Reader Gewaltp NRW online
211 11 4/2008 „Hier konnte ich wieder Kind sein“ Eindrücke von einem Besuch im Modellprojekt „Chance“ für junge Straftäter Zwei junge Männer, beide aus zugewanderten Familien, führten uns (Fachreferenten für Gewaltprävention aus mehre- ren Landesstellen Jugendschutz) durch das Gelände des ehemaligen Zisterzienserklos- ters Frauental. Das Kloster ist seit 2003 eine Jugend- hilfeeinrichtung des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschland e.V. (CJD), die fünf- zehn verurteilten Mehrfachstraftä- tern zwischen 14 und 18 Jahren die Chance bietet, ihr Leben zu ver- ändern – und dabei auf Mauern völlig verzichtet. Einer der bei- den, ein junger Mann türkischer Herkunft (ich nenne ihn Mustafa), ist der derzeitige Sprecher des Jugenddorfrates und beeindruckte durch seine offene und ernsthafte Art. Anschaulich schilderte er das tägliche Zusammenleben der Jugendlichen, ihre Erfahrun- gen, Fortschritte, Rückschläge, Ängste, Hoffnungen und Erfolge. Der andere junge Mann ist Marokkaner, nennen wir ihn „Ah- met“, und seit ein paar Monaten in die Freiheit entlassen. Ehemalige Projektler können hin und wieder ins Kloster kommen, um ihre Erfahrungen im Projekt „Chance“ für ein paar Tage aufzufrischen und um nochmals den Halt in der Gemeinschaft der Jugendlichen und Pädagogen zu spüren. Wie bedeutsam dieAtmosphäre in die- ser Gemeinschaft für die jungen Männer sein kann, wurde uns mit ein paar, fast beiläufig gesproche- nenWorten vonAhmet begreifbar: „Hier kann ich wieder Kind sein.“ Auf unser Nachfragen, was er damit meint, sagte er: „Draußen muss man immer cool und ab- gebrüht sein, aber hier kann ich wieder lachen wie ein Kind.“ Was für ein Anpassungsdruck muss in solchen Jugendcliquen herrschen, mit welch fatalen Folgen für die Betroffenen –Täter wie Opfer! Wenn Ahmet nicht nach Creg- lingen gekommen wäre, hätte er sei- ne Haftzeit in der JVA Adelheim ab- gesessen und dort die gleiche brutale Subkultur erlebt wie sie auf der Straße herrscht. Er hätte nicht erfahren können, wie gut es einem gehen kann, wenn man eine „positive Jugendkultur“ mit einer positiven Orientierung erlebt. Eine „positive Jugendkultur“ will man im Projekt „Chance“ mit einem gruppenpädagogischen Ansatz erreichen. Bei diesem steht die Peer-Group und nicht wie sonst oft üblich die Beziehung zwischen dem Erzieher und dem Jugendlichen im Zentrum der pädagogischen Arbeit. Begründet wird dieser Ansatz damit, dass im Jugendalter die Gruppe der Gleichaltrigen den stärksten Sozi- alisationseinfluss ausübt, bei devi- anten Jugendlichen leider meist im problematischen Sinn, die Grup- pe sozusagen als Risikofaktor. Im Projekt „Chance“ soll das umgedreht werden. Mit Unter- stützung eines intensiven päda- gogischen Trainingsprogramms dient die Gruppe als Übungsfeld dafür, dass die Jugendlichen ler- nen, zunehmend Verantwortung für ihr Handeln und später auch für die anderen zu übernehmen. Grundhaltungen sind Fairness und Gerechtigkeit. Es wurde ein kla- res Anreizsystem geschaffen, bei dem positive und problematische Handlungen mit Punkten bewertet und mit Vergünstigungen und Frei- räumen, zum Beispiel Ausflügen, belohnt werden. Bei Verfehlungen sind Rückstufungen vorgesehen. Als Verhaltensorientierung dient ein Regel- und