Reader Gewaltp NRW online
40 4/2000 Beitrag 4 Jugend und Gewalt Anmerkungen aus kriminologischer Sicht von Frank J. Robertz Straftaten werden am weitaus häu- figsten von jungen Männern in großen Städten begangen. Dabei stellt die Gewaltkriminalität einen relativ geringen Anteil an der Gesamtzahl der Straftaten dar, während der Anteil der Eigentums- delikte groß ist. Fest steht, daß Jugendliche und Heranwachsende im Vergleich zu an- deren Bevölkerungsaltersgruppen bei allgemeiner Kriminalität (und auch bei Gewaltkriminalität) überrepräsentiert sind und ihr Anteil zudem tendenziell zunimmt. Selbst wenn man die eingeschränkte Aussagekraft der Polizeilichen Krimina- litätsstatistik (PKS) berücksichtigt – so führt zum Beispiel eine höhere gesell- schaftliche Sensibilisierung gegenüber Gewalt zu mehr Anzeigen – bleibt der Eindruck, daß die Gewaltkriminalität Jugendlicher (wenn auch nicht in dem- selben Maße wie oft behauptet) tatsäch- lich ansteigt (vgl. Kürzinger 1993, 173). Selbst wenn sie das nicht täte, gäbe es aber einen (sozial‑)pädagogischen Handlungsbedarf, der nicht wegdiskutiert werden kann. Auch bei nur geringem Vorkommen dieser Delikte leiden Men- schen, und es ist unsere Aufgabe, Lö- sungen zu finden, umOpferwerdungen – gerade durch Gewaltdelikte – möglichst vorzubeugen. Was können wir tun? Als Kriminologe und Sozialpädago- ge habe ich zahlreiche Theorien und Ansatzpunkte zum Umgang mit Gewalt kennengelernt. Es gibt beispielswei- se in der Literatur vielversprechende Ansatz‑ punkte, die sich mit dem ge- samtgesellschaftlichen Gewaltklima, dem Einfluß der Massenmedien, psy- chopathologischen Einflüssen und neu- robiologischen und triebtheoretischen Konzepten beschäftigen. Sicherlich treffen viele dieser Ansatzpunkte auch in unterschiedlichem und individuell zu betrachtendem Ausmaß auf Kinder und Jugendliche, denen wir in unserer Arbeit begegnen, zu. Für uns ist es aber nicht nur wesentlich, ob diese Theorien greifen, sondern auch, ob sie tatsächlich von uns als Handelnden in unserem Aktionsfeld umsetzbar sind. Die meisten von uns werden nicht ausgebildet sein, um psychotherapeutisch zu arbeiten und nicht in der Lage sein, viel gegen den gesamtgesellschaftlichen Umgang mit Gewalt zu tun. Ich möchte Ihnen deshalb heute eine Theorie bzw. Theoriengruppe vorstellen, die ich für besonders greifend und be- sonders umsetzbar halte: Travis Hirschis “Soziale Kontrolltheorie”. Wie kann die Kriminologie helfen? Der Begriff “Kontrolle” bedeutet für Hirschi mehr als nur ,Überwachungʼ oder ,Prüfungʼ. Er steht vielmehr stell- vertretend für ein theoretisches Konzept, das im deutschen vielleicht besser mit ,Integrationstheorieʼ oder ,Theorie des sozialen Bandesʼ umschrieben worden wäre. Dennoch hat sich der Begriff ‚So- ziale Kontrolltheorieʼ in der wissenschaft- lichen Literatur durchgesetzt. Hirschi betrachtete die Verletzung ei- ner Norm nicht als Abweichung, sondern als normalen Zustand und glaubte, daß es eine Kraft geben müsse, die Men- schen von diesem, quasi natürlichen Zu- stand des instrumentellen Normbruches abhält (vgl. Hirschi 1969, 34). Er suchte also nicht nach der Ursa- che, warum Menschen straffällig bzw. ‚gewalttätigʼ, werden, sondern warum die meisten Menschen eben dies nicht tun. Er fragte, worin die Ursachen für normkonformes Verhalten liegen. Die Antwort sah er in einem Band an Konformität (social bond), das Menschen an die soziale Ordnung der Gesellschaft bindet. Dieses Band verhindert, daß die Begrenzungen strafrechtlicher Nor- men verlassen werden. Dabei ist diese Bindung an die Gesellschaft nicht als eintönige Einschränkung des Lebensall- tags zu sehen – Menschen können das Leben innerhalb des Konformitätsban- des interessant, vielseitig und erfreulich gestalten. Je stärker dieses soziale Band ist, umso geringer ist nach Hirschi die Wahr- scheinlichkeit von deviantem Verhalten. Das führt natürlich zu der Frage, wo‑raus denn nun dieses Band besteht: Hirschi fand vier verschiedene Va- riablen, die er mit attachment, com- mitment, involvement und belief be- zeichnete. Unter attachment verstand er emotio- nale Bindungen zu Personen oder Grup- pen, die sich selbst normkonform verhal- ten und dem betreffenden Jugendlichen das Gefühl geben, von deren Meinungen abhängig zu sein. Je stärker dieses at- tachment ausgeprägt ist, desto stärker wird auch das Band zur Gesellschaft und desto normkonformer wird sich der Betreffende verhalten. Besonders wich- tig ist dabei ein starkes attachment zu Eltern, Freunden und Schule.
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