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41 4/2000 5 Beispiel: Ein Jugendlicher, der sich Sorgen macht, was seine Eltern von ihm denken, wird mit großer Wahrscheinlich- keit nach Hirschis Theorie nicht seinen Lehrer bedrohen oder schlagen, wenn ihm dessen Unterrichtsstil nicht paßt. Dies würde mit Sicherheit seinen Eltern zugetragen werden und das Bild von ihm in deren Augen verändern. Die zweite Variable des sozialen Bandes, das commitment beinhaltet, daß ein Jugendlicher die Konsequen- zen seiner Handlungen für sich selbst bedenkt, bevor er handelt. Erachtet er nämlich seinen bislang erreichten Status quo als gefährdet, indem er sich normverletzend verhält, so ist die Wahrscheinlichkeit einer Normverlet- zung nach Hirschis Ansicht geringer (vgl. Hirschi 1969, 20‑21). Beispiel: Hat sich ein Jugendlicher mühevoll einen gewissen Besitz, Ruf o.ä. in der Gesellschaft erarbeitet, dann wird er diesen eher nicht aufs Spiel setzen, indem er jemanden mit übertriebener Gewalt angreift und dabei das Risiko eingeht, als staatlich und so- zial definierter Gewalttäter gravierende Einbußen seines Status quo hinnehmen zu müssen. Mit involvement , der dritten Variab- len, bezeichnete Hirschi das Ausmaß, in dem ein Jugendlicher mit der Aus- übung konventioneller Tätigkeiten, wie bspw. Arbeit, Hobbys, Verpflichtungen usw., beschäftigt ist. Für die Dauer, die diese Tätigkeiten in Anspruch neh- men, hat er, analog zu dem deutschen Sprichwort ,Müßiggang ist aller Laster Anfangʼ, schlicht keine Zeit übrig, sich abweichend zu verhalten (Vgl. Hirschi 1969, 21‑23). Beispiel: Ist ein Jugendlicher den ganzen Tag lang mit Beruf und Lei- stungssport beschäftigt, so hat er wenig Gelegenheit und Muße darüber nachzudenken, wie es wäre, einem Mitschüler die Jacke ,abzuziehenʼ oder ihn zu erpressen. Mit belief beschreibt Hirschi schließ- lich die Akzeptanz, welche ein Jugendli- cher einem gemeinsammit dem Umfeld geteilten konventionellen Wertesystem entgegenbringt. Seiner Ansicht nach werden Menschen zwar in ein gemein- sam geteiltes Normsystem sozialisiert, doch unterscheidet sich die Intensität des Glaubens an die Verbindlichkeit dieser Normen. Beispiel: Glaubt ein Jugendlicher an die absolute Verbindlichkeit des christli- chen Gebotes, nicht zu töten, dann wird er sich auch eher daran halten. Neben Hirschis eigenen Forschun- gen stützen viele weitere empirische Untersuchungen von Kriminologen seine Annahmen. Es finden sich aber auch Kritikpunkte an seiner Theorie. Schwachpunkte liegen demnach in der von Hirschi propagierten Universalität dieser Theorie, denn geschlechts‑ und altersabhängige Untersuchungen haben gezeigt, daß die vier Kontrollvariablen besser weibliches als männliches Ver- halten vorhersagen und daß sich die Stärke des sozialen Bandes von der Kindheit zum Erwachsenenalter in Ef- fektivität und Ausrichtung ändert. Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß die Bedeutung von Hirschis vier Elementen des sozialen Bandes zwar möglicherweise geschlechts‑, alters‑ und auch deliktspezifisch diffe- riert, daß seine Annahmen aber, bei vorausgesetzter Bindung an ein sich normgetreu verhaltendes Umfeld, ein sehr ernstzunehmender und gut umsetz- barer Ansatzpunkt sind. Ein wenig überspitzt formuliert ließe sich also formulieren: Gebt den Jugend- lichen erwachsene Bezugspersonen (attachment), etwas zu verlieren (com- mitment) etwas zu tun (involvement) und etwas, woran sie glauben, das sie nachvollziehen können (belief), und wir haben weniger Probleme mit der Jugendgewalt. Bevor wir jetzt genauer auf die prä- ventive Umsetzung dieser Theorie ein- gehen, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit noch einmal kurz auf eine Studie des Krimonlog. Forschungsinstitutes Nieder- sachsen (KFN) lenken: Unter dem Eindruck dieser Studie wurden auf dem letzten Deutschen Jugendgerichtstag in Hamburg (1998) sieben Thesen zur Jugendgewalt (Pfeif- fer/Wetzels 1998 und Pfeiffer et al. 1998) verteilt. Aus ihnen geht ein extrem rele- vanter Eckpunkt, der von Hirschi nicht explizit herausgestellt wird, hervor: Dabei handelt es sich um die starke Relevanz elterlicher Mißhandlung für die Gewalttätigkeit junger Menschen. Gleichwohl dieser Zusammenhang vorwiegend aus angloamerikanischen Studien belegt ist, hat das KFN nun auch für Deutschland hochsignifikante Zu- sammenhänge festgestellt in Bezug auf dieAbhängigkeit von Gewalterfahrungen in der Kindheit zu eigener Gewaltbefür- wortung, Feindseligkeitszuschreibungen und Konfliktkompetenz. Was tun? – Wege zur Prävention Wir müssen uns von der Vorstellung befreien, daß es Allheilmittel gibt. Keine Präventionsstrategie verläuft für alle Jugendlichen erfolgreich oder erreicht diese auch nur. Leider werden präventi- ve Maßnahmen aber gerade an spekta- kulären und in der Presse hochstilisier- ten Fehlschlägen bewertet. Begeht ein Jugendlicher, der eine entsprechende Maßnahme durchläuft, eine aufsehener- regende Tat, dann wird in der Regel die ganze Maßnahme nicht weiter finanziert, die Sozialarbeiter versetzt oder aber der politische Wirbel genutzt, um, anstelle des bestehenden Projektes, eine neue und natürlich viel bessere Maßnahme zu finanzieren, für die vorher keine Gelder zur Verfügung standen. Um Fehlinterpretationen vorzubeu- gen, erscheint es sinnvoll, Arbeitszeit in eine begleitendeAuswertung bzw. Doku- mentation der eigenen Erfolge zu inve- stieren (vgl. auch Cornell 1999, 2). Gibt es keine Probleme, dann kann man mit diesen Daten immerhin das existierende Programm beständig verbessern bzw. den Sinn von Neuerungen überprüfen. Versucht man nun Hirschis Gedanken in eine praktische Gewaltprävention umzusetzen, dann stellt man verblüfft fest, wie einfach das ist. Zur Erhöhung des attachement sollte man den Ju- gendlichen über eine längere Zeitspanne erwachsene Vertrauenspersonen zur Seite stellen. Commitment wird erreicht, wenn es gelingt, daß Jugendliche sich als selbstwirksam und verantwortlich erleben, Zukunftsperspektiven für sich sehen und somit etwas zu verlieren haben. Involvement ist mit attraktiven Freizeitangeboten zu erreichen und belief durch das Vorleben von sinnbrin- genden Regeln und durch Gespräche über gesellschaftliche Themen, die die Jugendlichen bewegen. An diesen Pro- zessen können sich alle Berufsgruppen, die mit Kindern und Jugendlichen arbei- ten, beteiligen. Frank J. Robertz Kriminologe an der Universität Hamburg (Der Text stellt einen Auszug aus seinem Refe- rat auf der Deutsch‑Niederländischen Tagung „Gewaltprävention“ dar. Die Dokumentation der Tagung, in der u. a. auch der folgende Text über die Glen Mills School abgedruckt ist, ist ab Februar 2001 bei der AJS zu beziehen.) 