Reader Gewaltp NRW online

209 6. Ansätze, Präventions- und Interventionsprogramme 2/2003 6 Thema Verharmlosungen und Rechtfertigungen wer- den konsequent zurückgewiesen. Der Täter muss sich mit der Perspektive und dem Erleben des Opfers auseinandersetzen, und er muss eine persönliche Wiedergutmachung leisten. Im Vordergrund des TOA stehen das Opfer und die Opfergerechtigkeit. Die wichtigste Frage lautet: Wie kann der Schaden, den das Opfer oder die Einrichtung erlitten hat, durch eine angemessene und persönliche Leistung des Täters wieder gut gemacht werden? Vorteile des Täter-Opfer-Ausgleichs ● Das Opfer lernt, sich konstruktiv zu weh- ren und seine Angst vor dem Täter zu über- winden. Es gewinnt wieder Selbstvertrauen. ● Das Opfer erlebt, dass man sich nicht nur um den Täter kümmert. Es erfährt Opfer- gerechtigkeit, indem es eine persönliche Wiedergutmachung einfordert. ● Dem Täter werden die Folgen der Gewalt zugemutet. Durch die Konfrontation mit der Opferperspektive lernt der Täter allmählich, sich in die Opfer hineinzuversetzen. Das wachsende Einfühlungsvermögen hemmt weitere Gewalt wirkungsvoll. ● Der Täter wird für sein Verhalten verant- wortlich gemacht. Er zahlt einen Preis dafür und lernt, dass sein Verhalten persönliche Konsequenzen hat. ● Die engagierte, faire und konstruktive Aus- einandersetzung mit demTäter zeigt diesem, dass er als Person ernst genommen und wertgeschätzt, Gewalthandeln aber unter keinen Umständen toleriert wird. Es wird konsequent zwischen Person und Verhalten unterschieden. ● Alle können sehen, dass den Opfern wirk- lich geholfen wird. Der Mut, sich gegen Gewalt zu wehren, wächst. Es entsteht ein Klima der Sicherheit . Fortbildungsmodul 3 Das erwarte ich von dir! Regeln des Zusammen-Arbeitens Der Alltag an Schulen und anderen Ein- richtungen ist nicht nur geprägt von täglichen Konflikten zwischen einzelnen Kindern und Jugendlichen mit gegenseitiger oder einseiti- ger Gewaltanwendung, die mit Mediation und Täter-Opfer-Ausgleich zu lösen sind. Viele Konflikte entstehen auch im Zusammenhang mit Gruppensituation, in der sich Kinder und Jugendlichen befinden. Voraussetzung für ge- lingendes Zusammenleben, Arbeiten, Lernen und Unterrichten ist der professionelle Umgang mit Gruppenkonflikten und die Wahrnehmung von Leitung. In der Schule beispielsweise haben die mei- sten Konflikte zwischen Lehrern und Schülern damit zu tun, dass sie keine Kinderparty ver- anstalten, sondern Anforderungen an Schüler stellen und Ziele erreichen müssen und dass sie die Verantwortung für eine Klasse haben und diese führen müssen. Schüler müssen ler- nen, pünktlich und aufmerksam zu sein, nicht dazwischenzureden und ihr Arbeitsmaterial mitzubringen. Sie müssen Werte und Arbeits- haltungen lernen und sie müssen lernen, ihr Verhalten zu kontrollieren, Die Fortbildungsteilnehmer ● entwickeln gemeinsam mit ihren Kollegin- nen und Kollegen einheitliche Regeln des Zusammen-Arbeitens, ● trainieren, mit Hilfe einer speziellen „STOPP-Regel“ den Umgang mit (Unter- richts-) Störungen, ● lernen effektive Ruhe- und Aufmerksam- keitsregeln kennen, ● einigen sich auf einheitliche Vorgehenswei- sen und Konsequenzen bei Regeleinhaltun- gen und Regelverletzungen, ● lernen, diese Regeln konsequent durchzu- setzen, ohne zu einem bestrafenden oder au- toritären Erziehungsstil greifen zu müssen, ● lernen den Unterschied zwischen Verständ- nis- und Verantwortungspädagogik