Reader Gewaltp NRW online
212 12 4/2009 Dokumentation Orte und Ansätze der Prävention In Deutschland gibt es eine kaum zu über- blickende Zahl von Maßnahmen, Projekten und Programmen, die gewaltpräventiv wirken wollen. Die meisten Projekte sind im Bereich Schule angesiedelt. Daneben gibt es gibt fami- lienunterstützende Maßnahmen, Programme in KITAS und in der Kinder- und Jugendhilfe bzw. im Freizeitbereich. Familienbezogene Prävention Familienunterstützende Maßnahmen sollen die erzieherischen Kompetenzen der Eltern verbessern und die Beziehung und Bindung zu den Kindern vertiefen. Neben Erziehungsberatung und Bildungsangeboten z. B. in Form von Elternabenden, El- ternbriefen gibt es seit einigen Jahren spezielle Elternkurse bzw. Elterntrainings. Am be- kanntesten sind die Programme „Starke Eltern – starke Kinder“ des Deutschen Kinderschutz- bundes, Triple P und das STEP- Elterntraining. Laut Lösel (2006) wurden in Deutschland mehr als 85 % der Eltern- bildungsmaßnahmen nicht evaluiert. In den USA dagegen wurde die Wirksamkeit von Elterntrainings belegt, wobei vor allem frühe Programme (Schwangerschaft, Säuglingsalter) langfristige Erfolge hatten. In einer Analyse deutscher Elternkurse fand Lösel heraus, dass vor allem Eltern mit jüngeren Kindern von Erziehungskursen profitierten. Bei den Jugendlichen dagegen er- wiesen sich kognitiv-verhaltenstherapeutische Trainings mit Peers als wirksamer, was damit zu erklären ist, dass diese Altersgruppe mehr von ihren Altersgenossen als von den Eltern beeinflusst wird. (Stiftung Deutschland Forum für Kriminalprävention (DFK), 2008) Eine Schwierigkeit besteht darin, Risikofa- milien für Unterstützungsprogramme zu inte- ressieren. Das hat mit Stigmatisierungseffekten und Versagensängsten bei den betroffenen Eltern zu tun. Hier besteht ein großer Bedarf an neuen aufsuchenden Konzepten. Entscheidend aber ist vor allem die Qualifikation der Fach- kräfte: Sie brauchen eine hohe kommunikative Kompetenz, müssen Eltern wertschätzen und ihre Ressourcen wahrnehmen und anerkennen. Prävention im Kindergarten Die Förderung der sozialen und emotionalen Kompetenzen besonders in den ersten sechs Lebensjahren ist von großer Bedeutung. In diesem Alter werden entscheidende Weichen gestellt, auch wenn Probleme oft erst in der Pubertät massiv sichtbar werden. Für denVorschulbereich gibt es neben regio- nalenAngeboten einige standardisierte soziale Lernprogramme. Zu den bekanntesten gehören FAUSTLOS und Papilio. Die Programme werden von den Er- zieher/innen selbst durchgeführt, nachdem sie eine meist eintägige Schulung erhalten haben. Letzt- lich sind sie der Schlüssel für den Erfolg eines Programms, denn die Wirksamkeit von Trainings- programmen ist abhängig von den Personen, die sie umsetzen. Der Kindergarten ist der Ort, an dem Familien am ehesten erreicht werden können. Deshalb gehört verstärkte Elternarbeit zu den Aufgaben der neu geschaf- fenen Familienzentren. Außerdem braucht eine wirksame Gewaltprävention die gute Vernetzung mit anderen sozialen Diensten im Stadtteil. Auch im Kindergarten kommt es entschei- dend auf die Qualifikation der Erzieher/-innen an. Sie brauchen aber auch mehr Zeit für die Arbeit mit einzelnen Kindern, der Gruppe, den Eltern sowie für die eigene Fortbildung – also kleinere Gruppen. Ein weiteres Problem sehen Fachleute darin, dass in KITAS fast nur Frauen erziehen. Für die Jungen wäre es wichtig, sozial-kompetente männliche Vorbilder zu haben. Prävention in der Schule Es gibt kaum noch Schulen ohne Ange- bote zur Gewaltprävention. Verbreitet sind Konfliktlösungsprogramme wie Schüler- Streitschlichtung. Die Evaluationsstudie „Me- diation an Schulen“ hat belegt, dass ein Mediationsprojekt am ehesten erfolgreich ist, wenn es in ein umfassendes Schulprogramm eingebunden ist. Notwendig ist „die Verknüp- fung des Mediationsprojektes mit anderen Pro- jekten der Gewaltprävention und/oder mit der Durchführung von Trainings zu sozialen bzw. Konfliktlösungskompetenzen für alle Schüler/ innen“ (Behn u. a., 2006). Ebenfalls zahlreich sind Aktions- oder Projekttage , die zwar auf Probleme hinweisen können, aber keine langfristigenVerhaltensän- derungen bewirken. Daneben gibt es sozial-kognitive Verhal- tenstrainings (zum Beispiel FAUSTLOS für Grundschulen, das Sozialtraining „Fairplayer“, das Buddy-Projekt), die Übungsmaterialien bereitstellen. Von solchen Sozialen Trainingsprogram- men, die alle Kinder einbeziehen, scheinen nach den vorliegendenAnalysen vor allem jün- gere Schüler und Kinder aus sozial schwachen Familien zu profitieren (DFK). Belegt wurde in mehreren Studien, dass ein positives Klassen- und Schulklima für die Gewaltprävention von großer Bedeutung ist. Neben universellen Präventionsansätzen gibt es Programme für Risikogruppen. Zu den bekanntesten Programmen zählt das kognitiv- verhaltenstherapeutische Coolness-Training für Kinder und Jugendliche mit erhöhter Ag- gressivitätsneigung. Weitere spezielle Programme sind Selbstbe- hauptungstrainings meist für die Zielgruppe der opfergefährdeten Kinder, häufig Mädchen. Diese sollen lernen, sich in bedrohlichen Situ- ationen angemessen zu verhalten. Deeskalations- und Zivilcouragetrainings richten sich hauptsächlich an die scheinbar unbeteiligten Beobachter konfliktträchtiger Situationen. Darin wird vermittelt, solche Si- tuationen einzuschätzen, zu deeskalieren und somit selbst Verantwortung zu übernehmen. Unterstützung durch sozialpädagogische und psychologische Fachkräfte In NRW hat die Zahl an Schulsozialarbeiter/ innen und Schulpsychologen in den letzten Jah- ren zugenommen. Beide Berufsgruppen haben ein breitesAufgabengebiet: Sie sindAnsprech- partner für Lehrkräfte, Schüler/innen und El- tern, sie können gewaltpräventive Projekte und Programme unterstützen und die Vernetzung mit anderen Stellen im Stadtteil voranbringen. Allerdings ist ihre Zahl noch immer viel zu gering. Der Ausbau dieser Spezialdienste Gewaltprävention bei Kindern und Jugendlichen in NRW Carmen Trenz Referentin bei der AJS NRW für Gewaltprävention/ Jugendkriminalität ti
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