Reader Gewaltp NRW online

42 Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen ist primär ein Erziehungsproblem NRW-Justizminister Wolfgang Gerhards äußerte sich anläßlich der Vorstellung der nordrhein-westfälischen Strafverfolgungssta- tistik 2002 besorgt über die steigende Gewalt bei Kindern und Jugendlichen. Als Ursache vermutet er Erziehungsprobleme in den Familien und vor allem die Unfähigkeit, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Auch Gewaltdarstellungen im Fernsehen schließt er als Grund nicht aus. Die Gesellschaft fordert Gerhards auf, Gewalt zu tabuisieren. Eine Verschärfung des Strafrechts, etwa eine Her- absetzung der Strafmündigkeitsgrenze, könne angesichts dieser Ursachen nicht weiterhelfen, so Gerhards. An der Ein- schätzung des Justizministers ist vieles richtig. Es ist zu begrü- ßen, dass er sich gegen (unwirk- same) Straf- verschärfungen ausspricht. In der Tat entsteht Gewalt dort, wo Menschen es nicht gelernt haben, offen miteinander zu kommunizieren und Konflikte konstruk- tiv zu lösen. Diese Unfähigkeit ist weit verbreitet und nicht nur in Problemfamilien anzutreffen. Es gibt aber mittlerweile viele gute Ansätze und Programme, die sich an Familien, Schulen und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe richten. Sie geben den Erwachsenen Anregungen für ihr Erziehungsverhalten. Kinder und Jugendliche lernen in sozialen Trainingskursen, Streitschlichter-Projekten, Anti-Aggressivitäts-Trainings und oder Selbstbehauptungskursen, wie sie sich angemessen behaupten und Konflikte fair und konstruktiv lösen können. Diese Angebote sind nicht zum Nulltarif zu haben. Aber auch in Zeiten angespannter Haushaltslagen müssen sich Politiker der Frage stellen, welche Folgen Einsparungen in gesellschaftlich zentralen Bereich wie der Familien- und Jugendpolitik haben. Eines sei zum Schluß noch angemerkt: die Lage der Jugend- gewalt ist ernst, aber nicht hoffnungslos: Die Polizeiliche Krimi- nalstatistik zeigt seit einigen Jahren einen leichten Abwärtstrend bei den jungen Tatverdächtigen, und auch der Anteil der strafun- mündigen Kinder, die wegen einer Gewaltstraftat aufgefallen ist, ist rückläufig. Und das, obgleich vermutet wird, dass heutzutage Gewalt eher angezeigt wird als noch vor einigen Jahren. aus: WEISSER RING direkt 3/2003 1 4/2006 Forschung und Statist Jugendgewalt in Deu 1. Jugendgewalt ist ein unscharfer Begriff. Die offizielle PKS versteht unter Jugendgewalt schwere bis mittelschwere körperliche Straf- taten von jungen Menschen zwischen 14 und 18 Jahren (Jugendliche) bzw. bis zu 21 Jahren (Heranwachsende). Die Jugendlichen begehen vor allem gefährliche Körperverletzung und Raub. Vergewaltigung, Mord und Totschlag sind zahlenmäßig äußerst gering. 2. In der Bevölkerung werden aber meist auch weniger heftige aggressive Handlungen von jungen Menschen als Jugendgewalt bezeichnet. Das reicht von der leichten Körperverletzung über Beleidigungen bis hin zu den vielfältigen Formen des Mobbings. In meinem Beitrag werde ich auf die ganze Bandbreite vonAggres- sivität und Gewalt bei Jugendlichen eingehen. 3. Meine Hauptquellen sind: - Die offizielle Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), die über die angezeigten und damit bekannt gewordenen Straftaten von Minder- jährigen informiert. - Mehrere Forschungsinstitute haben Dunkel- felduntersuchungen in Form von repräsen- tativen Schülerbefragungen durchgeführt. Besonders umfangreiche Studien wurden in den letzten Jahren vomKriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN), Hannover, unter Leitung von Prof. Pfeiffer und vom Institut für Psychologie der Uni- versität Erlangen-Nürnberg unter Leitung von Prof. Lösel veröffentlicht. - Im Sommer 2001 hat die Bundesregie- rung erstmals einen Periodischen Sicher- heitsbericht vorgelegt, in den neben den offiziellen Statistiken auch Dunkelfeld- forschung und Opferbefragungen und wissenschaftliche Analysen eingegangen sind. Soeben ist der 2. Periodische Sicher- heitsbericht erschienen. 