kennen und entwickeln eine professionelle Rol- lenklarheit. Fortbildungsmodul 4 Bei STOPP ist Schluss! Regeln des Zusammen-Lebens In jeder Gruppe oder Klassengemeinschaft kommt es unweigerlich zu Interessensgegensät- zen, Geschlechterkämpfen, Hierarchiegerangel, Rollenverteilungen und Koalitionen. Und bei der „Wahl der Waffen“ können Kinder und Jugendliche grausam und erfinderisch sein. Da wird ausgelacht und gehänselt, beschimpft und beleidigt, ausgegrenzt, getreten und geschlagen. Es gibt Anführerinnen und Anführer – wir nennen sie Meinungsmacher –, die eine ganze Gruppe oder Klasse negativ oder positiv be- einflussen können. Es gibt kleine „Gangs“, die andere terrorisieren, und manche Kinder oder Jugendliche werden zu Clowns, Außenseitern, Sündenböcken oder schwarzen Schafen. Aus diesen Konflikten müssen Kinder und Jugendliche lernen, dass jede Gemeinschaft nur mit sozialen Spielregeln bzw. Regeln des Zusammen-Lebens funktioniert und dass jeder das Recht hat, respektvoll behandelt zu wer- den . Dabei geht es um Fragen wie: Was ärgert und stört uns immer wieder? Was brauchen wir, um uns miteinander sicher und wohl zu fühlen? Wo hören meine individuellen Rechte auf (ich wollte doch nur meinen Spaß haben) und wo beginnen die Rechte des anderen (ja, aber nicht auf meine Kosten)? Die Fortbildungsteilnehmer lernen, ● wie sie die Sozialstruktur einer Klasse oder Gruppe „lesen“ und wie sie mit Gruppenkon- flikten und Außenseitern arbeiten können, ● wie sie, mit den Kindern und Jugendlichen zusammen, verbindliche und funktionieren- de Regeln des Zusammen-Lebens erarbeiten können, ● wie sich Kinder und Jugendliche mit einer speziellen „STOPP-Regel“ gewaltfrei gegen Grenzüberschreitungen von Gruppen- oder Klassenmitgliedern wehren können und wie sie damit „Petzereien“, eskalierende Konflikte und kleinere Konflikte, die Kinder und Jugendliche auch allein lösen können, „vom Tisch“ bekommen. ● wie Kinder und Jugendliche im Rahmen von regelmäßigen Gruppengesprächen, dem Gruppen- oder Klassenrat , auf konstruktive Weise mit ihrem Regelverhalten konfron- tiert und für ihr Verhalten verantwortlich gemacht werden können. Lernziele sind Ehrlichkeit, Kritikfähigkeit, Selbstver- antwortung, Problemlösungskompetenz, Selbstregulation und positive Selbstwahr- nehmung. Dabei kommen zwei besondere Methoden bzw. Rituale zum Einsatz: „Die Chance“ und „Die Bestätigung“ . Ergebnisse Das Fortbildungsprogramm ist seit 1997 an rund 50 Schulen, einem Schülerhort und zwei Jugendhäusern umgesetzt worden. Besonders wichtig ist das Prinzip der Nach- haltigkeit. Jedes Fortbildungsmodul ist darauf angelegt, dauerhaft in der jeweiligen Schul- und Organisationsstruktur verankert zu werden. Für unsere gesamte Arbeit gilt, dass sie auf dem Hintergrund einer systemischen Sichtweise Auswirkungen auf alle institutionellen Ebenen hat und integraler Bestandteil der Organisati- ons- oder Schulentwicklung ist. Thomas Grüner, Dipl.-Psych. Referent für Kinder und Jugendschutz, Supervisor und Ausbilder für Mediation und Täter-Opfer-Ausgleich, Leiter des Fortbildungsprogramms Konflikt-Kultur bei der AGJ Fachverband für Prävention und Rehabilitation in der Erzdiözese Freiburg e. V., Oberau 21, 79102 Freiburg, Tel. (0761) 21807-44, E-Mail: jugendschutz@agj-freiburg.de (Der Autor wirkt auf den Veranstaltungen der AJS und der Kath. LAG zur Gewaltprävention mit.)

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