Reader Gewaltp NRW online
208 2/2003 5 für eine konstruktive Gesprächsatmosphäre zu sorgen, in der die Konfliktparteien, ohne Unterbrechungen und Beleidigungen, ihre Sicht der Dinge schildern können. Dabei werden Missverständnisse und die gegen- seitige Mitverantwortung am Streit geklärt. Meist entwickelt sich dabei das beiderseitige Verständnis, und die Konfliktparteien sind bereit, einen Schritt aufeinander zuzugehen. Durch Fragen wie: „Was wünschst du dir vom anderen“ und „Was bist du selbst bereit zu tun, um den Streit zu beenden?“ werden Lö- sungsvorschläge gesammelt und miteinander verhandelt, bis eine schriftliche Vereinbarung formuliert werden kann. Diese wird dann von allen Beteiligten unterschrieben. Vorteile des Konfliktlotsenmodells ● Kinder und Jugendliche übernehmen selbst Verantwortung für die gewaltfreie Lösung von Konflikten. ● Sie lernen untereinander, wie Konflikte konstruktiv gelöst werden können. ● Erwachsene werden im Erziehungsalltag entlastet. ● Das soziale Klima an der entsprechenden Einrichtung oder Schule verbessert sich, die Zahl eskalierender und schwerer Konflikte sinkt. ● Die Streitschlichter bilden eine eigene so- zialkompetente Peer-Gruppe mit Vorbild- charakter und sie beeinflussen ihre private Gleichaltrigengruppe positiv. den. Um Schuldgefühle abzuwehren und die Verantwortung für die Tat abzulehnen, haben diese Kinder und Jugendlichen einerseits „ver- lernt“, sich in andere hineinzuversetzen und deren Leid zu spüren, und andererseits gelernt, massive Verharmlosungen und Rechtferti- gungen einzusetzen. Im Rahmen von Hass- Kriminalität wird beispielweise die gegnerische Gruppe abgewertet und „entmenschlicht“. Einige Erziehungsfehler begünstigen diese Entwicklung, die sich, wie bei anderen Verhaltensauffälligkeiten auch, nicht plötzlich, sondern allmählich vollzieht: ● Häufig wird bei „Kleinigkeiten“ weggese- hen, in der Hoffnung, sich dadurch die anstrengende Auseinandersetzung mit den Heranwachsenden sparen zu können. Für den Täter lohnt sich sein Verhalten also viele Male, bevor etwas geschieht. ● Wenn dann endlich reagiert wird, ver- streicht meistens zu viel Zeit zwischen der Tat und der Konsequenz darauf. Zwischen der Tat und dem Preis, den der Täter dafür zu zahlen hat, kann von diesem kein Zusam- menhang mehr hergestellt werden. ● Die Konsequenz selbst bleibt oft unpersön- lich und unangemessen gering, beispiels- weise, wenn Versicherungen den Schaden übernehmen. Unterm Strich lohnt sich Gewalthandeln also. ● Die persönliche Konfrontation mit der Tat und (da es bei den meisten Taten auch ein Opfer gibt) mit dem Opfer bleibt aus. Die Folgen der Tat können nicht erlebt werden. Betroffenheit und Einfühlungsvermögen können nicht entstehen. ● Eine schlimme Kindheit, das soziale Mi- lieu, die ethnische Herkunft, eine durchge- machte Nacht, Alkohol und Drogenkonsum gelten als Entschuldigungen und mildernde Umstände. Dieses falsche Verständnis macht Täter zu Profis in Sachen Rechtfer- tigungen und Verharmlosungen. ● Strafen allein sind keine Lösung, da sie kei- neAntwort auf die fehlende Empathiefähig- keit der Täter und ihre massiven Rechtferti- gungs- und Verharmlosungsstrategien geben und damit keine dauerhaften Verhaltensän- derungen erlauben. Der Täter-Opfer-Ausgleich wird ausschließ- lich von Erwachsenen geleitet und ist für die Täterin oder den Täter verpflichtend, denn der TOA ist ein Teil des Maßnahmenkatalogs der jeweiligen Einrichtung oder Schule. Jede Form der Gewalt, auch seelische Gewalt und Diebstahl, wird verhandelt. Der Täter sitzt dem Opfer gegenüber, er wird mit ihm und seinem Erleben konfrontiert. Bei Sachbeschädigungen steht eine Person stellvertretend für die Sache. KONFLIKT-KULTUR ® Soziale Kompetenz und Prävention © AGJ Freiburg ➡ Fortbildungsmodul 2 Das machst du wieder gut! Täter-Opfer-Ausgleich Während die Mediation die Lösung von Beziehungskonflikten mit gegenseitigen Kon- fliktanteilen zum Ziel hat und auf die Lösungs- bereitschaft der Konfliktparteien angewiesen ist, eignet sich der Täter-Opfer-Ausgleich für alle Arten und Fälle einseitiger Gewaltanwen- dung. Zur Gewalt zählen nicht nur seelische und körperlicheAttacken, sondern auch Eigentums- delikte wie Diebstahl und Sachbeschädigungen. Je schwerer die Tat, je weniger Beziehung zwischen Täter und Opfer, je einseitiger das „Schuldkonto“ verteilt ist und je klarer und ein- deutiger die Informationen über den Tathergang sind, desto mehr spricht für den Täter-Opfer- Ausgleich und gegen die Mediation. Eine besondere Zielgruppe sind die Mehr- fachtäter. Während die meisten Kinder und Jugendlichen nur vorübergehend oder in ganz bestimmten Situationen Gewalt anwenden, ent- wickeln sich einige wenige (je nach Einrichtung oder Schultyp zwischen 3–5%) zu so genann- ten Intensivtätern, die Gewalt bejahen und häufig anwenden. Intensivtäter, die sich auch zu Gruppen mit oder ohne ideologischen Hin- tergrund zusammenschließen, brauchen immer wieder den „Kick“ der Gewalt und die Angst des Opfers, um sich kurzfristig „lebendig“ und überlegen zu fühlen. Sie stabilisieren damit vorübergehend ihr schwaches Selbstwertgefühl. Für diese Täter ist Gewalt zur Droge gewor- Konflikte in der Schule in der Klasse zwischen Einzelnen im Unterricht Recht auf Recht auf beidseitig verursacht störungsfreien Unterricht Recht auf einseitig verursacht Recht auf Wiedergutmachung Werte und Arbeitshaltungen lernen soziale Spielregeln lernen konstruktiv streiten lernen konstruktiv wehren lernen Das erwarte ich von dir! Regeln des Zusammen-Arbeitens Bei STOPP ist Schluss! Regeln des Zusammen-Lebens Wenn Zwei sich streiten — hilft ein Dritter! Mediation Das machst du wieder gut! Teamkompetenz Konfliktkompetenz Soziale Kompetenz und Schulentwicklung unter Schülern respektvollen Umgang gewaltfreie Konfliktlösung Täter-Opfer-Ausgleich Thema
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy MTQ0NDgz