4. Aus der Polizeistatistik geht hervor, dass die Zahl der tatverdächtigen jungen Menschen seit 1998 stagniert bzw. leicht zurückgeht, nachdem es in den 1990er Jahren steteAnstiege gab. Besonders stark ist die Zahl der Kinder gesunken. Gegenüber der Gesamtkriminalität nimmt allerdings die registrierte Gewaltkri- minalität bei den Minderjährigen kontinuier- lich zu. Einen Anstieg gibt es vor allem bei schweren Körperverletzungen. Raubdelikte nehmen z Beispiel Uhren u. immer ei 21 Jahre einer Ge den letzt (in NRW absolute Taten der Außer und jung kriminali vier Fünf jungen dächtige jungen F der leicht 1993 ver Nach Jungen u sind meis tens unte für ältere Bei d haben üb tige nich Allerdin Jugendli schwerer ausländis sind vor männlich kriminali Die G land vor staaten (a kriminell die Ausn Der kriminali für Aufre logen de offizielle darauf be mehr ang Dunkelfe Debatte dazu gefü mehr übe gehen Po raten den l Standardisierte Trainingsprogramme soll- ten auf die Bedürfnisse der jeweiligen Schule zugeschnitten werden und Lehrer, Eltern und Schüler an der Umsetzung be- teiligt werden. Angebote der Jugendhilfe und Polizei Die öffentlichen und freien Träger der Jugendhilfe, die Polizei und kommerzielle Träger bieten eine Vielzahl von Trainings an, die allerdings meist sehr punktuell sind und oft unkontrolliert und ohne Wirksamkeitskontrol- le durchgeführt werden. Die meisten Kurse, Workshops, Trainings u.ä. werden für und in Zusammenarbeit mit Schulen angeboten. Einige Trainings werden auch in der außer- schulischen Ju endarbeit, in Erziehungsheimen u.ä. d rchgeführt. Die Trainings richten sich an verschiedene Zielgruppen: Für Jugendliche mit Gewaltneigungen oder verurteilte Gewalttäter gibt es: Anti-Gewalt- Trainings entweder ambulant im Rahmen der erzieherischen Sanktionen oder im Jugendge- fängnis, Coolnesstraining für gewaltgefährdete Jugendliche im Rahmen von Jugendarbeit oder in der Schule. Potentiellen oder bereits betrof- fenen Opfern werden Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungtrainings angeboten. Deeskalations- und Zivilcouragetrainings richten sich meist an jugendliche Zuschauer, die zum Eingreifen und zur Zivilcourage er- muntert werden sollen. Die Methoden der verschiedenen Trainings ähneln sich oft. Fast alle arbeiten mit angelei- teten Übungen und insbesondere mit Rollen- spielen. Bei den auf Konfrontation angelegten Anti-Gewalt-Trainings spielt der sogenannte “Heiße Stuhl” eine große Rolle. Tatsache ist, dass viele Anbieter sich auf diesem Feld tummeln und die Qualität der An- gebote höchst unterschiedlich ist. Sie reichen von sehr professionell bis nicht empfehlenswert und manche sind sogar kontraproduktiv. Bis- lang gi t es kaum Qualitätsstandards, die aber dringen no wendig sind, bedenkt man, dass die Trainings zum Teil massiv in die private Sphäre und Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen eingreifen. Carmen Trenz (AJS) Dieser wie auch der nebenstehende Text stellt den Beitrag der Autorin für den Jubliläumskongress „Anti-Gewalt“ An- fang November in Amsterdam dar.

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