Reader Gewaltp NRW online
236 4 Thema 2-3/2012 Was soll mit den unter 14-Jährigen, die bereits im kindlichen Alter mehrfache sowie auch schwere Straftaten begehen, geschehen? U.a. diese Frage diskutieren am 25. April rund 260 Fachkräfte aus dem Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, Schule/Schulsozialarbeit und Polizei im Horion-Haus des Landschaftsver- bandes Rheinland in Köln. Angemeldet hatten sich 430 Personen, das Interesse war immens. Neben Fachvorträgen boten sechs Workshops viel Gelegenheit, mehr über die Praxis von Prävention, Intervention und Netzwerkarbeit zu erfahren.Veranstaltet wurde die Tagung vom Landesarbeitskreis Jugendhilfe, Polizei, Schule Nordrhein-Westfalen (LAK-NRW), dem die drei Landesstellen Jugendschutz, die beiden NRW- Landesjugendämter, das Landeskriminalamt, das Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei und das Ministerium für Schule und Weiterbildung angehören. Die organisatorische Federführung dieser 17. Tagung des LAK-NRW lag bei der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz Landesstelle NRW (AJS NRW e.V.). Thema „brennt unter den Nägeln“ Jürgen Jentsch, Vorsitzender der AJS NRW e.V., stellte in seiner Begrüßung fest, dass die große Nachfrage zeige, dass das Thema den Fachkräften unter den Nägeln brennt. Die Gruppe von sehr verhaltensauffälligen Kindern fordere ihre Erzieher in besonderem Maße und auch Pädagogen fühlten sich gelegentlich überfordert. Daher bräuchten Fachkräfte Rat und Unterstützung durch Fortbildung und Supervision. Viele Probleme ließen sich nur gemeinsam lösen, eine fundierte Netzwerk- „Frühe Hilfen statt später Strafen – was tun mit den unter 14-Jährigen?“: Fachtagung thematisierte Kinder unter der Strafmündigkeitsgrenze Netzwerke können verhindern, was Kinder straffällig macht arbeit und verlässliche Kooperationen seien unverzichtbar. Prävention gelingt nur im Zusammenspiel Auch Dieter Göbel, Fachbereichsleiter Ju- gend beim LVR-Landesjugendamt Rheinland, räumte ein, dass die sozialpädagogisch ausge- richtete Jugendhilfe oft große Schwierigkeiten habe, diesen Jugendlichen mit einer meist ausgeprägten Dissozialität und fehlender Em- pathie zu begegnen. In diesem Zusammenhang falle oft der Begriff „Systemsprenger“. Damit gemeint seien Kinder und Jugendliche, die zwischen Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie stetig hin und her pendeln, oftmals, weil bei- de Institutionen, auch wegen institutioneller finanzieller Schranken, diese Jugendlichen hin und her schieben und keiner ihnen mit Hilfeangeboten gerecht werden kann. Den Weg der Prävention einzuschlagen sei, so Göbel, „richtig und alternativlos“.Allerdings warnte Göbel davor zu glauben, dass man über einen präventivenAnsatz alles sozialschädliche Verhalten beseitigen kann. Dies würde bedeu- ten, dass man betroffene Familien unter eine permanente sozialstaatliche Kontrolle stellen würde. Das aber sei „nicht wünschenswert“. Außerdem müsse bedacht werden, dass kom- plexe Einflussfaktoren einfache Lösungen nicht zulassen. Viele Einflüsse lägen außerhalb der Bereiche, die Kommunen, Jugendämter, Schulen und die Polizei gestalten könnten. Sowohl Göbel wie auch Ministerialdirigent Manfred Walhorn, Leiter der Abteilung Kin- der und Jugend im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, machten in ihren Gruß- worten deutlich, dass kein Kind als Täter geboren werde. Verändert werden müssten die sozialen Missstände, die Kinder in solche Schwierigkeiten bringen. Walhorn empfahl, mit Hilfe einer verbesserten Kooperation die Familien möglichst früh zu erreichen, um sie auf nicht stigmatisierende Weise zu unterstüt- zen. Walhorn wünschte den pädagogischen Fachkräften, dass sie sich die dazu notwendige Frustrationstoleranz erhalten und durch Koo- perationen die Erfolge ihrer Arbeit verstärken. Prävention wirkt: Weniger junge Tatverdächtige Walhorn verwies auf leicht zurückge- hende Zahlen bei den Gewalttaten von unter 14-Jährigen seit 2009. Zuletzt wurden 2475 Gewalttaten von Kindern ausgeübt. Dies sei immer noch eine zu hohe Zahl, aber zugleich auch die niedrigsteAnzahl von tatverdächtigen Kindern seit Ende der 90er-Jahre. Er werte das als Signal, dass präventive Tätigkeit und Zusammenarbeit wirken. Dazu gehöre auch der Bildungsbereich. U. a. hierfür seien Konzepte und Maßnahmen im Kinder- und Jugendför- derplan festgeschrieben. „Wir halten es für wichtig, Akteure verlässlich zu fördern, weil diese Arbeit nur Erfolg haben kann, wenn man einen langen Atem hat“, so Walhorn. „Patrick. Eine Fallgeschichte“ Die Journalistin Ingrid Eißele vom Nach- richtenmagazin Stern aus Weinstadt in Baden- Württemberg beschrieb eindrucksvoll und Foto: Jürgen Weiske AJS Forum 2-3_12.indd 4 24.07.12 15:22 Foto: Jürgen Weiske
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