Reader Gewaltp NRW online
238 Vorurteile und Berührungsängste abbauen 30 Jahre Landesarbeitskreis Jugendhilfe, Polizei und Schule NRW „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.“ Die moderne Um- setzung dieser afrikanischen Erkenntnis ist im Bereich Gewaltprävention ein örtliches Netzwerk. UmKinder und Ju- gendliche in Risiko- und Gefährdungs- lagen und ihre Familien wirksam zu unterstützen, ist eine abgestimmte gute Zusammenarbeit zwischen Schulen, Ju- gendämtern, freien Jugendhilfeträgern, der Polizei und weiteren Partnern eine wichtige Grundlage, z. B. in örtlichen Präventionsnetzwerken. Gemeinsam können Probleme frühzeitig erkannt und Präventionsmaßnahmen ergriffen werden, die von allen getragen werden und einander ergänzen. Der Landesarbeitskreis Jugendhilfe, Polizei und Schule NRW (LAK-NRW) hat sich zum Ziel gesetzt, die Lehrkräfte und Fachkräfte vor Ort in den Schulen, Kinder- und Ju- gendeinrichtungen, in den Polizeibehörden sowie in den kommunalen Gremien und Netzwerken bei der Bewältigung von Jugend- problemen und Verhaltensauffälligkeiten und besonders bei der Prävention zu unterstützen. Im Landesarbeitskreis sind seit dem Grün- dungsjahr 1984 die landeszentralen Träger der Jugendhilfe (Schwerpunkt Jugendschutz) wie die Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugend- schutz (AJS) NRW und die beiden Landes- jugendämter Rheinland undWestfalen-Lippe vertreten. Mitbegründer und aktiver Partner ist von Anfang an die Polizei mit dem Lan- deskriminalamt NRW und dem Landesamt für Aus- und Fortbildung. Seit 2004 ist der Bereich Schule, vertreten durch das Schul- ministerium NRW, im Landesarbeitskreis aktiv eingebunden. Dies unterstreicht noch einmal die Bedeutung der Schule für die Jugendkriminalitäts- und Gewaltprävention. 2011 wurde der Landesarbeitskreis nochmals erweitert um die Projektgruppe Prävention Jugendkriminalität im Innenministerium. Gegenseitiges Misstrauen Anlass, den LAK-NRW ins Leben zu rufen, waren häufige Konflikte zwischen Sozialpädagogen/-innen und Polizeibeamten/ -innen in den 1970er und 1980er Jahren. Diese traten besonders in den sensiblen Bereichen von Jugendauffälligkeiten (u. a. Drogen, Graf- fiti, Straßencliquen) und Straftaten auf und erschwerten eine sinnvolle Lösung von Pro- blemen, verhinderten diese sogar. Auf beiden Seiten waren Vorurteile, Berührungsängste und gegenseitiges Misstrauen verbreitet. Der ursprünglich „Sozialarbeit und Polizei“ genannte Landesarbeitskreis hatte daher zunächst das Ziel, dass die Fachkräfte der Jugendhilfe und der Polizei bei gemeinsamen Tagungen die Aufgaben und Ziele der jeweils anderen Profession besser kennenlernen, Vorurteile und Berührungsängste abbauen und Modelle der Zusammenarbeit – unter Wahrung ihrer unterschiedlichen Aufgaben – entwickeln können. Es wuchs die Erkenntnis, dass auffälliges und schädigendes Verhalten junger Menschen weder allein mit polizeilich- repressiven noch mit Mitteln der Kinder- und Jugendhilfe zu lösen sind. Im gegenseitigen Dialog wurden sukzessive Leitlinien für ein abgestimmtes Vorgehen entwickelt. Außer- dem wurde die Polizei mit der Einrichtung von Kommissariaten Vorbeugung auch selbst im präventiven Bereich aktiv. Als in den 1990er Jahren Gewaltvor- kommnisse an Schulen zunehmend öffentlich diskutiert und in mehreren Studien empirisch untersucht wurden, verstärkten die Schulen ihre (gewalt-)präventiven Aktivitäten. Ge- meinsammit Jugendhilfe, Polizei und weiteren regionalen Partnern entwickelten viele Schu- len Konzepte und Projekte der Prävention von Kriminalität, Gewalt, sexueller Gewalt, Sucht oder Rechtsextremismus. Heute ist ein Ziel des Landesarbeits- kreises erreicht: In nahezu allen nord- rhein-westfälischen Kommunen gibt es Örtliche Netzwerke und Runde Tische zur Kriminalitäts- oder Gewaltpräven- tion, an denen alle an der Erziehung beteiligten Institutionen mitwirken. Da Qualität und Erfolg kommunaler Netzwerke jedoch erheblich von per- sönlichen Voraussetzungen seiner Mit- glieder und strukturellen Bedingungen abhängt, hat der LAK-NRW 2010 in Münster mit 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Rahmen eines Worldcafès über das Thema „Vom Nebeneinander zum Miteinander – Netzwerke gegen Gewalt – Impulse für Schulen, Jugendhilfe und Polizei“ diskutiert und dabei Qualitätskriterien für gute Netzwerkarbeit identifiziert: Klare Zu- ständigkeiten, feste Ansprechpartner, gemein- same Ziele und Projekte, regelmäßige Treffen, Kontinuität, motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Kontakte auf Augenhöhe, Ver- trauen, Verlässlichkeit. DieseMerkmale kenn- zeichnen in hohemMaße auch die Arbeit des Landesarbeitskreises Jugendhilfe, Polizei und Schule und erklären, warum er nach 30 Jahren noch immer äußerst konstruktiv und erfolg- reich arbeitet – und alle gerne mitwirken! Die rechtliche Grundlage der Kooperation in NRW bestand insbesondere im Gemein- samen Runderlass „Zusammenarbeit bei der Verhütung und Bekämpfung der Jugendkri- minalität“ der Innen- und des Justizministeri- ums, des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales, des Jugendministeriums und des Schulministeriums vom 31.08.2007, der 2014 überarbeitet wurde (siehe Kasten rechts) . Auch § 5 des Schulgesetzes NRW fordert die vertrauensvolle Zusammenarbeit aller mit Jugendproblemen befassten Behörden, staat- lichen und nicht staatlichen Stellen. Der LAK-NRW trifft sich vier bis fünf Mal pro Jahr. Die Mitglieder tauschen sich über aktuelle Entwicklungen bei den 6 4/2014 Aus der Praxis Torsten Rex (MSW) torsten.rex@msw.nrw.de Mitglieder des Landesarbeitskreises Jugendhilfe, Polizei, Schule NRW (LAK-NRW) Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS) Landesstelle NRW e. V. Katholische Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz NW e. V. Ev. Arbeitskreis Kinder- und Jugendschutz NRW (Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe) Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei NRW Landeskriminalamt NRW LVR-Landesjugendamt Rheinland LWL Landesjugendamt Westfalen-Lippe Ministerium für Inneres und Kommunales NRW Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW Carmen Trenz carmen.trenz@mail.ajs.nrw.de Aus der Praxis
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