4/2000 5 Beispi l: E n Jugendlicher, d r sich Sorgen macht, was seine Eltern von ihm denken, wird mit großer Wahrscheinlich- keit nach Hirschis T eorie nicht seinen Lehrer bed oh n d r schlagen, w n ihm dessen Unterrichtsstil nicht paßt. Dies würde mit Sicherheit seinen Elt rn zugetra n w rden und das Bild von ihm in deren Augen veränd rn. Die zw ite Variable des sozialen Bandes, a commit en b inhaltet, daß ein Jugendlicher di Konsequen- zen sei er Handlungen für sich elbst bedenkt, bevor r handelt. Erachtet er nämlich seinen bislang erreicht n Status q o als gefährdet, indem er sich normve letz nd v rhält, so ist die Wahrscheinlichkeit einer Normve let- zung nach Hirsch s An icht gerin (vgl. Hirschi 1969, 20‑21). Beispi l: Hat sich e n Jugendlicher mühevoll inen g wiss n B sitz, Ruf o.ä. in der G sellschaft erarb itet, dann wird er i sen eher nicht aufs Spiel setzen, indem er jemanden mit übertrieben r Gewalt angreift und dabei das Risiko eingeht, als st atlich und so- zial definierter Gewalttäter gravie end Einbußen seine Status quo hinne men zu müssen. Mit involvement , der dritten Variab- len, b zeichn te Hirschi das Au maß, in dem ein Jugendlicher mit der Aus- übung ko ventioneller Tätigkei en, wie bspw. Arbeit, Hobbys, Verpflichtungen usw., beschäftigt ist. Für die Dauer, die diese Tätigkei en in Anspruch neh- men, hat er, nalog zu dem utschen Sprichwort ,Müßiggan ist aller Laster Anfangʼ, schlicht keine Zeit übr g, sich abweichend zu verhalt n (Vgl. Hirschi 1969, 21‑23). Beispi l: Ist ein Jugendlicher den ganzen Tag lan mit Beruf und Lei- stungssport beschäftigt, so hat er wenig Gelegenheit und Muße darüber nachzudenken, wie es wäre, einem Mitschüler die Jacke ,abzuziehenʼ oder ihn zu erpressen. Mit bel ef beschr ibt Hirschi sc l eß- lich die Akz ptanz, welche ein Jugendli- cher ein m g einsammit de Umfeld geteilt n konventionelle W rtesys m entg genbringt. Seiner Ansicht nach werden M schen zwar in ein g mein- sam geteilt s Normsystem ozialisiert, doch untersch idet sich d e Int nsität des Glaubens a die Verbindlichkeit dieser Normen. Beispi l: Glaubt ein Jugendlicher an die absolute Verbindlichke t des chri tli- en G botes, nicht zu töten, da n wird er sich au eher daran halten. Neben Hirschis eigen n Forschun- gen stützen vi le w itere empirische Untersuchungen vo Kriminologen seine A nahmen. Es finden sich aber auch Kritikpun te an sei er Th orie. Schwa punkte lieg n demnach in der von Hirschi propagierten Universalität dieser Th orie, denn g schl chts‑ und alters bhängige Unt rsuchungen haben gezei t, daß ie vier Kontrollva iablen besser weibliches als männliches V r- halten vorhersag n und daß sich d e Stärke des sozialen Ba des von der Kindheit zum Erwachsenenalt r in Ef- fektivität und A srichtung ändert. Zusammenfassend ka n festgestellt werden, aß die Bed utung vo Hirschis vier El menten d s sozialen Ba des zwar möglicherweise geschl chts‑, alters‑ und auch deliktspezifisch diffe- riert, daß seine A nahmen aber, i vorausgesetzter Bindung a ein sich normgetreu v rhalt ndes Umfeld, in sehr ernstzu ehmender und g t umsetz- barer Ansatzpunkt si d. Ein we ig überspitzt formuliert ließe sich also formulieren: G bt d n Jugend- lichen erwachsene Bezugsper onen (attachment), twas zu verlier n (com- mitmen ) twas zu tun (involvement) und etwas, oran sie glauben, das sie nachvollziehen kö nen (b lief), und wir haben w iger Probleme mit der Jugend walt. Bevor wir jetzt g nau r f die prä- venti Umsetzung dieser Th orie in- gehen, möchte i Ihre Aufmerksam eit noch einmal kurz a f eine Studie des Krimonlog. F rschungsinstitutes Ni der- sach en (KFN) lenken: Unter dem Eindruck dieser Studie wurden auf dem l tzten D utschen Jugend richtstag in Hamburg (1998) sieben Th sen zur Jugend walt (Pfeif- fer/Wetzels 1998 und Pfeiffer t al. 1998) verteilt. Aus ihnen geht ein extrem rele- vanter Eckpun t, der von Hirschi ni t explizit herausgestellt wird, hervor: Dabei handelt es sich um die starke Relevanz elterlich r Mißhandlung für die Gewalttätigkei junger M nschen. Gleichwohl dieser Zusammenhang vorwiegend aus nglo merikanischen Studien belegt ist, hat das KFN nun auch für Deutschland hochsignifika te Zu- sammenhänge festgestellt in Bezug auf dieAbhängigkeit von Gewalt rf hrungen in der Kindheit zu eigen r Gewaltbefür- wortung, Feinds ligkeitszuschreibungen und Konfliktkompetenz. Was tun? – Wege zur Präventio Wir müssen uns vo der Vorstellung befreien, daß es Allheilmitte g bt. Keine Präventionsstrategie verläuft für alle Jugendlichen erfolgreich oder err icht iese auch n r. Leider werden präventi- ve Maßnahmen ab r gerade an spekta- kulären und in der Pr sse hochstilisier- ten F hlschlägen bewert t. B geht ein Jugendlicher, d r eine ntsprechende Maßnahme durchläuft, eine aufsehen r- regende Tat, dann wird in der Regel die ganze Maßnahme nicht weiter finanziert, die Sozialarbeite versetzt oder ab der politische Wirbel genutzt, m, anstelle des besteh nden Projektes, eine neu und natürlich viel besser Maßnahme zu finanzieren, für die vorher keine Gelder zur Verfügung standen. Um Fehlint rpretationen vorzubeu- gen, ersch int es sinnvoll, Arbeitsz it in eine begleit ndeAuswertung bzw. Doku- mentatio der eig n n Erfolge zu inve- stieren (vgl. auch Cornell 1999, 2). Gibt s keine Probleme, dann k ma it iesen Daten immerhin das existi rend Programm beständig verbessern bzw. den Sin vo Neuerung n üb rprüfen. Versucht man nun Hirschis Gedanken in eine praktische Gewaltprävention umzuset en, da n stellt man verblüfft fest, wie einfach d s ist. Zur Erhöhung des attachement soll e man de Ju- gendlichen üb r ein läng re Z itspanne erwachsene Vertrauensp rsonen zur Seite st ll n. Commit en wird erreicht, wenn s gelin t, daß Jugendliche sich als se bstwirksam und verantwortlich erleb n, Zukunftsperspektiv n für sich sehen und somit etwas zu verlier n haben. Involvement ist m t attraktiven Freizeitangebot n zu erreichen und belief durch das Vorleben von sin br - genden R geln und durch Gespräche über gesellschaftliche T men, di die Jugendlichen beweg n. An diesen Pro- zessen kön en sich alle Berufsg ppen, die mit Kindern und J gendlichen arbei- ten, b teiligen. Frank J. Robertz Kriminologe an d r Universität Hamburg (Der Text stellt ein n Auszug aus seinem Refe- rat auf der Deutsch‑Niederlän ischen Tagung „Gewaltprävention“ dar. Die Dokumentatio der Tagung, in der u. a. a ch der folg nde T xt über die Glen Mil s School abgedruckt ist, is ab Februar 2001 bei der AJS zu beziehen.) 1. Gewaltphänomene | Jugendgewalt

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