Reader Gewaltp NRW online
237 5 2-3/2012 aufrüttelnd die Lebensgeschichte eines jungen Mannes, der imAlter von 20 Jahren so massiv ausrastete, dass er gemeinsam mit drei wei- teren Tätern/innen einen Menschen beinahe umbrachte. Die Autorin hat „Patrick“ vier Jahre nach der Tat in der Sozialtherapeutischen Anstalt der JVA aufgesucht und interviewt. In ihrem Bericht gab sie Einblicke in die famili- äre Situation, Sequenzen der Erziehung und Gewalterleben im sozialen Umfeld. Faktoren wie Alkohol, Pubertät, erste Liebe sowie das Streben nachAnerkennung spielten eine Rolle, ebenso das „Abhängen“ mit der Clique. Es wurde deutlich: Patricks Entwicklung und noch junge Biografie war von Krisen geprägt. The- matisiert wurde die fehlende Aufmerksamkeit für den Jungen in einer kinderreichen Familie, eine phasenweise überforderte Mutter, der alkoholkranke Vater, die Trennung der Eltern. Außerdem beschrieb Eißele die Dynamik in der Gruppe und die Rolle der Mädchen, die an der Tat beteiligt waren. Sie warf Fragen auf, unter anderem nach der Verantwortung, denn Patrick war schon in jungen Jahren kein unbeschrie- benes Blatt mehr. Hätte ein genaueres Hinsehen nicht Schlimmeres vermeiden können? Spurensuche: „Was macht Kinder zu Tätern?“ Die Diplom-Psychologin und Psychothe- rapeutin Dr. Ute Projahn, Leiterin der Wohn- gruppen Euskirchen der LVR-Jugendhilfe Rheinland, griff den „Fall Patrick“ auf und analysierte ihn hinsichtlich der Fragestellung: „Was macht Kinder zu Tätern?“ Sie gab ver- schiedene psychologische Erklärungsversuche anhand konkreter Fälle von Kinder- und Ju- gendgewalt und zeigte „Spuren“ auf, die auf mögliche Ursachen und Gründe hinweisen. Neben der Analyse der familiären Situation beleuchtete Projahn in ihremVortrag eingehend die Gruppe als Auslöser von Gewalt und die Rolle der beteiligten Mädchen. Faktoren wie Alkohol, Eifersucht, psychische Einschrän- kungen bzw. Probleme der Einzelnen können dazu führen, dass sich eine Situation „auflädt“ und schließlich ein „Looser“ bzw. ein Schuldi- ger gefunden werden muss. Weiterhin rückte sie Kooperationsformen zwischen Jugendhilfe, Justiz und Kinder- und Jugendpsychiatrie in den Mittelpunkt. Diese drei Systeme müssten sich im Rahmen von Kooperationen stets hinterfragen, welche ge- meinsamen Ziele sie verfolgen. Kontinuierliche fachliche Schulungen und Supervisionen sowie kollegiale Beratungen seien notwendig. „Kinder sind keine Teamplayer mehr“ Projahn stellte fest, dass immer weniger Kin- der und Jugendliche zu Gefühlen wie Mitleid in der Lage sind. Der steigende Konkurrenz- und Leistungsdruck in der heutigen Gesellschaft trage dazu bei, dass Kinder keine Teamplayer mehr seien. Kinder aber müssten lernen, Sieger und Verlierer sein zu können, Frustrationen zu ertragen. Kinder, die emotional alleingelassen sind, rasten regelrecht aus, wenn sie nicht das bekommen was sie sich vorstellen. Angesichts negativ geprägter Biografien von auffällig ge- wordenen Kindern und Jugendlichen stünden Profis in der Kinder- und Jugendhilfe vor groß- en Herausforderungen. Insbesondere gehe es auch darum, Berührungsängste abzubauen und die eigene Arbeit stets zu hinterfragen: „Was haben wir als Profis in unseren Arbeitsfeldern für eine Streitkultur? Können wir zuhören und unsere Zuneigung zeigen, Wut ertragen, können wir verzeihen? Wie schaffen wir es als Erwachsene, Kinder dazu zu motivieren und zu Gemäß der Devise „Frühe Hilfe statt späte Härte“ sollen Kinder und Jugendliche im Alter zwischen acht und 15 Jahren, die bereits rechtswidrige Delikte begangen haben (z.B. eine Gewalttat oder schwere