Normensystem, das im Laufe der Jahre mit den Jugendlichen gemeinsam weiter- entwickelt wurde und wird. Die Jugendlichen sollen sich gegen- seitig beraten und unterstützen. Dazu gehört, die Jugendlichen mit ihrem nicht akzeptablenVerhalten zu konfrontieren und pro-soziales Verhalten zu verstärken. Regelmä- ßiges Feedback gibt es darüber hinaus in Form von Tagesbewer- tungen. Das pädagogische Trai- ning beinhaltet tägliche Gruppen- gespräche sowie zweimal täglich gruppendynamische Trainings. Demokratische Gremien sind die „Vollversammlung der gerechten Gemeinschaft“ und das „Fairness- komitee“. In der Vollversammlung werden Fragen der Organisation und der Alltagsgestaltung be- sprochen und jeder – Jugendliche wie Erwachsene – hat dort eine Stimme. Das „Fairnesskomitee“ (Sprecher des Jugenddorfrates, ein weiterer Jugendvertreter und der pädagogische Leiter) bear- beitet Beschwerden, Konflikte, Bitten etc. Es gibt eine herausragende gemeinsame Aufgabe: den Um- bau und die Instandsetzung des Klosters, also die Schaffung von attraktiven Wohn-, Ausbildungs- und Arbeitsräumen. Hier werden handwerkliche Kompetenzen und Arbeitstugenden gefördert. Das gemeinsame Projekt bietet außerdem die Möglichkeit zur Identifikation mit der Einrich- tung. Der klar strukturierte Alltag besteht aus Sport, Schulunter- richt, Putz- und Arbeitseinsätzen, Ausbildungen, künstlerischen Freizeitgruppen. Uns hat der Besuch beim Pro- jekt „Chance“ beeindruckt, nicht zuletzt aufgrund der Begegnun- gen mit den jungen Männern. Überzeugend waren aber auch die Eindrücke im Hinblick auf das pädagogischen Personal, vor allem das Gespräch mit Angela von Manteuffel, die geduldig unsere Fragen beantwortete und uns durch ihre persönliche Aus- strahlung vermittelte, mit welch großem Engagement, fachlicher Kompetenz und nicht zuletzt Re- spekt den Jugendlichen gegenüber in Creglingen gearbeitet wird. Zum Schluss möchte ich aber nicht verschweigen, dass mich ge- rade eine Pressemeldung erreicht hat, wonach Wissenschaftler dem Projekt „Chance“, das außer in Creglingen auch im Jugendhof Seehaus in Leonberg durchge- führt wird, eine „durchwachsene Bilanz“ bescheinigen (Frankfurter Rundschau vom 17.10.2008). Die mit der Evaluation beauftragten Kriminologen Dieter Dölling, Uni- versität Heidelberg, und Hans-Jür- gen Kerner, Universität Tübingen, sind zwar der Auffassung, dass im Projekt eine „außerordentlich in- tensive Erziehungsarbeit“ geleistet werde, aber es sei nicht damit zu rechnen, „dass eine grundsätzliche Umorientierung stattfinde“. Laut Kerner gingen 47 Prozent freiwil- lig in den Knast zurück, weil ihnen der Tagesablauf zu stressig sei. Positiv sei aber in jedem Fall, dass die jugendlichen Straftäter „keine Subkultur“ aufgebaut hätten. Au- ßerdem ist die Rückfallquote mit 43 Prozent niedriger als im JVA Regelvollzug. Die Mitarbeiter des Vereins „Projekt Chance“ selbst sind davon überzeugt, dass ihr „Konzept sich bewährt habe, auch wenn es keineWunder vollbringen könne“. www.cjd-creglingen.de Carmen Trenz (AJS) Carmen Trenz ist Referentin bei der AJS für Gewaltprävention/ Jugendkriminalität Die Broschüre kann bei der AJS bestellt werden (siehe Seite 15) 6. Ansätze, Präventions- und Interventionsprogramme
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