Reader Gewaltp NRW online

216 12 3/2015 FORUM 1. Ich beschreibe konkret, was ich beobachte, und zwar ohne Bewertung: Z. B. „Die Kleider liegen auf dem Boden“. Abwertende Begriffe („Du bist schlampig“) oder Verallgemeinerungen („Nie räumst Du dein Zimmer auf“) führen meistens beim anderen zur Abwehr oder zum Gegenangriff. 2. Ich spreche das Gefühl aus, das ich imMoment verspüre, jedoch ohne den anderen dafür verantwortlich zu machen Zum Beispiel: „Ich mache mir Sorgen“, „Ich fühle mich hilflos“. Der andere kann mein Gefühl besser annehmen, wenn er sich nicht beschuldigt fühlt. 3. Herausgefundenwerden soll, welches Bedürfnis durch das Verhalten oder die Situation nicht erfüllt bzw. frustriert wurde. Auch hier geht es wieder darum, das Bedürfnis ohne Vorwurf zu benennen. Bei- spiel: „Ich bin sauer, weil mir ein ordentliches Zuhause wichtig ist“, „…weil ich Verlässlichkeit brauche“. 4. AmEnde des Gesprächs soll der Konfliktpartner eine konkrete Bitte, einen erfüllbaren Wunsch äußern, z. B. „Ich wünschemir, dass Du verstehst, dass ichmir Sorgenmache“. Diese Bitte darf nicht mit Druck (Androhung von Sanktionen) verbunden sein, sonst ist es eine Forderung und keine Bitte. Wenn die Bitte erfüllt wird, ist das ein Geschenk, und es ist schön, sich dafür zu bedanken. Dank ist eine Bereicherung des Lebens. Diese Vier-Schritte-Methode hilft, sich sein Sprechen und Handeln bewusst zu machen und zu verändern. Im Grunde geht es darum, den Umgang miteinander – die Beziehungen zumBeispiel zwischen Eltern, pädagogischen Fachkräften und Kindern und Jugendlichen – durch einewertschätzende und bedürf- nisorientierte Haltung positiv zu gestalten. Was Menschen verbindet und Konflikte löst Das Konzept der „Gewaltfreien Kommunikation“ Marshall Rosenbergs Konzept für eine Gewaltfreie Kommunikation (GFK) rückt die Bedürfnisse jedes ein- zelnen in denMittelpunkt. Wenn die Grundbedürfnisse aller Menschen ernst genommen, verstanden und be- rücksichtigt werden, ist es möglich, die Beziehungen zwischen denMenschen zu stärken undmitfühlend und respektvollmiteinander umzugehen. Besonders inKon- fliktsituationen ist es notwendig, sich selbst und den anderen zu verstehen: Wasmotiviert uns, so zu denken und zu handeln, wie wir es tun? Worum geht es eigent- lich? Welches Bedürfnis liegt demVerhalten zugrunde? Für Rosenberg ist jede Form von Gewalt Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses – zum Beispiel des Be- dürfnisses, beachtet oder akzeptiert zu werden. Wenn Menschen sich nicht verstanden fühlen, reagieren sie – besonders in emotional aufgeladenen Situationen – oft mit Vorwürfen, Beschuldigungen, Abwehr und Angriffen. Das führt eher zur Eskalation als zur Lösung von Konflikten. Einfühlung und Verständnis sowohl für die eigenen Bedürfnisse als auch für die des anderen – also Empathie und Wertschätzung – ermöglichen es, aus diesem Teufelskreislauf auszusteigen und in em- pathischem Kontakt zu bleiben – eine Voraussetzung für konstruktive Konfliktlösungen. Vier Schritte zur Veränderung des Kommunikationsverhaltens Rosenberg hat ein „Vier-Schritte-Modell“ entwi- ckelt, das helfen soll, sein eigenes Kommunikations- verhalten zu verändern. Ein Konfliktgespräch sollte folgendem Ablauf folgen: Verbreitung Die Grundsätze und Methoden der GFK sind heute weltweit und auch in Deutschland verbreitet und Bestandteil vieler Aus- und Fortbildungen für Fach- kräfte, besonders im päda- gogischen Bereich im Rah- men von Gewaltpräventi- on. Entsprechend gibt es überall Kindertagesstätten, Schulen, Einrichtungen der offenen und stationären Kinder- und Jugendhilfe, die sich für den Ansatz in- teressieren, ihre Fachkräfte fortbilden und Trainings für Kinder und Jugendliche anbieten. Weitere Anwen- dungsfelder sind Elternbil- dung, Paarberatung sowie Coaching- und Therapie- verfahren. Auch Firmen, Politische Organisationen und Diplomatie nutzen das Konzept zur Bearbeitung von Konflikten. 2016 werden der GFK- Dachverband (D-A-CH e. V.) und die verschiedenen Netzwerke das 30-jährige Bestehen der „Gewalt- freien Kommunikation“ in Deutschland feiern. Cartoons: Sven Hartenstein AJS FORUM 3-2015.indd 12 22.09.15 15:53

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