Eigentumsdelikte) und deren Lebensumstände zudem problembe- lastet sind, nachhaltig vor einem dauerhaften Abgleiten in die Kriminalität bewahrt werden. Es soll vermieden werden, dass aus ersten delinquenten Auffälligkeiten eine kriminelle Karriere entsteht. Durch ein strukturiertes Verfahren wird versucht, die Gefährdung von bisher wenig auffällig gewordenen Kindern zu erkennen, um sodann gezielte frühe Hilfe anzu- bieten, anstatt mit späten Strafen zu reagieren. Die Teilnahme an dem Programm ist freiwillig und kann nur mit der schriftlichen Einwilligung der Sorgeberechtigten erfolgen. In den Projektteams der Polizei sind pä- dagogische Fachkräfte wie Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, Erziehungswissenschaftler oder Psychologen mittels Dienstverträgen eingebunden, die verlässlicheAnsprechpartner für Familien und vor allem für die Kinder sein sollen. Die drei wesentlichen Aufgaben der pädagogischen Fachkraft sind die aufsuchende Arbeit, das Fallmanagement und die Netzwerk- arbeit. Die pädagogischen Fachkräfte seien die Bindeglieder zwischen Polizei und Jugendamt und koordinieren die Netzwerkarbeit. Die ange- botenen Hilfen, die von regionalen Anbietern geleistet werden, reichten vomAnti-Aggressi- onstraining über Lernhilfen und Sprach- und Sportangebote bis hin zu Elterntrainings. Die Resonanz der Eltern sei insgesamt positiv. Das Projekt werde von Seiten des Instituts für Psy- chologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel evaluiert. Workshops thematisierten die Praxis In sechs Workshops wurden neben Fachin- formationen auch beispielhafte Kooperationen, Netzwerke und Projekte – insbesondere für den Bereich Schule – vorgestellt. Melanie Garbas , Freie Journalistin, Waltrop Eine Gesamtdokumentation in Form einer DVD erscheint in wenigen Wochen. Besonders hinweisen möchten wir auf die Wiederholung der Tagung am 20. November 2012 in Münster. Programm und Anmeldefor- mular stehen nach den Sommerferien unter www.ajs.nrw.de (Aktuelles) „ Wir reden von Fällen, aber eigentlich geht es doch um die Kinder. In ihrem Interesse müsste man an einem Strang ziehen und alle Kompetenzen und Kräfte bündeln, so dass ihnen rechtzeitig größtmögliche Unterstützung und individuelle Hilfe zuteil wird. begeistern, etwas Gemeinsames mit anderen und möglicherweise auch mit uns zu tun?“ Projahns Wunsch an die Fachkräfte: „Was Kinder und Jugendliche brauchen, sind ver- lässliche, humorvolle, kreative und mutige Menschen, die ihnen begegnen wollen, notfalls aber auch im Wege stehen, wenn es sich um einen Irrweg oder eine Sackgasse handelt“. NRW-Initiative „Kurve kriegen“ Ministerialrat Peter Beckmann und Hei- ke Pohlmann, Referat „Projekt Prävention Jugendkriminalität“ (PPJ), Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes NRW, berichteten im Rahmen ihres Vortrags über „erste Erfahrungen“ bei der Durchführung der NRW-Initiative „Kurve kriegen – Dem Leben eine neue Richtung geben“. Mit Hilfe der dieser Initiative des Landes NRW soll verhindert wer- den, dass gefährdete Kinder und Jugendliche dauerhaft auf die schiefe Bahn geraten. Bereits wenige Monate nach demAuftakt nehmen 153 Kinder im Alter zwischen acht und 14 Jahren (davon 134 männlich und 19 weiblich) an dem Programm der Polizei teil (Stand April 2012). 2011 ist die NRW-Initiative in den acht ModellregionenAachen, Bielefeld, Dortmund, Duisburg, Hagen, Köln, dem Rhein-Erft-Kreis und dem Kreis Wesel gestartet. AJS Forum 2-3_12.indd 5 24.07.12 15:22 7. Kooperationen, Netzwerke und Good Practice Beispiele
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