oder Konfliktlotsen besteht darin, 6. Ansätze, Präventions- und Interventionsprogramme
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