Reader Gewaltp NRW online

217 13 3/2015 FORUM Carmen Trenz (AJS) trenz@mail.ajs.nrw.de » Wenn wir unseren Kindern vorleben, wie sie für sich sorgen, ohne andere zu verletzen, lernen sie alles, was sie zum Leben brauchen. « Isolde Teschner, zertifizierte Trainerin für Gewal freie Kommunikation Marshall Rosenberg Der US-amerikanische Psychologe Marshall Rosenberg (geb. 1934 in Ohio/USA, gest. im Fe- bruar 2015 in New Mexico/USA) wuchs in einer Arbeiterfamilie jüdischer Herkunft in einemGhetto von Detroit auf und wurde früh Zeuge von Gewalt und Rassenunruhen. Seit Anfang der 1960er Jahre arbeitete er als Konflikttrainer und Mediator und war über viele Jahrzehnte ein international tätiger Vermittler in Konflikten. 1984 gründete Rosenberg das Internationale Center für gewaltfreie Kommu- nikation in denUSA. Mit demvon ihmentwickelten Konzept der Gewaltfreien Kommunikation, das in der Tradition der Klienten-zentrierten Gesprächs- therapie seines Lehrers Carl Rodgers steht, lassen sich Differenzen bzw. Konflikte auf persönlichem, beruflichem und politischem Gebiet friedlich lösen. Rosenberg hatte in Alltagskonflikten, bei der Vermittlung rivalisierender Jugendbanden, bei Rassenunruhen und bei politischen Konflikten in Ländern Afrikas, Palästina, Israel, im ehema- ligen Jugoslawien mit seinen Programmen und Trainings Erfolge. Mit der von ihm entwickelten Methode „Mutual Education“ begleitete er viele Schulen beratend, was zu einem erheblichen Rückgang von Gewalt führte. Am Anfang ist Erziehung Rosenberg lag sehr daran, dass schon Kinder den wertschätzenden und lebensbejahenden Umgang miteinander in ihrem Umfeld erleben. Das könnte die Basis für eine dauerhaft friedfertige Gesellschaft sein. Auch Eltern und pädagogische Fachkräfte wünschen sich eine harmonische Beziehung mit den ihnen an- vertrauten Kindern und Jugendlichen. Dennoch üben sie häufig Druck aus und drohen Konsequenzen an, wenn die Kinder ihre Erwartungen nicht erfüllen. Sie glauben, dass sie nur so Orientierung und Struktur geben können. Im Mittelpunkt der Erzie- hung im Sinne der GFK steht demgegenüber die wertschät- zende Begegnung und das wirkliche Verständnis für das Kind, das es ihm ermöglicht, sein Bestes zu geben, weil es sich verstanden fühlt. Es geht darumherauszufinden, welches Bedürfnis hinter dem„störenden“ Verhalten, dem„Bo- cken“, „Trotzen“, „Provozieren“ oder „Zicken“ steht. Das kann das Bedürfnis nach Autonomie, Kontakt und Nähe, Anerkennung oder Ruhe sein. Wenn wir verste- hen, worum es eigentlich geht, ist es einfacher, einen Konsens für die unterschiedlichen Bedürfnisse, auch von Eltern und Kindern, zu finden. Trainingsmethode und Symbolfiguren Rosenberg und seine Anhänger benutzen in ihren Trainingsseminaren zwei Tierfiguren in FormvonHand- puppen als Metaphern für hilfreiche Kommunikation (Giraffe) und schwierige Kommunikation (Wolf). Die Giraffe symbolisiert die „Sprache des Herzens“, das Gute, das nach Auffassung von Rosenberg in jedem von uns wohnt. Die Giraffe steht für Eigenständigkeit, Selbstverantwortung, sie ist einfühlsam und kooperativ. Der Wolf symbolisiert das Dunkle in uns, unser „Schattenwesen“. Der Wolf denkt und handelt aggressiv und abwertend, weil er bedürftig ist: Er hungert nach Mitgefühl, Aner- kennung und Zuwendung. Die Giraffe hört das heraus und gibt ihm Einfühlung. Außerdem gibt es die Giraffenohren und die Wolfsohren. Wenn man die Giraffenohren aufhat, hört man hinter dem Bellen und Gei- fern des Wolfes immer seine frustrierten Bedürfnisse heraus. Wenn man die Wolfsohren aufhat, hört man dem anderen mit Misstrauen zu und vermutet hinter jeder ÄußerungMissachtung, Vorwürfe, unkooperatives Verhalten. Genauso kann man sich selbst zuhören. Mit meinen Giraffenohren schenke ichmir selbst Mitgefühl, mit den Wolfsohren höre ich: Ich werde abgelehnt, ich bin nichts wert. Anhand der Handpuppen können die Dialoge zwi- schen Giraffe und Wolf nachgespielt und eine andere Art der Kommunikation geübt werden. Eine Gefahr besteht darin, dassman sich selbst als Giraffe sieht und die anderen zu Wölfenmacht. Rosenberg selbst wirkte dementgegen, indemer immer wieder über Erlebnisse spricht, in denen er selbst sich als Wolf aufgeführt hat. ImAlltagmischen sich beide „Sprachen“, und es ist sicher nicht leicht, seine Sprache, seinDenken undHan- deln nachhaltig zu verändern. Auch fällt es Menschen aufgrund ihrer biografischen Erfahrungen mitunter schwer, offen über ihre Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen undmanchmal auch, sie überhaupt bewusst wahrzunehmen. Ziel der „Gewaltfreien Kommunikati- on“ ist es, mehr Verbindung unter den Menschen her- zustellen und Konflikte offen und konstruktiv zu lösen. Sich auf diesen Prozess einzulassen, lohnt sich für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Literatur Frank Gaschler/Gundi Gaschler: Ich will ver- stehen, was du wirklich brauchst. Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern. Das Projekt Gi- raffentraum. 6. Auflage, München 2012. Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommuni- kation. Aufrichtig und einfühlsam miteinander sprechen. 11. Auflage, Paderborn 2013. AJS FORUM 3-2015.indd 13 22.09.15 15:53 6. Ansätze, Präventions- und Interventionsprogramme

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