Reader Gewaltp NRW online
213 13 4/2009 sollte daher ein wichtiges Anliegen für die Zukunft sein. Prävention in der Freizeit und im sozialen Umfeld Typische Jugendhilfeangebote mit prä- ventiven Anteilen sind die Betreuung in Ju- gendzentren, aufsuchende Arbeit im Stadtteil (Streetwork), Fanbetreuung, Angebote im Rah- men des Jugendschutzes. In einer Umfrage der AJS im Jahr 2005 haben von 114 Jugendschutz- fachkräften 94 angegeben, dass sie Gewaltprä- vention/Anti-Gewalt-Trainings durchführen. Weitere Freizeitangebote mit gewaltpräventiven Anteilen sind Sportangebote, körper- und erleb- nisorientierte Programme (zum Beispiel Mitter- nachtssport), geschlechtsspezifische Gruppen, etwa Selbstbehauptungskurse für Mädchen und die Jungenarbeit. GeschlechtsdifferenzierteAn- gebote sind leider jedoch noch die Ausnahme. Für die Angebotsgestaltung im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe ist die Jugendhilfepla- nung in den Kommunen zuständig. Sinnvoll wäre ein Gesamtkonzept für Gewaltpräven- tionsmaßnahmen in jeder Kommune, in dem die verschiedenen Maßnahmen aufeinander abgestimmt sind. Eine Fachstelle für Gewalt- prävention (wie in Düsseldorf) könnte die Qualifizierung und Steuerung fördern. Eine zunehmende Bedeutung in der Ge- waltprävention haben Trainings, die sich an der konfrontativen Pädagogik orientieren. Die Jugendlichen werden mit ihrer Gewalttätigkeit teilweise massiv konfrontiert, Rechtfertigungen werden nicht akzeptiert. Die konfrontative Pä- dagogik ist nicht unumstritten, die Diskussion ist in vollem Gange. Allerdings hat sich als Minimalkonsens die Einsicht durchgesetzt, dass nur auf der Grundlage vonWertschätzung Menschen so vehement mit ihrem Verhalten konfrontiert werden dürfen. Außerdem muss Konfrontation begleitet sein von unterstüt- zenden Angeboten. Niedrigschwellige Angebote für jugend- liche Opfer von Gewalt sind bislang kaum vorhanden. Den Täter-Opfer-Ausgleich gibt es vorwiegend bei regionalen Straftätern, nur selten in der Schule oder Jugendhilfe. Kritische Aspekte l Projektförderung und die damit verbun- dene zeitliche Befristung pädagogischer Arbeit führt zu Diskontinuität. Prävention aber braucht dauerhafte Strukturen. l Finanzierung von Maßnahmen ist oft ge- koppelt an spektakuläre Ereignisse. Das führt zu Aktionismus. l Vielfältige Jugendkulturen, Jugendliche mit Migrationshintergrund erfordern neue pä- dagogische Konzepte. l Viele Angebote sind zu sprachlastig. Für jüngere Kinder sowie Kinder und Jugend- liche aus unterprivilegierten Familien sind körper-, bewegungs- und erlebnisorientierte Strategien oft geeigneter. Zusammenfassung und Anregungen zur Weiterentwicklung 1. Qualifikationen der Pädagogen/innen – Aus- und Fortbildung der pädagogischen Fachkräfte Gewaltprävention steht und fällt mit der Kompetenz der pädagogischen Fachkräfte. Sie müssen bereits in ihrer Fachausbildung auf die Erfordernisse des Alltags vorberei- tet werden. Berufsbegleitend brauchen sie Unterstützung durch Fortbildung, Beratung und Supervision. 2. Frühzeitigkeit Erfolgreiche Prävention setzt frühzeitig an. Darum haben Familienprogramme und Pro- gramme in Kindergarten und Grundschule eine große Bedeutung. Notwendig sind universelle Programme zur Förderung der sozialen und emotionalen Kompetenzen, aber besonders wichtig sind spezielle Programme für Kinder, die schon früh Verhaltensauffälligkeiten zeigen. 3. Mehr-Ebenen-Ansätze bzw. multimoda- le Maßnahmen Am effektivsten sind Programme, die auf mehreren Ebenen ansetzen, weil sie damit verschiedene Risikofaktoren (für aggressives Verhalten) beeinflussen kön- nen. Zu einem Gesamtkonzept gehören ein gutes Konfliktmanagement, einheitliche Verhaltensregeln und ihre konsequente Anwendung, kontinuierliche Förderung der sozialen Kompetenzen, die Zusammenarbeit zwischen Fachkräften, Kindern, Jugend- lichen sowie Eltern, ein lebendiges Schul-, Jugendhaus- oder Kindergartenleben, Hil- festellungen für Opfer von Gewalt und eine gute Zusammenarbeit mit anderen Partnern (Jugendhilfe, Verbände und Vereine, Bera- tungsstellen, Polizei etc.) 4. Strukturelle Verankerung, Langfristig- keit und Nachhaltigkeit Kurzfristige Projekte sind nicht wirksam. Präventive Maßnahmen müssen strukturell im Erziehungssystem verankert werden. Auch einzelne soziale Kompetenztrainings bewirken wenig, wenn sie nur einmalig durchgeführt werden. Trainingsinhalte müssen kontinuierlich aufgefrischt werden. 5. Klarstellung von Verhaltensregeln Ein Schwerpunkt eines jeden gewaltprä- ventiven Programms ist die Setzung und Anwendung konkreter, angemessener und eindeutiger Verhaltensregeln. 6. Geschlechtsspezifische Ausrichtung Vor allem bei älteren Kindern und Ju- gendlichen ist es notwendig, die Ange- bote geschlechtsspezifisch auszurichten. 7. Zeitliche Ressourcen Pädagogen/-innen brauchen Zeit für Gruppen-, Klassen- und Einzelgespräche mit auffälligen (oder auch besonders unauffälligen) Kindern und Ju- gendlichen, um Probleme oder ungelöste Konflikte zu bearbeiten. Sie brauchen Zeit für die Durchführung, Vor- und Nachberei- tung vonTrainings und anderen präventiven Maßnahmen. Sie brauchen Zeit für die Zu- sammenarbeit mit anderen Berufsgruppen. 8. Fremd- oder Selbstevaluation Es ist unverzichtbar, dass diejenigen, die gewaltpräventiv arbeiten, ihre Arbeit kon- tinuierlich auf Wirksamkeit hin überprüfen, reflektieren und fortentwickeln. Carmen Trenz (AJS) aus: DIE WELT 6. Ansätze, Präventions- und Interventionsprogramme
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